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Marksteine der Stadtgeschichte

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In Gießen, über Gießen: Das Oberhessische Museum zeigt eine Sonderausstellung über Leib’sches und Wallenfels’sches Haus.

Gießen. Zwei Gebäude, mit denen sich die bewegte Geschichte Gießens auf besondere Weise verbinden lässt: das Leib’sche und das Wallenfels’sche Haus am Kirchenplatz. Voraussichtlich bis 2025 sind diese zwei der insgesamt drei Standorte des Oberhessischen Museums wegen umfangreicher Umbauarbeiten geschlossen. Dafür können sich die Besucher nun im Alten Schloss in einer kompakten und voller lohnender Details steckenden neuen Sonderausstellung mit dem bewegten Schicksal der beiden Häuser vertraut machen. Der Titel: »Zeitenwandel«.

Dabei wird der Weg der Besucher zunächst voraussichtlich erst einmal zum Stadtmodell führen, das nun im Laborraum des Alten Schlosses seinen temporären Standort gefunden hat. Ein Blick auf diesen von Swen Richert und Dr. Werner Schmidt ehrenamtlich und mit viel Liebe zum Detail erweiterten Publikumsmagneten gibt eine gute Vorstellung davon, wie es einst rund um dieses Häuserpaar ausgesehen hat. Und es zeigt, wie eng und verbaut die Innenstadt noch im 19. Jahrhundert war - der offene Blick auf die (heute rekonstruierten) Fassaden blieb damals vom Kirchenplatz aus versperrt.

Dabei ist das Leib’sche Haus laut Kuratorin Linda Heintze das letzte Fachwerkgebäude seiner Art in Gießen. Es stammt aus dem Jahr 1350 und vereint zwei unterschiedliche Bauweisen, was es zu einem besonderen historischen Prachtstück macht. Wie sein Nachbar entstand es entlang der alten Stadtmauer, die dem frühneuzeitlichen Gießen jahrhundertelang seine engen Grenzen wies. Und das erklärt auch die Enge, die einst auf den Gassen herrschte, wie das Stadtmodell anschaulich zeigt. Beide Häuser befanden sich lange in den Händen der Obrigkeit, erst im 19. Jahrhundert gingen sie in Privatbesitz über - und kamen so zu ihrem bis heute gängigen Namen. Ein Zeitstrahl listet anschaulich die Namen der unterschiedlichen Eigentümer auf.

Zu denen gehörte schließlich Carl Ludwig Leib: ein Kunsthändler, der 1850 in das Gebäude zog und 1873 auch seine Geschäftsräume dort unterbrachte. In der Ausstellung zu sehen sind nicht nur alte, von ihm gerahmte Ansichten der Innenstadt, sondern auch zwei Rückseiten von Gemälden, auf denen der Leib’sche Kunsthandel vermerkt ist. Ebenso interessant ist das Schicksal des benachbarten Hauses, das sich vom 13. bis ins 18. Jahrhundert im Familienbesitz der Herren von Schwalbach befand, bis es an die regierenden Landgrafen überging. Es wurde zur Hofkammer und später zum Kammergericht. 1857 übernahm es die Färberfamilie Wallenfels, die dort fortan ihre Geschäfte führte. Ein schönes Objekt der Ausstellung ist ein rot-blau-weißes Kunststoffschild aus den 1960er Jahren, das die Färberei und chemische Reinigung bewirbt. Wie es dort in den Wirtschaftswunderjahren aussah, vermitteln auch Fotos, von der Familie Wallenfels beigesteuerte Leihgaben wie ein Bügeleisen, alte Farbkarten sowie ein fünfminütiger Film mit Originalaufnahmen.

Ein weiteres Kapitel der Schau ist dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. Den Bombenhagel am 6. Dezember 1944 überstanden auch diese beiden Häuser nicht. Zeitzeugenberichte und Fotos geben einen Eindruck von den Folgen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen historischen Gebäuden wurden diese beiden städtischen Aushängeschilder nach dem Krieg wieder aufgebaut. Die Stadt erwarb sie und widmete sie in den 80er Jahren in Museen um. Auch davon erzählt die Ausstellung: anhand von Einladungskarten, Gästebüchern und Zeitungsausschnitten aus dem Gießener Anzeiger.

Den Abschluss bilden zahlreiche künstlerische Perspektiven auf das Häuserduo: Zeichnungen, Aquarelle oder in Öl gefasste Ansichten zeugen davon, welchen Stellenwert diese beiden Marksteine für die Stadtgeschichte haben. Und auch die Besucher selbst können sich an der Schau beteiligen. Eigene Gedanken und Ideen können notiert werden. Auf einer Magnettafel lässt sich überprüfen, ob man noch weiß, welche Abteilung sich in welchem der beiden Häuser befunden hat. Und schließlich ruft das Oberhessische Museum über seine sozialen Kanäle dazu auf, eigene Fotos einzureichen, die dann eventuell auf einer weiteren Stellwand des Laborraums zu sehen sein werden.

Die Ausstellung im Alten Schloss läuft bis zum 25. September.

Eine Führung zur aktuellen Sonderausstellung bietet Kuratorin Linda Heintze am heutigen Donnerstag um 18 Uhr im Alten Schloss an. Eine Anmeldung ist erforderlich, online unter www.museum.giessen.de.

Christine Reinle, Professorin für Landesgeschichte an der JLU, hält am Mittwoch, 6. Juli, um 18 Uhr einen Vortrag über das »mittelalterliche Gießen im Spiegel archäologischer und urkundlicher Quellen«.

Beim nächsten Erzählcafé am Dienstag 21. Juni, von 15 bis 17 Uhr können Besucher eigene Geschichten beisteuern sowie Fotos und Objekte mitbringen.

Weitere Programmangebote gibt es im Internet auf www. museum.giessen.de. (red)

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