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Mit einem Schlag zwanzig Jahre älter

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Von: Thomas Schmitz-Albohn

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Das Produktionsteam (von links): Ausstatterin Tatjana Ivschina, Regisseurin Anna Drescher, Sängerin Julia Araújo und Dirigent Vladimir Yaskorski. Foto: Schmitz-Albohn © Schmitz-Albohn

Gießen (tsa). Ein heiterer, unbeschwerter Teenager wird von einem Moment auf den anderen, sozusagen schlagartig, in die harte, brutale Welt der Erwachsenen hineingezwungen. »Und von diesem einen Moment an könnte man sagen, fühlt sie sich zwanzig Jahre älter«, so Gastregisseurin Anna Drescher über die Titelfigur Caterina Cornaro, die zwar schon vor 178 Jahren in die Musikgeschichte eintrat, aber bislang auf keiner deutschen Bühne zu erleben war.

Das soll sich nun ändern: Am Samstag, 26. November, (19.30 Uhr) erfährt Gaetano Donizettis in Vergessenheit geratene Belcanto-Oper »Caterina Cornaro« am Gießener Stadttheater ihre deutsche szenische Erstaufführung. Das Philharmonische Orchester spielt unter der Leitung von Vladimir Yaskorski, der seit Beginn der neuen Spielzeit Erster Kapellmeister und Stellvertreter des GMD ist.

Dieser Caterina Cornaro wird eine Menge zugemutet, und daher zeigt sie die Regisseurin in der zweieinhalbstündigen Inszenierung als eine Spielfigur der Mächtigen. Wie Anna Drescher im Probengespräch ausführte, ist die Protagonistin über weite Strecken als Ausstellungsobjekt in einer Vitrine eingesperrt. Zuerst muss sie unter Gewaltandrohung die Liebesheirat absagen, dann wird sie mit dem König von Zypern zwangsverheiratet. Später folgen Krieg, ein Wiedersehen mit dem einstigen Geliebten und der gewaltsame Tod des Königs. Doch während die typische Belcanto-Heldin in einer solchen Situation in den Wahnsinn fliehen würde, steht Caterina auf und beginnt ihre Zukunft als Königin von Zypern. »Sie ist eine sehr aktive, moderne Frau«, unterstrich Anna Drescher. Und die junge Sopranistin Julia Araújo, die als neues Ensemblemitglied Caterina verkörpert, erklärte, jede Frau könne etwas von sich in dieser Figur entdecken: »Ich habe ähnliche Gefühle wie sie.«

Inspiriert vom Leben der historischen Caterina Cornaro, Tochter einer einflussreichen venezianischen Familie, die 1474 Königin von Zypern wurde, schrieb der französische Librettist Saint-Georges einen Text, der zur Grundlage mehrerer Opern wurde. Darunter auch für dieses späte Meisterwerk Donizettis, das mit dem dramatischen Charakter seiner Musik bereits auf Verdi hindeutet und mit hochvirtuosen Arien, fulminanten Ensembles und großen Chorszenen begeistert.

»Ich finde es sehr spannend, dass Donizetti hier wenig geglättet und poliert hat«, sagte Vladimir Yaskorski, der seine erste Oper in Gießen dirigiert. Durch die scharfen Kontraste und die harten Übergänge wirke das Stück sehr modern: »Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Verdi.« Der 38-jährige Yaskorski stammt aus Armenien, absolvierte sein Dirigierstudium an der Franz-Liszt-Musikhochschule in Weimar und stand seither unter anderem in Jena, Nürnberg, Leipzig, Salzburg, Teplice und Karlsbad am Dirigentenpult. Als Operndirigent machte er mit Mozarts »Don Giovanni« am Staatstheater Mainz und mit Cimarosas »Heimlicher Ehe« in Nordhausen auf sich aufmerksam.

Im Zentrum der Ausstattung von Tatjana Ivschina steht die bereits erwähnte übergroße Vitrine, in der Caterina gleichsam ausgestellt und angestarrt wird. Dazu trägt sie - wie auf einem historischen Gemälde - ein kostbares Gewand aus Seidendamast. »Wir haben es extra für uns weben lassen«, berichtete die Kostümbildnerin mit sichtlichem Stolz. So wie eine moderne Frau in einem historischen Kostüm steckt, so arbeitet die Inszenierung mit unterschiedlichen Bewegungsstilen und Spielweisen, kombiniert zeitgenössische und historisierende Elemente.

Die meisten Hauptrollen sind mit Ensemblemitgliedern besetzt. Neben Julia Araújo sind Clarke Ruth (Bass) als Mocenigo, Grga Peroš (Bariton) als Lusignano und Tomi Wendt (Bariton) als Andrea Cornaro zu erleben. Als Gast gibt Younggi Moses Do (Tenor) den Gerardo. Chor und Extrachor des Stadttheaters stehen unter der Leitung von Jan Hoffmann.

Premiere am 26. November um 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen am 4., 10. und 25. Dezember, 6. und 28. Januar, 5. Februar sowie 4. 12. und 30. März.

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