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Mit Harfe und Experimentierlust

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Eine Harfe wie eine elektrische Gitarre: Evelyn Huber und ihr New Yorker Ensemble in der Marienstiftskirche. © Schultz

Lich. Ein bemerkenswertes Musikerlebnis genossen die Besucher des Konzerts der Harfenistin Evelyn Huber mit dem New Yorker »Sirius Quartet«. Ihre virtuose Mischung aus Klassik, Jazz, Pop und Weltmusik wies in der gut besetzten Licher Marienstiftskirche neue Wege und sorgte für einen exquisiten Hörgenuss.

Zu Beginn musizierte Huber zwei Titel solo und setzte so einen Rahmen, in dem sie ihre Liebe zum Jazz ebenso wie ihre klanglich Variabilität umsetzen konnte. Zuvor hatten Fung Chern Hwei und Gregor Hübner (Violine), Ron Lawrence (Bratsche) und Jeremy Harman (Cello) gemeinsam mit Huber schon vor vier Jahren in der Bezalel-Synagoge in Lich einen Riesenerfolg landen können. Diesmal zeigte schon der sanfte Auftakt mit dem jiddischen Lied »Miserlu« die ganze Bandbreite des Ensembles. Vogelzwitschern der Geigen und freie Klänge von der Harfe rundeten sich zu einer gut gestalteten Dramatik ab. Hübners »Para un mejor mundo« begann mit einem etwas schrabbeligen solistischen Harfenauftakt, von der Geige kamen perkussive Elemente hinzu und das Quintett sorgte für improvisatorische Dramatik. Elegische, langsame Partien setzten weitere Akzente, der Abschluss klang wie ein großes Orchesterwieseln.

Hier schon wurden die kontrastierenden Elemente der Gäste greifbar. Huber spielte ihre elektrische Harfe überwiegend wie eine Gitarre oder Laute, lieferte zuweilen auch einen satten Bassakzent. Dann wieder verfremdete sie ihren Sound mit einem Holzstab auf den Saiten, was direkt an die Technik des »Inside«-Spielens auf dem Klavier erinnerte. Die Musiker leben in New York, mit dem Deutschen Gregor Hübner als Reisenden zwischen zwei Welten, da er auch eine Musikprofessur an der Uni München innehat. Alle Mitglieder sind auch erfahrene Komponisten und Arrangeure, in unregelmäßigen Abständen stößt Huber dazu.

Faszinierend ist die Fähigkeit der Streicher, mit enormer Geschlossenheit zu agieren. Das überschneidet sich mit den regelmäßigen solistischen Grenzübertritten der Musiker. So ergibt sich ein sich immer wieder wandelndes Musikerlebnis. Hinzu kommt große Sorgfalt bei der Gestaltung der Abschlüsse. Stets wird einige Sekunden mit erhobenen Bögen gewartet, bis die Spannung der Musik in der Stille des Raums verklungen ist. Einerseits ein wirksames Mittel, um die Energie abklingen zu lassen, andererseits wird so das Publikum intensiv in den Prozess miteinbezogen.

Bemerkenswert war die Version des Beatles-Hits »Eleanor Rigby« nur vom Quartett. Nach einem gemessenen Einstieg folgte das Thema in Tangoanmutung. Das klang flott, aber noch kammermusikalisch, auch schmachtend. Spannende Interaktionen und starke rhythmische Betonungen kamen hinzu - es war eine eigenständige Interpretation, die den eingängigen Charakter des Originals fast beiseite ließ, ein Glanzlicht.

Zur Kaskade musikalischer Facetten zählte auch Hübners Fassung eines ukrainischen Volkslieds (»The Dream Passes By the Window«), das Anklänge an George Gershwins »Summertime« enthält und in zahlreiche freie Aspekte aufspaltet. Ein Beispiel für die enorme Wucht, die das Ensemble entfalten kann, folgte mit Hübners »New World 9 November 2016«, das direkt nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten entstand. Man spürte in der Solopassage die Wut über diese politische Entwicklung, während das intensive Ganze jazzigen Schwung entwickelte.

So fügten Evelyn Huber und das »Sirius Quartet« an diesem Abend dem Genre Weltmusik ein vibrierendes und strahlendes Kapitel hinzu. Und hatten enormen Spaß dabei. Der übertrug sich komplett aufs Publikum: Volltreffer.

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