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Mehr Spielraum, aber auch Probleme

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Wie teuer darf die Klassenfahrt sein? Der neue Erlass des Kultusministeriums, der eine Verdoppelung des statthaften Rahmens vorsieht, stößt auf Kritik. Die Gießener Schulen äußern sich nun zu der geänderten Regelung. Symbolfoto: Andreas Arnold/dpa © Red

Mit Wirkung vom 1. Februar hat das Kultusministerium den Kostenrahmen verdoppelt, bei Klassenfahrten innerhalb Deutschlands von 300 auf 600 Euro, bei Reisen ins Ausland von 450 auf 900 Euro.

Gießen . Klassenfahrten sind ein fester Bestandteil der Bildungs- und Erziehungsarbeit von Schulen. Zumindest war es vor der Pandemie so. Doch Klassenfahrten kosten Geld. Wie viel ein solcher Ausflug die Eltern kosten darf, ist im sogenannten »Wandererlass« des hessischen Kultusministeriums geregelt. Mit Wirkung vom 1. Februar dieses Jahres hat nun das Ministerium den statthaften Kostenrahmen verdoppelt, bei Klassenfahrten innerhalb Deutschlands von 300 auf 600 Euro, bei Reisen ins Ausland von 450 auf 900 Euro.

Chancengleichheit nicht gewährleistet

Der neue Erlass stößt nicht nur auf Zustimmung. »Der neue Kostenrahmen gefährdet den Schulfrieden und sabotiert die Chancengleichheit«, kritisierte beispielsweise die SPD-Landtagsabgeordnete Nina Heidt-Sommer. Die Politikerin forderte CDU-Kultusminister Alexander Lorz dazu auf, die Obergrenze für Klassenfahrten und Schulexkursionen wieder zu senken. »Das sind Beträge, die die meisten Menschen für den eigenen Jahresurlaub nicht ausgeben können«, so Heidt-Sommer. Die neuen Obergrenzen würden die soziale Spaltung innerhalb der Schulgemeinschaft weiter verschärfen. Was halten Gießener Schulen von der neuen Regelung?

»Diese Entscheidung greift bei uns erst im kommenden Jahr«, erklärt Peer Güßfeld, Leiter der Ricarda-Huch-Schule. Denn die Wanderfahrten für den Herbst seien bereits geplant und die Ansparphase, die in der Regel ein Jahr dauere, liefe. Aufgrund der Pandemie hätten in den vergangenen zwei Jahren keine Klassenfahrten stattfinden können und auch die aktuellen Planungen seien nur unter Vorbehalt möglich.

»Unsere Prämisse lautet: Kein Schüler bleibt zu Hause, wenn seine Klasse auf Fahrt geht«, unterstreicht der Schulleiter. Alle Fahrten erfolgten stets in Rücksprache mit den Eltern. Gerade in der Oberstufe seien Exkursionen teuer. »Hier ist es oftmals schwer ein passendes Budget zu finden, aus diesem Grund brauchen wir für die Planung mehr finanzielle Freiheit.«

Denn während die fünften und sechsten Klassen bei ihren Klassenfahrten im Landkreis blieben, seien die siebten bis zehnten in ganz Deutschland unterwegs. Ab der Oberstufe würden die Fahrten, je nach Leistungskurs, ins europäische Ausland führen. Und das koste aufgrund der Inflation mittlerweile richtig Geld. Im kommenden Herbst werde allerdings auch die Oberstufe Pandemie-bedingt in Deutschland bleiben.

Unterstützungsfonds

»Eine Erhöhung ist sinnvoll, da die Preise steigen und die letzte Änderung schon einige Jahre her ist«, sagt der Leiter der Liebigschule Dirk Hölscher. Allerdings sei die Erhöhung schon sehr großzügig ausgefallen. Die Schule verfüge über einen Unterstützungsfonds, der sich aus unterschiedlichen Quellen, wie beispielsweise dem Förderverein, aber auch dem »Klassenfahrts-Euro« speise. »Pro Klassenfahrt gibt jeder Schüler einen Euro mehr, der dann diesem Fonds hinzugefügt wird«, erklärt Hölscher.

