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Messias stirbt im Crossover

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Jan Hoffmann dirigierte das Crossover-Projekt zwischen Händel und Quincy Jones im Stadttheater. Archivfoto: Daniel Regel © Red

Gießen. Wer auf dem Internetportal Youtube klassische Musikstücke hört und sieht, muss bei manchen auf lästige Werbeunterbrechungen gefasst sein. Diese Unterbrechungen sind ärgerlich und stören den Musikgenuss, aber man nimmt sie zähneknirschend in Kauf, weil einem an ganz bestimmte Werke oder Interpreten gelegen ist, die man gerne hören möchte.

Mehrere Chöre beteiligt

Im Sinfoniekonzert des Stadttheaters hat sich diese Art der Musikpräsentation nun auch eingebürgert. »A soulful Messiah - Georg Friedrich Händel meets Soul« hieß am Dienstagabend ein an Gigantomanie grenzendes Crossover-Projekt unter der Leitung von Jan Hoffmann, an dem neben dem Philharmonischen Orchester die Chöre des Gießener Konzertvereins, der Wetzlarer und Frankfurter Singakademie sowie der Theaterchor beteiligt waren. Für die lästigen Unterbrechungen sorgte eine Soulband unter der Leitung von Thomas Gabriel, die in einer Mischung aus Jazz, Gospel und Soul im Stil von Quincy Jones einige Stücke aus Händels Oratorium verwurstete. Und dann gab es da noch zu allem Überfluss Tänzerin Magdalena Stoyanova von der Tanzcompagnie Gießen, die sich mit reichlich exaltierten Bewegungen durch die Reihen der Musiker und Chorsänger schlängelte, den Dirigenten beim Dirigieren nachäffte und ihn auf dem Pult von hinten umschlang. Der Sinn des Ganzen erschloss sich nicht.

Der bunt zusammengewürfelte Abend zeigte zweierlei: dass schlechter Geschmack einfach nicht auszurotten und dass Händel doch kaputtzukriegen ist. Dass die bis zum Ende gebliebenen Zuhörer begeistert applaudierten, macht die Sache nicht besser. Einige Besucher hatten die Aufführung schon vorher verärgert verlassen. Jan Hoffmann hat diesmal zusammengerührt, was nicht zusammenpasst. Von wegen »soulful«! Übersetzt man das Wort mit seelenvoll oder beseelt, dann ist das, was die Band dazu beisteuert, doch gar zu flach und läppisch, um an solche Kategorien heranzureichen. In langweiligen Arrangements breitet sich ein Tingeltangel-Schlager-Allerwelts-Gewusel aus, wie man es aus der Fernsehwerbung kennt. Daher soll hier auf die Aufzählung einzelner Nummern verzichtet werden.

Zu den in ihrer Ausdrucksfähigkeit eher bescheidenen Gesangssolisten (Annika Klar, Louis Grote) gesellen sie vier Background-Sängerinnen, die auf Schnulzenniveau agierten. Im Vergleich dazu verfügen viele Schülerbands über besseres Personal. Wenn zum Beispiel an diesem Freitag die Bigband der Liebigschule auf dem Schiffenberg auftritt, werden mit Sicherheit mitreißendere (und auch bessere!) Sänger zu erleben sein.

Gesang auf Schnulzenniveau

Die Mitwirkung der Soulband rächt sich, denn durch ihre ständigen Einschübe ging in den auf traditionelle Weise aufgeführten Passagen des Händel-Oratoriums die Konzentration verloren, sodass die Wirkung des Gebotenen leider oft verpuffte.

Noch nie hat man die Chöre unter Hoffmanns Dirigat so seltsam spannungsarm gehört. Selbst in Bravourstücken wie »For us a Child ist born« und »Hallelujah« ließen die Darbietungen Glanz und Ausstrahlung vermissen. Bei den Gesangssolisten entledigten sich Naroa Intxausti (Sopran) und Grga Peros mit Routine ihrer Aufgaben. Lediglich Charlotte Quadt-Kohlhepp (Alt) ließ mit ihrer anmutigen, klangschönen Stimme in »O thou that tellest good tidings to Zion« und im Duett mit Intxausti so etwas wie Beseeltheit und Inspiration durch die Musik spüren.

Jesus starb am Kreuz. Der Gießener Messias stirbt im Crossover. Zuviel ist eben doch zuviel.

Weitere Aufführungen zusammen mit der Frankfurter Singakademie, morgen, 18. Juni, um 20 Uhr in der Buderus-Arena in Wetzlar und am 19. Juni, 19 Uhr, im HR-Sendesaal in Frankfurt.

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