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»Mein Herz schlägt für Galeria«

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Von: Thomas Wißner

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Oberbürgermeister Becher war einer der ersten, der sich in die Unterschriftenliste eintrug. Foto: Wißner © Wißner

Die Gewerkschaft Verdi hat eine Solidaritätsaktion für Gießens letzte verbliebene Warenhaus gestartet. Jeder kann dabei mit seiner Unterschrift Unterstützung leisten - auch online.

Gießen. Die Türen sind noch geschlossen, der Aufbau des Standes von Verdi ist aber bereits in vollem Gange - da versammeln sich schon die ersten Bürgerinnen und Bürger im Seltersweg, um ihre Unterschrift für die von der Gewerkschaft gestartete Solidaritätsaktion zu leisten. »Mein Herz schlägt für Galeria« lautet das Motto. »In my Hometown - Regional + Kollegial = Nicht Egal! - Deine Unterschrift für eine lebendige Innenstadt - unterschreibe hier« ist auf einem Aufsteller zu lesen. Davon hatten die Menschen im Vorfeld gelesen oder gehört und machten sich auf den Weg.

Kurz nachdem sich dann die Türen zu Gießens letztem verbliebenem Warenhaus geöffnet hatten, traten Geschäftsführer Lothar Schmidt, Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher und Matthias Körner als Geschäftsführer des DGB Mittelhessen heraus, um über die vorausgegangene Betriebsversammlung für die 171 Beschäftigten zu informieren. »Wir fordern den Finanzinvestor René Benko auf, endlich Worten auch Taten folgen zu lassen und seine versprochenen finanziellen Zusagen einzuhalten. Wir benötigen einen seriösen Investor, der das neue Warenhauskonzept gemeinsam mit allen Mitarbeitern aktiv unterstützt. Gießen verliert, wenn wir Galeria verlieren«, betonte Manuel L. Sauer, der Fachsekretär Handel von Verdi Mittelhessen. Zugleich wies er darauf hin, dass bereits 2020 die Gewerkschaft je Mitarbeiter 5000 Euro gezahlt habe.

Von der Belegschaft ist Verdi gebeten worden, keine Forderungen zu stellen. »Wir haben es mit einem Milliardär zu tun, der seine Versprechen nicht gehalten hat«, zeigte Sauer kein Verständnis für dessen Gebaren. Lothar Schmidt sprach von einem guten Zeichen des Oberbürgermeisters, der seine und die Solidarität der Stadt gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zum Ausdruck gebracht und den Standort als wichtigen Magneten der Innenstadt bezeichnet habe.

Die Stimmung der Beschäftigten bezeichnete Schmidt als »betroffen und kämpferisch«, seit sie vor zweieinhalb Wochen die Nachricht zur Insolvenzeröffnung erhalten haben. Trotzdem herrsche große Ungewissheit.

Einig sind sich alle, dass in diesem Jahr keine weiteren Informationen zu erwarten seien, wie es weitergeht. Schließlich soll doch das Weihnachtsgeschäft ungestört laufen, solle es ein »richtiges« Weihnachtsgeschäft nach zwei Corona-Jahren geben. »Wir tun stets alles, um guten Service zu bieten. Der stationäre Einzelhandel hat große Daseinsberechtigung. Wir blicken hoffnungsvoll in die Zukunft und vertrauen auf die Unterstützung der Bevölkerung, den Standort zu erhalten«, betonte Lothar Schmidt.

»Alle Gießener und Kunden können sich im Rahmen dieser Unterschriftenaktion für den Erhalt der Filiale starkmachen. Es steht nicht mehr und nicht weniger als das wirtschaftliche Schicksal aller Kollegen und deren Familien auf dem Spiel«, unterstrich Sauer, derweil sich eine erste kleine Schlange am Stand bildete, um sich in die Liste einzutragen.

»Es war gut und wichtig, bei den Mitarbeitern zu sein und eine klare Botschaft zu senden. Wir teilen ihre Sorgen. Wir brauchen das Kaufhaus, das ein wichtiger Partner für die Innenstadtentwicklung bleiben soll. Gerade hier am Selterstor wird Karstadt eine Rolle spielen«, beteuerte der Oberbürgermeister in einem Schreiben an die Geschäftsleitung, um dieser vor Augen zu führen, welche Bedeutung Karstadt für die Stadt und die Region zukomme. »Ich habe eine Mitarbeiterschaft angetroffen, die mit ihrem Einsatz am Standort mit dazu beitragen wird, ein klares Signal zu setzen, obwohl wir Entscheidungen abwarten müssen, die an anderer Stelle getroffen werden. Ich finde die Aktion ›Mein Herz‹ gut und würde mich freuen, wenn sie viel Unterstützung erfährt«, sagte Becher und unterschrieb umgehend selbst.

Die Betriebsratsvorsitzende Heidrun Feierabend stellte angesichts der aktuellen Situation klar, dass, so lange keine Entscheidung getroffen ist, alle einfach abwarten müssten. In der Betriebsversammlung kamen auch das städtische Verkehrskonzept und das Thema Parkplätze zur Sprache. Und auch hier müsse Geduld bewiesen werden. »Wir freuen uns aufs Weihnachtsgeschäft. Die Mitarbeiter sind alle motiviert. Und im Januar werden wir sicherlich mehr wissen, welche Filialen schließen müssen.«

Seit 44 Jahren steht Heidrun Feierabend in Diensten von Karstadt, auf etwas mehr als die Hälfte kommt mit 23 Jahren Betriebszugehörigkeit Tim Alexander Klotz, der die Stimmung in der Belegschaft trotz allem als »noch recht gut« bewertete. Das liege auch daran, »weil wir an den Fortbestand von unserem Haus glauben«. Und Klotz fügt hinzu: »Wir halten nach wie vor alle zusammen. Wir sind schon so oft durch die Sch…. gegangen, dass wir da ein Stück weit abgestumpft sind. Es geht gar nicht mehr so an einen wirklich ran. Und, wie soll ich sagen, es ging ja noch immer weiter. Nun bringen wir uns alle tatkräftig mit ein für unsere Kunden und dieses Haus.« Aus dem Kreis derer, die ihre Unterschrift leisteten, wurde einvernehmlich bekräftigt, wie wichtig Karstadt sei - und ein Seltersweg »ohne sein Herz« unvorstellbar.

Unterstützer können ihre Unterschrift auch digital abgeben: https://mittelhessen.verdi.de .

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