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Mit Geduld und guten Händen

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Von: Björn Gauges

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Was nicht passt, wird passend gemacht: Bayram Atmaca bei der Arbeit. Fotos: Gauges © Gauges

Man muss kein Lagerfeld sein: Bayram Atmaca betreibt seit vielen Jahren eine Änderungsschneiderei in Gießen. Vor mehr als vier Jahrzehnten kam er als Jugendlicher aus der Türkei an die Lahn.

Gießen. Karl Lagerfeld, Christian Dior oder Coco Chanel sind weltberühmt, weil sie die Mode irgendwann einmal neu erfanden. Doch im Alltag trägt man bekanntlich kein Abendkleid und keinen Smoking - sondern Alltagskleidung. Und die nutzt sich ab. Dann müssen Löcher gestopft, Risse geflickt oder Hosenbeine gekürzt werden. Und dafür braucht es keinen schillernden Modeschöpfer in Paris oder Mailand, sondern eine Änderungsschneiderei um die Ecke. Wie die von Bayram Atmaca.

Seit mehr als vier Jahrzehnten sitzt der als Jugendlicher aus der Türkei nach Gießen gekommene Atmaca an der Nähmaschine, um die vielfältigen Wünsche seiner Kunden zu erfüllen. Im Internet hat er dafür zahlreiche Top-Bewertungen seiner Kundschaft erhalten. »Kurze Wartezeiten, super Preis.« Oder: »Das Ergebnis sieht super aus und erfüllt alle meine Vorstellungen.« Oder ebenso begeistert, aber etwas konkreter: »Zur Hochzeit eines guten Freundes musste mein hochqualitativer Anzug einigen Änderungen unterzogen werden. Herr Atmaca löst die besonders kniffligen Arbeiten besonders gut«, erzählt der 61-Jährige.

Dabei sind diese besonders kniffeligen Aufgaben nicht gerade das, was bei dem ruhigen, sympathischen Mann Begeisterungsstürme auslösen würde. »So ein Maßanzug kann einem schon Kopfschmerzen machen«, erzählt er. Denn besondere Kleidungsstücke sorgen immer wieder für Situationen, in denen er neu überlegen muss, wie er das entsprechende Problem lösen kann. Anders verhält es sich bei den Routinearbeiten: Ärmel kürzen, Hosen flicken: »Das weiß man auswendig. Das geht auch mit geschlossenen Augen.«

Von der Pike auf gelernt

Atmaca hat den Beruf von der Pike auf gelernt. Schon in der Türkei hat er als Jugendlicher ab und an in einer Schneiderei der Familie ausgeholfen. In Gießen angekommen, begann er nach der Schulausbildung eine dreijährige Lehre in einer Schneiderei in Heuchelheim, die es heute nicht mehr gibt. Dann gründete sein Bruder ein eigenes Geschäft im Seltersweg. Atmaca half eine Weile mit, bis er nach einem Jahr 1980 zum Gießener Modehaus Bratfisch wechselte. »Dort habe ich anspruchsvolle Sachen aller Art übernommen«, erzählt er. Eine lehrreiche und interessante Zeit.

So fasste der Schneider nach 16 Jahren das Ziel ins Auge, eine Meisterschule zu besuchen. Dafür wollte er wegen der Familie zunächst von Gießen aus nach Düsseldorf pendeln, doch die Pläne zerschlugen sich bald wieder. Die Ausbildung wurde nach Hamburg verlegt, während zeitgleich sein Sohn geboren wurde und der Vater erkrankte. So brach Atmaca die Fortbildung ab und arbeitete stattdessen zwei Jahre bei Herrenausstattern in Köln und Frankfurt, »bei denen ich viel gelernt habe«.

Dabei stellte er fest: »Ohne Talent und Willen kann man dort nicht mithalten.« Bedauert hat Atmaca zunächst, dass er den Weg zum Schneidermeister oder zum Studium auf einer Modeschule aufgrund der Umstände selbst nicht einschlagen konnte. Doch diese Pläne sind längst abgehakt. Und schlecht lief es für ihn trotzdem nicht. In Gießen machte er sich 1998 mit einer Änderungsschneiderei selbstständig, zunächst im Seltersweg, vor einiger Zeit zog er in die nahegelegene Katharinengasse. An Arbeit mangelt es ihm dort nicht. Schon morgens bei der Öffnung stehen die Kunden bisweilen wartend vor der Tür. Erfüllt werden hier so ziemlich alle denkbaren Wünsche in Sachen Kleidung: Vom Kürzen über das Flicken bis zum Einpassen eines neuen Reißverschlusses. Vieles kann Atmaca mit Routine lösen, manchmal muss man »aber auch ideenreich sein«, erzählt er. Wenn es etwa darum geht, eine gerissene Hosentasche neu einzusetzen: »Da muss man viele Nähte auftrennen. Das kann sehr zeitaufwändig sein.« Also sucht er den schnellsten Weg, um sich bei dem Auftrag nicht zu verzetteln. »Sonst lohnt sich der Aufwand für mich nicht.«

