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Mehr Platz für Patienten

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Zusätzlich zu der Ambulanz im Haus 146 gibt es in der EAEH nun weitere Räume für die medizinische Versorgung - zur Freude von Dr. Christoph Ullrich, Annegret Heikkinen, Henriette Heine (Koordinatorin) und Manfred Becker (v.l.). Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

In der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen in Gießen sind neue Behandlungsräume in Betrieb genommen worden. Damit soll die medizinische Versorgung verbessert werden.

Gießen . Bis zu 3000 Geflüchtete können in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen (EAEH) in der Rödgener Straße untergebracht werden. Bei der Menge an Menschen braucht es selbstverständlich auch medizinisches Personal, das sich um kleine oder größere gesundheitliche Probleme kümmert. Um die medizinische Versorgung in der Erstaufnahme zu optimieren, hat das Regierungspräsidium Gießen kürzlich neue Behandlungs- und Warteräume in Betrieb genommen.

»Wir brauchten mehr Platz, auch durch die Ukrainer«, verdeutlicht Regierungspräsident Christoph Ullrich. Gerade der bisherige Wartesaal sei laut Abteilungsleiter Manfred Becker »nicht pandemiegerecht« - um den nötigen Abstand einzuhalten, hätten die Menschen mitunter draußen warten müssen.

»Gut ausgestattet«

Die neuen Räume, die in Leichtbauweise errichtet wurden, bieten gleich zwei große Wartebereiche - einmal direkt nach dem Eingang für die »unsortierten« Patienten und einmal nach der Anmeldung . Die beiden Behandlungsräume sind vor allem für die schnelle Versorgung vorgesehen, etwa bei einer Erkältung oder anderen Wehwehchen. Für aufwendigere Untersuchungen werden die Bewohner in das benachbarte Haus 146 geschickt. Hier war früher die »Day Clinic« der US-Amerikaner untergebracht.

Der Standard sei wohl »etwas höher als in einer Hausarztpraxis. Wir sind gut ausgestattet«, erklärt Annegret Heikkinen, stellvertretende Leiterin des Dezernats Medizin. Abgenommenes Blut könne etwa direkt vor Ort im Labor untersucht werden. Medizinische Notfälle würden jedoch auch weiterhin in ein Krankenhaus gebracht. »Herzinfarkte oder Knochenbrüche behalten wir natürlich nicht hier«, betont der Regierungspräsident. Zudem seien rund um die Uhr Ersthelfer vor Ort.

Behauptungen, wonach die Geflüchteten Krankheiten wie Tuberkulose »einschleppen«, seien »Unsinn«. Im vergangenen Jahr hätten rund 11 000 Menschen die EAEH durchlaufen. Dabei habe es aber lediglich neun Tuberkulose-Fälle gegeben. Generell würden sich Fälle von Infektionskrankheiten sehr in Grenzen halten.

Krankheiten, die Ärzte in Deutschland sonst allenfalls aus dem Lehrbuch kennen, gibt es aber durchaus mal: »Wir hatten ein ›Mondscheinkind‹ aus Somalia hier«, erinnert sich Annegret Heikkinen. Bei dieser Krankheit, die auf einem genetischen Defekt beruht, müssen Patienten das Sonnenlicht meiden. Durch die UV-Strahlen bilden sich Entzündungen, aus denen bösartige Hautkrebsformen entstehen können. Wird die Krankheit nicht behandelt, sterben die Patienten zumeist im Kindesalter. »Der Leidensdruck ist sehr groß«, so die Ärztin.

Hoffnung auf lebensrettende Behandlung

Das Patientenklientel in der EAEH sei sehr gemischt. In den vergangenen Jahren habe es aber einen deutlichen Anstieg bei den schweren Erkrankungen, wie etwa Krebs im Endstadium, gegeben. Teils erhofften sich diese Menschen eine lebensrettende Behandlung in Europa. Ist dies nicht möglich, sei der Wunsch meist groß, wieder in die Heimat zurückzukehren: »Zum Sterben wollen sie nach Hause.«

Ukrainer mit Kriegsverletzungen gibt es in Gießen übrigens nahezu keine: »Wir hatten ein Kind mit einer Minenverletzung hier. Wir haben aber mit deutlich mehr Patienten gerechnet«, sagt Heikkinen. »Gießen ist zu weit weg«, vermutet der Regierungspräsident, die Verletzten würden bereits früher auf der Flucht versorgt.

Wie viel medizinisches Personal in der Rödgener Straße vor Ort ist, hängt von den Belegungszahlen ab. Derzeit befinden sich rund 1400 Menschen in der EAEH, die medizinische Versorgung sichern aktuell drei fest angestellte Ärzte in Teilzeit sowie drei Honorarkräfte, die die Johanniter-Unfall-Hilfe bereitstellt. Mit ihnen werde »das Auf und Ab bei den Belegungszahlen ausgeglichen«, so Abteilungsleiter Manfred Becker. Derzeit komme man auf etwa 80 Arzt-Patientenkontakte pro Tag.

Viel Arbeit machen auch nach wie vor die Corona-Tests: Wer mit Erkältungssymptomen die Behandlungsräume aufsuchen möchte, der wird direkt zum Abstrich geschickt. Etwa 300 Tests werden laut Becker täglich gemacht, am Tag vor dem Pressetermin habe es dabei in Gießen vier positive Ergebnisse gegeben. Getestet wird bei Neuzugängen, vor Verlegungen und falls Symptome auftreten.

Auf die Behandlung vor Ort zu verzichten und den Geflüchteten »einfach eine Krankenversicherungskarte in die Hand zu drücken«, sei nicht machbar, findet Manfred Becker. »Das würde weder von den Hausärzten noch von ihren Patienten akzeptiert.« In den Praxen gebe es zudem eine Sprachbarriere, in der EAEH seien dagegen ausreichend Dolmetscher vorhanden. »Wir sind auch ein Filter«, verdeutlicht Ärztin Heikkinen. »Wir prüfen, ob ein Facharztbesuch überhaupt notwendig ist.«

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