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Mit Muskelkraft und Motorsäge

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Von: Julian Spannagel

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Die »Muse der Malkunst« ist in der Fassade des Gebäudes eingelassen. Sieben Arbeiter haben das Haus Asterweg 31 von über Jahrzehnte wucherndem Grünzeug befreit. Fotos: Spannagel © Spannagel

Die Fassade an dem denkmalgeschützem Gebäude im Asterweg 31 wurde jetzt von Efeu und wildem Wein befreit. Da hat auch die Statue »Muse der Malkunst« wieder freien Blick auf das Geschehen.

Gießen. Dönerdreieck, eine Nebenstraße, eine Bar - der Asterweg 31 sticht architektonisch hervor aus dem Rest der umliegenden Gebäude und Geschäfte. Das Haus ist weiß getüncht, eine Statue in die Wand eingelassen. Und bis nun ein Freischnitt erfolgte, konnten die Passierenden sich auch am Anblick von Efeu erfreuen. Der Schritt folgte zum Denkmalschutz.

»Das letzte verträumte Haus in Gießen«, sinniert Sarah Knuplez, die elf Jahre gegenüber gewohnt hat und nun gerade auszieht. Langfristig zerstört die Begrünung jedoch die Fassade. Um einen Abriss in Zukunft zu verhindern, war der Freischnitt unausweichlich. Und so sammeln sich auf dem abgesperrten Teil der Straße immer mehr Pflanzenreste, aus einigen Metern kommen sie heruntergeflogen. Ein Arbeiter steht auf der Hebebühne, als Werkzeug dient ihm eine Astschere. Außerdem kamen Hand- und Motorsäge zum Einsatz. Es muss auch mit Muskelkraft etwas gerissen werden.

Ausschlaggebend für den Freischnitt war die Bürgerinitiative (BI) »Historische Mitte Gießen«. Im Sommer 2021 haben deren Mitglieder einen Rundgang durch die Stadt unternommen, um herauszufinden, welche Gebäude schutzwürdig sind und inwiefern die Eigentümer unterstützt werden können. Dabei ist auch der Asterweg 31 aufgefallen. »Es ist eines der letzten alten Gebäude in der Straße, das den Feuersturm überlebt hat«, so Jan-Patrick Wismar von der BI. Auch die Abrisswelle in den 1960er und 70er-Jahren habe es überlebt.

Der Eigentümer ist Ernst Petri. Er lebt bereits von Kindesbeinen an hier. Über 50 Jahre sei bis heute Efeu und wilder Wein an der Hauswand emporgewachsen, erklärt er. Über die Statue an der straßezugewandten Seite weiß er: »Die Muse der Malkunst soll das sein«, so Petri und hat beobachtet, dass sich bereits Menschen vor ihr bekreuzigt hätten.

Aus der Zeit gefallen

Das Efeu wuchert selbst über den Innenhof des Grundstücks, es wirkt alles ein wenig aus der Zeit gefallen. Seine Eltern haben die Begrünung vorgenommen. Zu der Zeit, als Gießen kurzzeitig »Stadt Lahn« hieß, sei sie vom damaligen Baudezernat gutgeheißen worden. Zum Schutz des wilden Weins vor Zerstörung wurde auf Bordsteinhöhe sogar ein Metallgitter angebracht. »So ändern sich die Zeiten«, meint der 77-Jährige. Etwa 2000 Euro fallen für den Einsatz für den Freischnitt an. Mindestens teilweise werden die Kosten vom Denkmalschutzamt übernommen.

Die Beteiligten sind erleichtert, dass der Freischnitt reibungslos ablief. »Bei so alten Häusern kann es passieren, dass Putz mit abkommt«, erklärt Einsatzleiterin Astrid Laucht. Sie gehört zu der mit dem Freischnitt beauftragten gemeinnützigen Gesellschaft »Integration, Jugend und Berufsbildung« (IJB). Insgesamt kommen sieben Arbeiter zum Einsatz, deren Arbeitsplätze gefördert sind. Jan-Patrick Wismar betont, dass es darum gegangen sei, »die Gießener generationenübergreifend zusammenbringen«.

Den pflanzlichen Abfall entsorgte die IJB in den »Hardtgärten«, einem Kinder- und Jugendbauernhof nahe Heuchelheim.

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Ernst Petri © Julian Spannagel

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