1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Migranten-Kinder besser fördern

Erstellt:

Von: Ingo Berghöfer

giloka_1012_Kita_ib_4c
So bunt wie die Gummistiefel, die hier an der Wand einer Kita hängen, sind diese auch, was die Herkunft ihrer Besucher betrifft. Weil zugewanderte Kinder mehr Unterstützung brauchen, baut die Stadt ihr Betreuungsangebot aus. Symbolfoto: dpa © Red

Viele Teile des Pilotprojekts »Brücken bauen in frühe Bildung« werden dauerhaft weitergeführt

Gießen . Es begann als Pilotprojekt, hat sich bewährt und wird in weiten Teilen jetzt das pädagogische Angebot der Stadt Gießen erweitern. Das ist das Fazit einer Bilanz zum Bundesprogramm »Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung«, die nun von Stadträtin Astrid Eibelshäuser und vier Experten gezogen wurde, die das Pilotprojekt in den vergangenen Jahren betreut haben. Die Finanzierung, die bislang der Bund geleistet hatte, übernimmt künftig die Kommune. Die dafür nötigen Mittel und die Ergänzung des Stellenplans sind bereits Teil des kommenden Haushalts.

Das neben Gießen an rund 120 weiteren Standorten verwirklichte Projekt soll vor allem zugewanderte oder geflüchtete Familien unterstützen und diesen helfen, die Hürden der Bürokratie zum Einstieg in die frühe Bildung zu nehmen. Darum hat die Stadt das Projekt auch beim Büro für Integration angesiedelt, das wiederum vom Deutschen Kinderschutzbund unterstützt wird.

Hilfe bei der Anmeldung

Wie wohl auch zu erwarten, hat sich in diesen vier Jahren bestätigt, dass es Familien mit geringen Sprachkenntnissen am schwersten haben, einen Betreuungsplatz für ihre Sprösslinge zu finden. Dabei profitieren gerade Migranten beim spielerischen Spracherwerb mit Gleichaltrigen am meisten von Kindertagesstätten. Wer dagegen ohne größere Deutschkenntnisse seine Schullaufbahn beginnt, hat von Anfang an eine Hypothek zu schultern, die er oft nicht mehr abbauen kann.

Um nun in Gießen einen Platz in einer Kita oder in der Tagespflege zu beantragen, muss man zwingend die Online-Plattform »Little Bird« nutzen. Auf deren Nutzerfreundlichkeit hat die Stadt nur begrenzten Einfluss, weil sie von einem externen Dienstleister programmiert wurde und betreut wird. Angesichts des hochdifferenzierten Betreuungssystems in Gießen, das allein 20 verschiedene Gebührenstufen und Angebotszeiten umfasst, hat sich eine Beratung bewährt, die zugezogene Menschen bei der Anmeldung unterstützt«, sagte Mark Domagala, der das Projekt als pädagogische Fachkraft begleitet hat. Weil diese Unterstützung so erfolgreich war, wird für die »Little Bird«-Beratung künftig eine feste Stelle eingerichtet, ergänzte Eibelshäuser.

Nun ist die ordnungsgemäße Bewerbung auf einen Kitaplatz noch keine Garantie dafür, einen zu bekommen. In Gießen stehen derzeit für 3950 Kinder im Vorschulalter nur 3500 Kitaplätze zur Verfügung. Diese Diskrepanz wird sich angesichts des Facharbeitermangels in den Erziehungsberufen und einer weiter steigenden Nachfrage nach Kita-Plätzen so schnell auch nicht abbauen lassen.

Damit Kinder, die bei der »Kita-Lotterie« leer ausgehen, nicht völlig ohne Förderung dastehen, sind auch einige neue Projekte wie etwa die »Mini-Kita« unterstützt worden. In derzeit bestehenden vier Gruppen werden jeweils fünf Kinder für drei Stunden betreut, die bislang noch keine Förderung erfahren haben.

Das könne natürlich keinen vollwertigen Kitaplatz ersetzen, sei aber besser als nichts und trage neben Eltern-Kind-Spielgruppen und den sogenannten Familien-Tandems auch zur Integration bei, erklärt Mareike Gerhardt, Fachkraft für Qualifizierung. In den Herkunftsländern herrschten auch durch die Großfamilien ganz andere Erziehungsvorstellungen als bei uns, wo vor allem die Autonomie des Kindes im Mittelpunkt stehe. Zwischen solchen unterschiedlichen Kulturvorstellungen gelte es, sensibel zu vermitteln und im Wortsinne Brücken zu bauen. Darum sollen auch diese drei Angebote verstetigt und nach Möglichkeit ausgebaut werden.

Diversität gefordert

Nun ist das Nadelöhr, durch das neue Projekte müssen, nicht mehr nur deren Finanzierung, sondern man braucht auch die Mitarbeiter, die gute Konzepte mit Leben füllen. Darum fordern die Projektarbeiter bessere Möglichkeiten zur Nachqualifizierung von pädagogischen Kräften aus dem Ausland, betonte Ekatherina Doulia von der Koordinierungs- und Netzwerkstelle im Bundesprogramm »Kita-Einstieg«. Dass solche zusätzlichen Kräfte die pädagogische Arbeit nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ bereichern würden, ist in der schriftlichen Bilanz des vierjährigen Modellprojekts formuliert. Dort ist zu lesen, dass der Wunsch nach Diversität und interkulturellem Miteinander in der Kinderbetreuung zwar sehr groß sei, allerdings sei das pädagogische Personal »sehr exklusiv, wenig interdisziplinär und meist nicht repräsentativ für die deutsche Gesellschaft«. Wörtlich heißt es: »Es besteht eine große Diskrepanz, wenn die Mehrheit der Erzieher*innen, weiblich, weiß und in Deutschland geboren ist, während die Kinder in der Kinderbetreuung deutlich diverser, bunter und mehrsprachig sind.«

Auch interessant