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Mehr Hilfsstrukturen für Betroffene

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Anastasia Müller (re.) und Markéta Roska stellten verschiedene Hilfsangebote für von Diskriminierung und Rassismus Betroffene vor. Foto: Spannagel © Spannagel

Rassistische Diskriminierung war zentrales Thema bei einer gemeinsamer Sitzung der Ausländerbeiräte von Stadt und Kreis Gießen. Hilfsangebote für Betroffene wurden vorgestellt.

Gießen. Bei einer gemeinsamen Sitzung des Stadt- und Kreisländerbeirates war das bestimmende Thema die rassistische Diskriminierung von Menschen und die Strukturen, die geschaffen wurden, um Betroffene zu unterstützen. Anastasia Müller berichtete hierzu aus ihrer Berufspraxis bei der Antidiskriminierungsberatung (AdiBe). Es entstand ein lebhafter Austausch, unter anderem auch über mögliche Schritte zur Verbesserung der Hilfsstrukturen.

Alltägliche Beleidigungen im Supermarkt, die Verwendung des N-Worts in Schulliteratur und etwa Polizeigewalt gehören zum Leben von rassistisch diskriminierten Menschen - auch in Deutschland. Um sie zu unterstützen, gibt es in Hessen unter anderem die Einrichtung AdiBe, für die Anastasia Müller seit Januar tätig ist. Seit fünf Jahren gibt es das Netzwerk bereits, bisher geht es jedoch nicht über den Status eines Projekts hinaus, welches Jahr für Jahr, gefördert durch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration, neu bewilligt wird.

Die Arbeit ist gut und sinnvoll, das betont der Vorsitzende des Kreisausländerbeirats, Tim van Slobbe, im Austausch mit Müller. Schließlich sei es besser, überhaupt Hilfe zu bekommen und das Gefühl zu haben, dass etwas passiert, als gar nicht. Doch im Endeffekt fehlt es dann oft doch an Möglichkeiten, Rassismus und ebenfalls etwa Behinderten- und Transfeindlichkeit zu adressieren. Der Grund: Fehlende Ressourcen sowie rechtliche Mittel.

Insbesondere Diskriminierung, die in der Schule und in Behörden passiert, könne, so Müller, meist nicht richtig aufgearbeitet werden. Entsprechende Fortschritte ließen dementsprechend auf sich warten. Dies liege daran, dass beispielsweise Rassismus geleugnet oder als Bagatelle abgetan wird. Sofern eine juristische Schwelle nicht überschritten wird und Aussage gegen Aussage steht, lässt sich wenig ausrichten. Müller, die, wie sie in ihrem Beruf lernen musste, nie sofort eine Pauschallösung für die Vorfälle, die an sie herangetragen werden, bieten kann, konsultiert dann ihre Kolleginnen und Juristinnen, die mögliche Schritte prüfen. Den Rechtsweg, den das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) etwa für Diskriminierung am Arbeitsplatz ermöglicht, gibt es für die institutionelle Gewalt in Schulen, seitens der Polizei und anderen Behörden und Verwaltungen so noch nicht. Im Plenum wurde sich daher auch für die Forderung starkgemacht, dass es ein Antidiskriminierungsgesetz brauche.

Darüber hinaus thematisierte unter anderem Müller, dass Menschen, deren Rassismus sich in Sprache und Handlungen ausdrückt, oftmals nicht den Schaden, den sie damit anrichten, erkennen. Dies führe zu Belastung bei Betroffenen und auch für die Helfenden in den Netzwerken sei es nicht einfach, damit umzugehen. Müller berichtet folglich von einer erhöhten psychischen Belastung. Doch nicht nur der Inhalt erschwere ihre Arbeit, es gäbe einfach auch viel zu tun. Folglich kommt es immer wieder vor, dass Fälle priorisiert werden müssen. Aus ihrer Erfahrung wissen die Berater, dass sich die Betroffenen oft Einsicht von denen wünschen, von denen Rassismus ausgeht. Dieser Wunsch wird allerdings meist enttäuscht.

Wie damit konkret umgegangen und wie in Zukunft Diskriminierung verhindert werden könne, damit beschäftigte sich das Plenum ebenfalls. So schlug etwa Landrätin Anita Schneider vor, Supervision für die Angestellten zu etablieren, damit diese mit der psychischen Belastung ihrer Arbeit nicht allein dastehen.

Darüber, dass sie gegenseitige Unterstützung auf kollegialer Ebene bereits aus ihrem Arbeitsalltag kennt, berichtete Markéta Roska, Geschäfsführerin des Kreisausländerbeirates und Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes des Vereins Antidiskriminierung Mittelhessen. Darüber hinaus hat sie die Projektleitung des Antidiskrimierungsnetzwerks (AdiNet) Mittelhessen inne.

Ebenfalls seitens der Landrätin, mit Blick auf eine bestehende Weiterbildungspraxis zur Sensibilisierung in der Kreistagsverwaltung, kam der Vorschlag, diesen Weg in der Bekämpfung von Rassismus auszuweiten. Letzteres ist auch das Bestreben der Ausländerbeiräte, die ihren Mitgliedern die Fortbildungen diesbezüglich ermöglichen, die auch ehrenamtlich tätigen Personen offenstehen.

Zuletzt ging Tim van Slobbe auf Äußerungen von Migranten ein, die angesichts von Privilegien ukrainischer Flüchtlinge mit Unmut reagieren. Der Kreisausländerbeirat werde sich dieser Problematik annehmen, wenn beispielsweise Wohnungen explizit nur Letztgenannten angeboten werden. Dies soll »mit Sachverstand statt Emotionen« erörtert werden.

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