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Mit betörend schönem Klang

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Präsentierten geistliche Gesänge (von links): Andriy (Tenor), Dionisyus (Bass) und Grischa (Bariton). Foto: Schultz © Schultz

Gießen. Ein besonderes gesangliches Erlebnis genossen die Besucher der Kirche St. Thomas Morus am Mittwochabend. Das Rachmaninow-A-Cappella-Ensemble aus Odessa war mit einem moderierten Programm geistlicher Gesänge aus der Ukraine zu Gast. Die drei herausragenden Sänger behaupteten sich mühelos im Kirchenhall, sie berührten und beeindruckten die Zuhörer.

Mit drei Stimmen gegen die massive Akustik des Hauses? Da machte man sich schon Gedanken, ob dieses mutige Vorhaben gelingen würde. Doch das gesamte Ensemble war bereits 2018 und 2019 zu Gast in St. Thomas Morus, die Sänger kannten sich also bestens aus.

Zu hören gab es Musik der heiligen Liturgie des Johannes Chrysostomus, einem Geistlichen aus dem 4. Jahrhundert, der dem westlichen Christentum als einer der vier Kirchenlehrer des Ostens gilt. Damit erhielt das Publikum einen Eindruck der tief religiösen Glaubenswelt der Ukraine und der dort überlieferten musikalischen Elemente. Das Rachmaninow-A-Cappella-Ensemble, dessen Teil das Sänger-Solisten-Quartett »A Cappella« ist, widmet sich speziell dem Studium und der traditionellen Aufführung von liturgischen Gesängen aus der orthodoxen Kirche. Namensgeber des Ensebles ist Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow (1873-1943), dessen Erbe insbesondere die Musik für die Liturgie von Johannes Chrysostomus die Mitglieder des Ensembles inspiriert.

Sie sind zum einen Absolventen des orthodoxen Priesterseminars und der geistlichen Akademie, zum anderen kommen sie aus verschiedenen Musikakademien der Ukraine. Als Solisten singen sie im Dienst orthodoxer Kirchen, etwa im Patriarchats-chor und an der Philharmonie. Bei zahlreichen nationalen und seit 2015 auch internationalen Auftritten waren sie beim Publikum sehr erfolgreich.

In Gießen vorgestellt wurde das Ensemble als Andriy (Tenor, Chormeister in Kiew), Dionisyus (Bass, Erzpriester und Gründer des Chors aus Odessa) und Grischa (Bariton); ein ungenannter Moderator erläuterte knapp Inhalt und Kontext der Titel. In Thomas Morus musizierten sie auf hohem Niveau ein Programm kurzer Lieder, man hätte gerne längere gehört, die ausschließlich religiöser Natur waren. Programmatisch begannen sie mit der Hymne der Ukraine (»Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben, noch wird uns lächeln, junge Brüder, das Schicksal«). Die Musik solle »einfach sein in Körper, Herz und Seele« und sei als gesungenes Gebet zu verstehen, erläuterten die Sänger.

Die Hymne als Auftakt

Die Titel stammten laut Ansage fast ausschließlich von Johannes Chrysostomus. Die Sänger schafften es, trotz des prinzipiell gleichen Duktus´, ‹ ansprechende Abwechslung ins Repertoire zu bringen. Das »Kyrie Eleison« realisierten sie mit einem insgesamt leicht orgelähnlichen Ansatz, wobei der Tenor über einem ostinaten Fundament agierte. Diese Art setzten sie auch bei einem weiteren Titel erfolgreich ein. Das Trio überzeugte zunächst mit exzellenter Geschlossenheit und ebensolcher Transparenz. Dabei wurde klar, dass man drei ausgesucht schönen Stimmen lauschte, die mit Verve und auch wieder innig intonierten. Zugleich wurden Unterschiede im Material gut herausgearbeitet, etwa bei einigen liedhaften Titeln, die deutlich mehr Temperament aufwiesen. Da die Gäste mit der Hausakustik blendend umgingen, konnten die Zuhörer mühelos eine große Fülle expressiver klanglicher Details genießen, etwa ein leicht dunkleres Timbre (»Mariens Schutzgesang«). Vorzüglich rund gelang das »Vaterunser« mit betörend schönem Klang. Ein andermal wirkte die Musik einfach entspannend.

Insgesamt war es ein Abend überraschender und sehr eindrucksvoller musikalischer Reize, wozu auch die hingebungsvolle Art gehört, in der die Gäste aus der Ukraine agierten.

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