Die Aufträge werden auch deshalb nicht weniger, »weil die Qualität der Textilien abnimmt«, hat Atmaca festgestellt. Das liegt an der Massenfertigung, die meist aus Fernost stammt und wegen des extrem niedrig gehaltenen Preises bei der Qualität ebenso einspart wie bei den verwendeten Stoffen. Schurwolle oder Kaschmir sieht Atmaca immer seltener, stattdessen gebe es viel Synthetik, in der auch immer wieder technische Fehler zu entdecken seien. »Dadurch entsteht uns mehr Arbeit«, sagt er, während sich - wie um seine Aussage zu unterstreichen - an diesem ganz normalen Nachmittag die Kunden beinahe im Minutentakt die Klinke in die Hand geben.

Routine und Herausforderung

Was Atmaca an seiner Arbeit mag, ist die Mischung aus Routine und Herausforderungen: Hosen zu kürzen oder Hemden anzupassen, sei einfach und tägliche Routine. Für das Auftrennen kleiner Nähte aber brauche er eine ruhige Hand, gute Nerven und viel Geduld. Ein bisschen sei es auch eine Künstlerarbeit, für die man ein Gefühl für den Stoff brauche und damit »gute Hände«.

Spaß hat Atmaca noch immer an seiner Tätigkeit, auch wenn sie bei Geschäftsschluss meist noch nicht beendet ist. Zwar helfen bisweilen seine Frau, sein Bruder und eine Tochter unterstützend im Geschäft aus, »dennoch muss ich das meiste selber machen«. Die Buchhaltung natürlich, ebenso das Ordnung schaffen nach einem langen Arbeitstag. Kürzertreten ist derzeit daher nicht vorgesehen, »ich kann halt leider schlecht Nein sagen«, lacht der Schneider. Bald feiert die von seinem Bruder gegründete Schneiderei ihr 45-jähriges Bestehen. Das »soll dann ein bisschen gefeiert werden. Danach überlege ich mir, wie es weitergehen soll«, sagt der 61-Jährige.

Jungen Menschen würde er auch heute noch zuraten, diesen Beruf zu erlernen - wenn sie die »guten Händen«, das Talent und den Willen mitbringen. Allerdings, sagt Bayram Atmaca, müssten angehende Maßschneider auch über Mittelhessen hinausschauen. »Ich kenne hier zumindest keinen richtigen Herrenschneider mehr.« Da müsse sich der Nachwuchs schon in Frankfurt oder anderen Metropolen umschauen.

Wer sich zum Textil- und Modeschneider ausbilden lässt, erlernt das Herstellen individueller Bekleidungsstücke: von der Hose über den Anzug bis zum Abendkleid. Zunächst wird gemessen: Schnitt, Farbe, Stoff. Auf dieser Grundlage sowie anhand der Vorgaben und der eigenen Kreativität wird ein Schnittmuster entworfen. Mithilfe von traditionellen Techniken und modernen Fertigungsmethoden des Schnittmusters nähen die Auszubildenden das Bekleidungsstück, das schließlich an den Körper der Kunden angepasst wird. Maßschneider sollten kreativ sein und ein Gespür für Design und Mode sowie Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Kunden mitbringen. Eine Ausbildung dauert drei Jahre und endet mit einer Gesellenprüfung. Als Voraussetzung empfohlen wird mindestens ein Realschulabschluss. Das Gehalt liegt laut des Portals www.ausbildung.de im ersten Lehrjahr bei 670 bis 820 Euro, im zweiten bei 720 bis 870 Euro und im dritten bei 770 bis 980 Euro. (bj)

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Da reißt die Maus keinen Faden ab: das vielfarbige Arbeitsmaterial des Änderungsschneiders. © Björn Gauges

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