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Mehr als ein interner Umzug

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Von: Albert Mehl

Die Vitos-Klinik für Psychosomatik in Gießen hat nicht nur die Zahl der Therapieplätze erweitert. Die Behandlungsmöglichkeiten haben ebenfalls zugenommen.

Gießen. Wer die Licher Straße herunterkommend in die Stadt fährt, sieht hinter dem zu unterquerenden Gießener Ring linker Hand ein weitläufiges Gelände mit etlichen Gebäuden. Manche wissen vielleicht, dass in diesem Park »psychiatrische Kliniken« beheimatet sind. Was sich tut in dieser Vitos-Klinik, wie es auf dem Schild unter der Straßennummer 106 heißt, darüber können wohl nur Patienten und deren Angehörige sowie die dort arbeitenden Menschen genauer Auskunft geben. Da bedarf es schon eines Pressegesprächs, um zu erläutern, dass einiges geschieht an der Licher Straße. Beispielsweise, dass Prof. Uwe Gieler ein »bisschen stolz« ist. Man habe etwas aufgebaut, für das großer Bedarf bestehe, sagt der Klinikdirektor.

»Ein Meilenstein von vielen«

Denn die Vitos-Klinik für Psychosomatik (KPS) Gießen ist innerhalb des Geländes umgezogen. Dabei hat der Umzug in das Haus 6a im neu sanierten Gebäudetrakt für eine Erweiterung der Therapieplätze gesorgt. Statt vormals 15 stationären Plätzen und fünf in der Tagesklinik (wie vormals in Haus 10) stehen jetzt jeweils 18 in den drei Etagen zur Verfügung. In baldiger Zukunft sollen es je 27 Plätze für beide Bereiche sein. Für Max Heuchert, den Geschäftsführer der Klinik, ist das jedenfalls ein »Meilenstein - ein Meilenstein von vielen«, wie er anfügt. Dabei bezieht er sich unter anderem auf den Neubau der nun direkt benachbarten Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie anno 2015, in Folge dessen die seit vergangenem Sommer erfolgte Neugestaltung des bestehenden Altbaus zu sehen ist.

Dass das Geld gekostet hat, ist naheliegend. Doch mit der Investition von 3,1 Millionen Euro durch Vitos Gießen-Marburg stehe man gut da, findet Kristina Kehm als Abteilungsleiterin Unternehmensentwicklung. Denn die Steigerung um rund 400 000 Euro gegenüber den Ursprungsplanungen falle im Vergleich zu anderen Bauvorhaben »moderat« aus. Schließlich gibt es nicht nur mehr Therapieplätze. Und die umgezogene Einrichtung kann auch nicht nur mit hellen, freundlichen Zweibett-Zimmern punkten. Die Behandlungsmöglichkeiten haben ebenfalls zugenommen. Ein Aufenthaltsraum mit Essbereich, ein Multifunktionsraum (unter anderem mit einem Klavier) und ein Therapiebad auf jeder Station sowie im Keller Räume für Ergo- und Bewegungstherapie runden das Nutzungsangebot ab. Hinzu kommen noch energetische Maßnahmen, wie Kehm erläutert. So sollen, wie auf den anderen Kliniksgebäuden auch, im nächsten Jahr Photovoltaikanlagen installiert werden.

Angststörungen nach Herzinfarkt

Und wozu das alles? So könnte jetzt der Laie fragen. Um Patientinnen und Patienten ab 18 Jahre mit psychosomatischen Erkrankungen zu behandeln, wäre eine zutreffende Antwort. Susanne Richter-Polig von der Öffentlichkeitsarbeit bei Vitos hat das etwas ausführlicher erklärt: »Das sind einerseits belastende körperliche Symptome, für die es keine organische Ursache gibt - etwa Magen- oder Herz-Kreislaufprobleme, deren Auslöser Belastungs- oder Stressreaktionen sind. Andererseits sind es körperliche Erkrankungen, die psychische Probleme nach sich ziehen. Das können zum Beispiel Angststörungen sein, die nach einem Herzinfarkt auftreten«.

Prof. Uwe Gieler ordnet sein Arbeitsfeld etwas differenzierte in den Rahmen der Medizin ein. So gebe es zwei Bereiche, die sich im Medizinischen derzeit erweitern würden. Das seien zum einen die Plastische Chirurgie und dann die Psychosomatik.

Dabei kann Gießen mit seiner psychosomatischen Abteilung weitere Pluspunkte sammeln. Die Klinik an der Licher Straße hat zum einen ein »Multimodales individualisiertes Therapieangebot« entwickelt. Ein Resultat davon ist, dass, beschleunigt durch die Folgen der Corona-Krise, Patientengespräche nun auch per Video geführt werden können, wie der Klinikdirektor erläutert. Daneben deckt er mit seinem Team im neuen Domizil zwei Spezialgebiete ab. Einmal die Psychodermatologie, die sich mit der Wechselwirkung von Haut und Psyche beschäftigt. Für Menschen mit chronischen Hauterkrankungen sind auch die neuen Spezialbäder gedacht. Uwe Gieler gibt gerne zu, auf diesem Gebiet ein Spezialist zu sein und dadurch deutschlandweit Anfragen zu erhalten.

Behandlung von Post-Covid

Ein zweiter Schwerpunkt liegt in der Behandlung des Post-Covid-Syndroms. Hier haben die Gießener Psychosomatiker innerhalb der vergangenen zweieinhalb Jahre schon viele Erfahrungen gesammelt und setzen mit besagtem multimodalen Konzept vor allem auf verschiedene Formen der Bewegungstherapie. Ganz generell hätten die psychischen Belastungen durch Corona zugenommen, sagt Gieler.

Doch in der Vitos-Klinik wollen sich die Verantwortlichen nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Es soll weiter gebaut werden. Sie hätten schon verschiedene Pläne zur »Weiterentwicklung im Bestand«, wie Max Heuchert verdeutlicht. So steht als nächster Schritt die Bündelung der Verwaltung der Kliniken in Haus 10 auf dem Programm. Aber auch davon wird kaum ein Autofahrer etwas mitbekommen, wenn er über die Licher Straße in die Stadt fährt.

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