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Mehr Angriffe auf Polizisten

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Mit 66,6 Prozent verzeichnet das Polizeipräsidium Mittelhessen die beste Aufklärungsquote seiner Geschichte. Archivfoto: Mosel © Jasmin Mosel

Die Gewalt gegen Polizisten in Gießen hat im vergangenen Jahr zugenommen. Das zeigt die neue Kriminalstatistik 2021. Es hat aber noch viele andere Herausforderungen gegeben.

Gießen. 2021 ist kein einfaches Jahr für die mittelhessische Polizei gewesen. Aber ein erfolgreiches: »Unsere Aufklärungsquote liegt bei 66,6 Prozent. Das ist der beste Wert seit der Gründung des Präsidiums 2001. Darüber sind wir froh, und wir sind stolz darauf«, sagt Bernd Paul. Dass die Fallzahlen in der Region dennoch um rund fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gewachsen sind, sei ein Ergebnis verstärkter polizeilicher Kontrollaktionen. Ein Beispiel ist eine Maßnahme im Bereich der Drogendelikte, die in Mittelhessen um 526 Fälle angestiegen sind: »Wir haben in den vier Flächenpräsidien alle geschult, die Verkehrskontrollen durchführen. Sie können Drogenkonsum am Steuer nun viel leichter erkennen, was wiederum höhere Fallzahlen generiert«, erklärt Paul Hintergründe der neuen Kriminalstatistik für 2021. Im Landkreis Gießen sei die Zahl aller Straftaten 2021 um 872 Fälle auf 13 840 angestiegen, ergänzt Polizeidirektorin Yvonne Kresse.

Wettterminals sichergestellt

»Es ist sehr erfreulich, dass die Aufklärungsquote im Landkreis mit 68,1 Prozent nochmals deutlich um über drei Prozentpunkte erhöht werden konnte. Im Stadtgebiet Gießen konnte dieser Wert sogar um 4,3 Prozent auf 69,6 Prozent gesteigert werden«, freut sich die neue Leiterin der Polizeidirektion Gießen. Die Polizei habe 2021 in Stadt und Landkreis viel investiert, um die Sicherheit zu verbessern. »Insbesondere unser Konzept ›Sicheres Gießen‹ wurde neben den bereits bestehenden Säulen wie der Arbeitsgruppe ›Tuner, Poser und Raser‹ nochmals erweitert«, erläutert Kresse. So habe man im vergangenen Jahr eine Kontrollgruppe mit fünf Beamten eingesetzt. »Die resolute Einheit, die bei Kontrollen oft auch von Bereitschaftspolizistinnen und -Polizisten sowie Mitarbeiter/innen des Polizeipräsidiums Mittelhessen unterstützt wird, hat bei ihren Kontrollen und Überprüfungen viele Bereiche, wie beispielsweise die Drogenszene im Gießener Stadtgebiet, im Blick«, berichtet die Polizeidirektorin. Zudem habe die Einheit bei Razzien und Durchsuchungen »Dutzende unerlaubt betriebener Wettterminals und Spielgeräte, die jeweils jährlich über zehntausend Euro Umsatz machen, sichergestellt«. Darüber hinaus gebe es seit dem vergangenen Jahr eine Arbeitsgruppe im Bereich Fahrraddiebstahl. Durch die Ermittlungsarbeit und zielgerichtete Kontrollen sei die Aufklärungsquote beim Fahrraddiebstahl in der Stadt Gießen von 14,9 Prozent auf 35,7 Prozent gestiegen. Die alle Delikte umfassende Zunahme um 872 Fälle in der Kriminalstatistik 2021 führt Kresse auf Kontrollen im Bereich Drogen zurück, auf die Beförderungserschleichung sowie einfachen und schweren Diebstahl an oder aus Kraftfahrzeugen.

