1. Startseite
  2. Stadt Gießen

»Mit blauem Auge davongekommen«

Erstellt:

Von: Benjamin Lemper

DSC_0436_301222_4c
Gründlich wischen: Mitarbeiter der Firma Belfor aus Kassel sind zurzeit mit der »Elementarreinigung« beschäftigt. Foto: Lemper © Lemper

Die Sanierung des Liebig-Museums in Gießen geht etwa dreieinhalb Wochen nach dem Brand im historischen Hörsaal gut voran. Zudem wird deutlich: Der Blick aller ist nach vorne gerichtet.

Gießen. Der Brand im Hörsaal des Liebig-Museums war Anfang Dezember wahrlich eine Hiobsbotschaft. Doch bei aller Tragik gab es offenbar »eine Verkettung vieler glücklicher Umstände«, betont Kurator Dr. Bernd Commerscheidt. Und: Man sei »nochmal mit einem blauen Auge davongekommen«. Kaum dreieinhalb Wochen später sind die Sanierungsmaßnahmen in vollem Gange. Dabei besteht diese erste Projektphase aus der »Elementarreinigung«. Zurzeit wird vor allem der Ruß, der auch das analytische und das pharmazeutische Laboratorium sowie die Bibliothek in Mitleidenschaft gezogen hat, beseitigt. Bei einem Besuch verschaffte sich nun Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher einen Eindruck von den Fortschritten - und sicherte der Liebig-Gesellschaft die volle Unterstützung zu. Zumal die Kosten die zunächst veranschlagten 100 000 Euro erheblich überschreiten dürften. Zugleich wird deutlich: Der Blick aller Beteiligten ist nach vorn gerichtet, um die Chance für notwendige Erneuerungen zu nutzen.

Der markante Geruch von verbranntem Holz steigt sofort in die Nase - so, als würde eine Räucherkammer betreten oder als lodere ein Lagerfeuer. Noch immer sind Vitrinen, Wände, Decken, Büsten, Reagenzien und Möbelstücke mit einer schwarzen Schicht überzogen, die von den sechs in rote Schutzanzüge gehüllten Mitarbeitern der Belfor Deutschland GmbH aus Kassel per Hand akribisch weggewischt wird.

Empfohlen wurde die Firma, die schon im Ahrtal mitgewirkt hat, von der Sparkassen-Versicherung. Am Dienstag haben sie hier mit ihrer Tätigkeit begonnen. »Wir gehen in jede Ritze und entfernen Fläche für Fläche jeden Rußpartikel, der irgendwo klebt«, sagt Einsatzleiter Jan Frank. Zu diesem Zweck werden Lappen, Pinsel und fein filternde Sauger verwendet. Dadurch verschwinde auch die rauchige »Duftnote« aus den Räumen. Bei den Büchern in den Schränken, selbst bei denjenigen hinter Glas, sei allerdings eine Ozonbehandlung erforderlich. »Ozon oxidiert die unangenehmen Gerüche«, erklärt Prof. Gerd Hamscher, Vorsitzender der Liebig-Gesellschaft. In zwei bis drei Wochen, hofft Frank, sei sein Part abgeschlossen. Dann könnten die Experten des Denkmalschutzamtes im Detail prüfen, welche einzelnen Stücke einer speziellen Restauration bedürfen.

Das Feuer war am Abend des 5. Dezember am Experimentiertisch ausgebrochen. Die Ursachenermittlung läuft noch. Eine vorsätzliche Brandstiftung gilt als ausgeschlossen, mögliche Auslöser könnten Fahrlässigkeit oder ein technischer Defekt aufgrund veralteter Elektrik sein. Laut Polizei lasse sich dies noch nicht mit 100-prozentiger Sicherheit feststellen, berichtet Hamscher.

Abgesehen von den Verrußungen ist die Tafel hinter dem Tisch im historischen Auditorium »komplett weggebrannt«, an den Bänken ist der Lack abgeplatzt und bei den dreifach verglasten Fenstern der innere Bereich teils geborsten. Die gute Nachricht sei, »dass bisher keine substanziellen Schäden zu erkennen sind und wohl so gut wie nichts unwiederbringlich verloren ist«, bilanzieren Hamscher und Commerscheidt. Als Segen erweise sich zudem die »extrem gute« Aktenlage, weshalb das Liebig-Museum über genaue Pläne verfüge, um beschädigte Gegenstände wieder authentisch restaurieren zu können. Zahlreiche Originalunterlagen und Archivalien, darunter die Liebig-Briefe, seien ohnehin schon lange im Universitätsarchiv eingelagert respektive digitalisiert.

»Schatzkästchen«

Dass Schlimmeres verhindert werden konnte, war unter anderem der Mieterin zu verdanken, die im ersten Stock des Hauptgebäudes wohnt. Sie vernahm vermutlich durch einen Wandschrank dringende Rauchgase und verständigte die Einsatzzentrale. Aber auch die schnell angerückte Feuerwehr habe Hervorragendes geleistet und sei so sorgfältig verfahren, dass keine zusätzlichen Schäden durch Löschwasser auftraten. Der eigentliche »Löschangriff« habe bloß drei bis vier Minuten gedauert. Weil die äußeren Fenster standhielten, habe das Feuer glücklicherweise erst »Luft bekommen«, als die Einsatzkräfte die Tür zum Hörsaal öffneten, erinnert Commerscheidt. Danach sei drei Tage eine »Dauerbelüftung« erfolgt.

»Großen Respekt« zollen Frank-Tilo Becher und Gerd Hamscher darüber hinaus allen weiteren Helferinnen und Helfern, die mit angepackt haben. Die gezeigte enorme Disziplin stimme sie zuversichtlich. »Und es ist auch schön zu beobachten, wie groß bislang die Resonanz in der Öffentlichkeit gewesen ist«, unterstreicht der Oberbürgermeister. Regional, national und international sind fast 100 kleinere und größere Spenden geflossen. Becher sagte ebenfalls zu, dass die Stadt »alles tun wird«, um der Liebig-Gesellschaft organisatorisch, fachlich und finanziell beizustehen. Denn die Bedeutung dieses »Schatzkästchens« für Gießen könne gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Noch sei nicht absehbar, wie viel Zeit sämtliche Arbeiten in Anspruch nehmen werden. Klar ist jedoch, dass je nach Dringlichkeit auch in neue Haus- und Sicherheitstechnik, in energetische Sanierung, eine Deckenheizung und eine ausgebesserte Außenfassade investiert werden soll. »Es wäre fahrlässig, wenn wir das nicht gleich mit erledigen würden«, ist Commerscheidt überzeugt. Gerd Hamscher kündigte an, dafür einen Masterplan entwerfen zu wollen.

Und schon Ende Januar könnte das Liebig-Museum teilweise wieder öffnen, um kleine Führungen in den nicht belasteten Bereichen anzubieten. Ein »Routinetagesbetrieb« sei dann freilich noch nicht realistisch. Ganz real ist indes, dass das Liebig-Museum Ende März mit dem »Historical Landmark Award« der »European Chemical Society« in Anwesenheit von Ministerpräsident Boris Rhein gewürdigt wird - als erste Einrichtung in Deutschland. Im April soll ferner Justus Liebigs 150. Todestag begangen werden, im Mai ist sein 220. Geburtstag. Viele gute Gründe also, darauf zu hoffen, sehr bald wieder Gäste an historischer Stätte begrüßen zu können.

Auch interessant