Damit jedes Kind mitfahren könnte, würde die Schule bei sozialschwachen Familien die Hälfte der Fahrten übernehmen. Dies geschehe auf einem unbürokratischen Wege. Bei Kindern von Harz IV-Empfänger käme das Amt für die gesamten Kosten auf. In diesem Schulhalbjahr würden die Klassenfahrten nur innerhalb Deutschlands stattfinden. Die Klassen sechs, sieben, acht und zehn würden ihre Exkursionen nachholen. Ab dem kommenden Schuljahr dürften alle Ausflüge wieder im gewohnten Rahmen stattfinden. Beim Schüleraustausch würden einige Austauschschulen noch etwas zögerlich auf Anfragen reagieren.

»Da wir eine staatlich anerkannte Privatschule sind, haben wir eine eigene Regelung was Klassenfahrten betrifft«, betont Horst Brombach, Leiter der August-Hermann-Francke-Schule. »Uns ist es wichtig, dass sie regelmäßig stattfinden, um die Beziehung der Schüler untereinander zu stärken.« Deshalb hätten die meisten Klassen im Oktober vergangenen Jahres eine Fahrt innerhalb Deutschlands unternommen, was bei den Schüler(innen) sehr gut angekommen sei. »Wir versuchen dabei, die Kosten so gering wie möglich zu halten.«

Die fünften und sechsten Klassen würden Touren im Umkreis von 50 Kilometern unternehmen, die siebten hätten eine Projektwoche, die achten seien innerhalb Deutschlands unterwegs, in der neunten und zwölften ständen Praktika auf dem Programm, die zehnten führen traditionell nach Berlin, die elften hätten eine Kombination aus kurzem Ausflug und sozialem Hilfseinsatz und der Abschlussjahrgang würde unter normalen Bedingungen eine Auslandsreise unternehmen. »Wir haben immer unsere Standardziele. Die Abschlussfahrten werden mit Eltern und Schülern besprochen«, unterstreicht Brombach.

»Wir freuen uns, dass endlich wieder Klassenfahrten stattfinden können, denn diese fördern die Klassengemeinschaft ungemein«, sagt Julia Wicke, Leiterin der Korczak-Schule. »Der neue Erlass betrifft uns aber nicht wirklich.« In der ersten Klasse würden in der Regel keine Fahrten unternommen, in den zweiten auch nur selten und die dritten und vierten Klassen der Grundschule würden im Höchstfall fünf Tage im Umkreis von 50 Kilometern unterwegs sein.

Maximalbetrag zu hoch angesetzt

»Die letzte Erhöhung der Obergrenze war im Jahre 2009«, weiß Paul-Henry Bartz. Allerdings dürfe eine Klassenfahrt keine 900 Euro kosten, räumt der Stadtschulsprecher ein. Das könne sich kaum eine Familie mit mehr als einem Kind leisten, zumal nach Auskunft des Landesschülerrates die Förderung für finanzschwache Familien nicht an die Erhöhung angepasst worden sei. »Damit ist die Chancengleichheit vom Tisch«, gibt der GGO-Schüler zu bedenken. Im Notfall könne zwar immer noch der Förderverein einspringen, darauf sollte man es aber nicht ankommen lassen. »Auf unserer letzten Klassenfahrt im September vergangenen Jahres sind wir unter dem Maximalbetrag geblieben«, erklärt Paul-Henry Bartz, der die 13. Klasse besucht.

»Ich finde, es kommt immer darauf an, wohin die Klassenfahrt geht, wie lange sie dauert, welche Inhaltsstoffe vermittelt werden und welche Leistungen im Preis inbegriffen sind«, erklärt Petra Luh, Schulelternbeiratsvorsitzende der Liebigschule. Gerade für Familien mit mehreren Kindern könnten Klassenfahrten eine finanzielle Belastung darstellen. Da aber generell alles teurer werde, sei eine Anpassung sicher sinnvoll.

Petra Luh ist Mutter von drei Kindern und erinnert sich, dass vor drei Jahren die einwöchige Fahrt ihres Sohnes nach Prag noch 220 Euro gekostet habe. 2019 hat eine ihrer Töchter eine Klassenfahrt nach Paris für 400 Euro unternommen und im Herbst 2021 eine weitere für ebenfalls 400 Euro nach München. »Eigentlich sollte es nach Nizza gehen, was Corona-bedingt nicht möglich war.« In diesem Zusammenhang verweist sie darauf, dass Fahrten nach Berlin durch den Bund gefördert werden könnten.

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