»Sorge bereiten mir die vielen Angriffs- und Widerstandshandlungen gegen Polizeibeamte. Hier müssen wir eine Zunahme um fast 40 Prozent auf zuletzt 96 solcher Taten beobachten. Das ist natürlich nicht hinzunehmen. Wir werden daher noch höheren Wert auf die Schulung unserer Mitarbeiter bei der Eigensicherung und auch auf die Schutzausrüstung und das Mitführen einer Body-Cam legen«, betont die Leiterin der Polizeidirektion Gießen. Die Polizei lege ihren Fokus auf das Stadtgebiet, weil hier etwa zwei Drittel der angezeigten Taten begangen würden. Die Gründe für die höhere Kriminalitätsbelastung seien vielschichtig.

»Weit über 100 000 Notrufe«

»Viele Personen fahren zum Einkaufen in die mittelhessische Stadt. Weiter haben wir durch eine große Firmendichte täglich Pendler und auch Besucher der Schulen und Universitäten und auch die Erstaufnahmeeinrichtung. In der Einrichtung müssen wir bei den Bewohnern, insbesondere bei Personen aus den Maghreb-Staaten, eine Zunahme der begangenen Straftaten verzeichnen. Viele dieser Personen ohne Bleibeperspektive wohnen in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung«, resümiert die Polizeidirektorin ihre Ausführungen zu Stadt und Landkreis Gießen.

Die Kriminalstatistik sei auch ein Nachweis, was die mittelhessische Polizei im vergangenen Jahr geleistet habe, zeige jedoch nur einen Ausschnitt aus der Arbeit , macht Paul deutlich. Nicht erfasst seien Standards wie »21 000 Verkehrsunfälle und weit über 100 000 Notrufe«, die die Kollegen abgearbeitet hätten, erinnert der Präsident.

Herausforderung sei auch für das Polizeipräsidium die Corona-Pandemie. Im vergangenen Jahr habe man 150 positiv Getestete zu verzeichnen gehabt, von denen eine zweistellige Zahl an Langzeitfolgen leide. Ein Kollege habe die Infektion nicht überlebt. »Seit dem 1. Januar dieses Jahres verzeichnen wir 195 Erkrankte. Wir haben aber keine kritischen Verläufe mehr«, erläutert der Polizeipräsident. Die Pandemie habe auch Auswirkungen auf die Formen der Kriminalität, mit denen sich das Präsidium befasse. Dazu zählten unter anderem das Aufkommen gefälschter Impfausweise oder häusliche Gewalt. Ebenso wie Proteste gegen Corona-Maßnahmen. Besonders nicht angemeldete Versammlungen hätten die Polizei beschäftigt, macht der Leitende Polizeidirektor Manfred Kaletsch deutlich. 136 Einsätze und 18 Gegenveranstaltungen habe man 2021 verzeichnet. »Im Januar und Februar dieses Jahres hatten wir monatlich bereits 150 Einsätze«, so Kaletsch.

»Vier von fünf Opfern sind Frauen«

Zu den Delikten, die in der neuen Statistik besonders ins Auge fallen, gehören die Sexualstraftaten in Mittelhessen. Sie sind 2021 um 33, 1 Prozent im Vergleich zu 2020 gestiegen. Im Wesentlichen umfasse die Steigerung Taten im Bereich Kinderpornografie, erklärt Mario Mies. Gezielte Ermittlungsarbeit im Rahmen des sogenannten »BAO (Besondere Aufbauorganisation) Fokus« dürften zu dem starken Anstieg der Zahlen geführt haben, ordnet der Leiter der Kriminaldirektion ein. Das beste Mittel gegen die Sprengung von Geldautomaten - 16 waren es 2021 in Mittelhessen - sei die Veränderung der Automaten im Sinne von Prävention. Gespräche mit Banken würden bereits geführt. »Die Tätergruppe hat mittlerweile von Gasen auf Festsprengstoffe umgestellt. Wie ihr rigoroses Fluchtverhalten machen diese Sprengungen die Täter auch für unbeteiligte Dritte gefährlich«, betont Mies.

Auf den starken Rückgang beim Wohnungseinbruchsdiebstahl verweist Kaletsch. Und auch auf den Anstieg der häuslichen Gewalt in Mittelhessen um 47 Fälle. Die Taten nähmen seit 2013 zu, erinnert der Polizeidirektor. Aber Corona habe beim verzeichneten Anstieg sicher eine Rolle gespielt. »Vier von fünf Opfern sind Frauen«, so Kaletsch.

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