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Medikamente bleiben aus

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Von: Petra A. Zielinski

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In Apotheken kommt es immer wieder zu Lieferengpässen. Die Gründe sind vielschichtig. Die Pandemie hat das Problem noch verschärft. Symbolfoto: dpa/Hauke-Christian Dittrich © Red

Die Apotheken in Gießen kämpfen mit Lieferengpässen - die Gründe dafür sind vielschichtig und nicht alle pandemiebedingt

Gießen . Fiebersäfte, Antibiotika, Mineralstoffmischungen gegen Durchfall: Immer mehr Medikamente sind in deutschen Apotheken nicht mehr verfügbar. Eine Entwicklung, die sich bereits seit Jahren abgezeichnet hat, durch die Pandemie allerdings nochmals verstärkt wurde. Die Gründe für die aktuellen Engpässe sind vielschichtig.

Ein Großteil der Medikamente wird mittlerweile billig in großen Werken in China oder Indien gefertigt, sprich die Lieferketten sind lang und verzahnt. Bis ein Medikament in Deutschland ankommt, hat es in der Regel viele Länder durchreist. Außerdem kann es immer mal wieder vorkommen, dass Qualitätsmängel festgestellt werden.

»Es braucht nur mal ein Schiff im Suez-Kanal liegenzubleiben und die Lieferkette ist unterbrochen«, erklärt Mira Sellheim, die zwei Apotheken, eine in Gießen und eine weitere in Rodheim-Bieber, betreibt. Etwa 125 Medikamente fehlen der Apothekerin derzeit, darunter Buscopan, Fiebersäfte für Kinder, Blutdruckmittel, Elektrolyte gegen Durchfall, Antibiotika und Schmerzmittel. Vor allem bei Fiebersäften habe sich die Lage extrem zugespitzt, bedauert sie. »Und das in Deutschland, einer der reichsten Industrienationen.«

Eine wesentliche Rolle spielen auch die sogenannten Rabattverträge, die Krankenkassen mit Herstellern von Medikamenten abschließen. Die Hersteller, die den höchsten Rabatt bieten, erhalten von den Kassen den Zuschlag. Dies führt dazu, dass eine Krankenkasse nicht selten nur bei einem oder zwei Unternehmen ordert und sich somit in Abhängigkeit begibt. Denn wenn es dann zu einem Problem bei der Produktion kommt, ist die Versorgung gefährdet.

Bestes Beispiel sind die Fiebersäfte. Hier gibt es in Deutschland nur noch zwei Paracetamol-Hersteller: Ratiopharm und die Bene Arzneimittel GmbH. »Alle anderen sind ausgestiegen, da sich für sie die Produktion nicht mehr gelohnt hat. Die Marktkonzentration bei Rabattverträgen führt unweigerlich dazu, dass sich die anderen Anbieter zurückziehen«, bedauert Mira Sellheim.

Alternativen nicht einfach zu finden

Alternativen zu finden, sei schon bei Fiebersäften nicht einfach, bei dem Brustkrebsmittel Tamoxifen - das ebenfalls lange nicht erhältlich war - jedoch beinahe unmöglich. »Hier mussten wir vorübergehend ein Medikament aus der Schweiz importieren«, erklärt sie.

Die Lieferengpässe führen dazu, dass Mira Sellheim und ihre Kolleg(innen) einen Großteil ihrer Zeit mit Telefonieren verbringen müssen. Wenn das gewünschte Präparat nicht lieferbar ist, gilt es beispielsweise Rücksprache mit Hausärzten zu halten und zu recherchieren, ob bei einem Alternativprodukt ungewünschte Nebenwirkungen auftreten können. Manchmal müsse man auch auf kleinere oder größere Packungen ausweichen. Hierfür benötige man dann allerdings wieder ein neues Rezept des Arztes, der das Rezept ausgestellt hat.

Fast eine Stunde pro Tag sei sie mit der Beschaffung fehlender Medikamente beschäftigt, erklärt die Apothekerin. »Wir sind sehr gut im Organisieren geworden. Denn es ist einfach furchtbar für uns, wenn wir unsere Kunden nicht mehr versorgen können.«

Das Ausweichen auf andere Arzneimittel mit vergleichbarer Wirkung könne gefährlich sein, denn viele Menschen würden ihre Medikamente an Form und Farbe erkennen und nicht am Namen. Würden sich diese ändern, könne es leicht zu Fehleinnahmen kommen.

Bei Buscopan - einem Mittel gegen Regelschmerzen - gäbe es aktuell nur die Version »Buscopan plus«. »Da ist zusätzlich Paracetamol enthalten, was nicht von allen gewünscht ist«, erklärt sie. Problematisch sei, dass auch Nifedipin-Tropfen, die bei Problemen mit dem Blutdruck zum Einsatz kommen, derzeit nicht verfügbar sind.

Spritze in der Klinik deutlich teurer

»Stattdessen müssen Betroffene sich nun in der Klinik eine Spritze verabreichen lassen, was deutlich teurer ist und mehr Aufwand bedeutet«, bedauert die Apothekerin.

Zum Glück seien viele Kunden bereits über mögliche Lieferengpässe informiert und würden ihrem Rat, Ruhe zu bewahren, folgen. Mira Sellheim warnt eindringlich davor, Medikamente zu horten. »Der Körper verändert sich. Medikamente, die jetzt vielleicht nötig sind, werden vielleicht künftig nicht mehr gebraucht.« Darüber hinaus sei es unfair, anderen Menschen Medikamente wegzunehmen.

Medikamente in heutiger Zeit selbst herzustellen, bedeute einen hohen Verwaltungsaufwand. Darüber hinaus müsse man die Rohstoffe bekommen. »Der Preis würde sich um ein Vielfaches erhöhen, denn industriell hergestellte Präparate sind immer billiger«, macht Mira Sellheim deutlich. Auch der Geschmack, beispielsweise bei Fiebersaft für Kinder, müsse getroffen werden. »Wenn es aber nicht anders geht, werden wir darüber nachdenken.«

Ein Fehler sei, akzentuiert die Apothekerin, dass die Regierung »in das marktwirtschaftliche System durch zu viele Reglementierungen planwirtschaftlich eingegriffen« habe.

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