Mit Mutti im Klassenzimmer

GIESSEN. »Helikopter-Eltern«, die ihre Kinder mittlerweile bis in den Hörsaal begleiten, sollen an Hochschulen ja mittlerweile keine Seltenheit mehr sein - und damit auch Quelle für viel Spott. Wenn aber Eltern verhaltensauffällige oder aber auch extrem schüchterne Grundschüler am Beginn von deren schulischer Laufbahn in extra dafür eingerichteten »Familienklassen« begleiten, dann kann das durchaus hilfreich sein und dafür sorgen, dass diese Kinder nicht schon von Beginn an ins Hintertreffen geraten und den Anschluss an ihre Mitschüler verlieren.

Das zumindest war das Fazit von mehreren Schulleitern, die ihre Erfahrungen mit dem noch relativ neuen Unterrichtskonzept in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Schule, Bildung und Kultur vorstellten.

An bislang fünf Gießener Grundschulen gibt es »Familienklassen«. Nachdem die Grundschule Gießen-West und die Ludwig-Uhland-Schule den Anfang gemacht hatten, zogen die Goetheschule und die Pestalozzischule nach, die im Verbund eine Klasse gebildet haben, die sich an der Goetheschule trifft. Mit dem Schuljahr 2021/22 ist eine fünfte »Familienklasse« an der Georg-Büchner-Schule in der Nordstadt eingerichtet worden.

Keine Nachhilfe

Die Grundidee, die vor allem von Pädagogen des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs Wetzlar entwickelt wurde, ist, Kinder, die Schwierigkeiten haben, den Schulalltag in der Klasse zu bewältigen, gemeinsam mit einem Erziehungsberechtigten einen Schulvormittag verbringen zu lassen, sodass Eltern und Kind lernen, mit professioneller Unterstützung Lösungsansätze zu entwickeln und umzusetzen.

In den »Familienklassen« verbringen circa sechs bis acht Kinder gemeinsam mit jeweils einem Elternteil, einer Lehrkraft des regionalen Beratungs- und Förderzentrums (rBFZ) und einem Multifamilientrainer einen Schultag pro Woche. Dort arbeiten die Kinder in der Regel sechs Monate an vorher definierten Zielen und verlassen die »Familienklasse« dann wieder, um - durch diese Erfahrung gestärkt - den regulären Unterricht zu bewältigen.

Eine »Familienklasse« ist aber kein Nachhilfeunterricht, sondern vor allem die Suche nach individuellen Lösungen für individuelle Probleme. »Der Pädagoge schafft Kontexte und gibt keine Lösungen vor«, betonte Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser bei der Vorstellung des Programms im Ausschuss.

Die Erfahrungen hätten gezeigt, dass »Familienklassen« eine wichtige präventive Unterstützung zur Stärkung der Kinder seien und das nicht nur beim Erreichen der schulischen Ziele. In den »Familienklassen« geht es aber nicht nur darum, den Schülern dabei zu helfen, die schulischen Anforderungen zu bewältigen. Gerade introvertierten Kindern soll ein Schutzraum geboten werden, um Selbstvertrauen zu gewinnen.

Problem und Lösung

Aber auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind soll so gestärkt sowie die Kooperation zwischen Schule und Elternhaus verbessert werden, da nicht nur die Wurzel schulischer Probleme oft im Elternhaus liegt, sondern auch deren Lösung.

Für die Familien ist die Teilnahme kostenlos. Die Stadt Gießen unterstützt das Projekt mit 12 000 Euro pro Schule und Jahr. Für die Schuldezernentin ist das gut angelegtes Geld. Gerade in der Corona-Zeit seien sehr viele Familien vereinsamt und deren Kinder in der schulischen Entwicklung zurückgefallen. Das freiwillige Angebot der »Familienklasse« habe sich für diese Klientel als sehr effektiv und nachhaltig erwiesen, so Astrid Eibelshäuser.

Damit die »Famlienklasse« die Familie weiterbringt, müssen freilich nicht nur Schüler und Eltern mitziehen, sondern zum Beispiel auch der Arbeitgeber. Nach Angaben des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs in Wetzlar sind 50 Prozent der teilnehmenden Eltern berufstätig. Laut deren Angaben überwögen die guten Erfahrungen, die berufstätige Elternteile in diesem Zusammenhang gemacht hätten. Die Eltern hätten im Gespräch mit ihren Arbeitgebern nach Alternativen gesucht, um die Freiräume zu schaffen, in denen sie ihrer erzieherischen Verantwortung gerecht werden könnten. Viele Arbeitgeber seien bereit, mit den Eltern Lösungen zu finden, um den befristeten Zeitraum der »Familienklasse« zu überbrücken. Sollten Eltern den Termin dennoch nicht wahrnehmen können, hätten auch adäquate Vertreter wie beispielsweise die Großeltern die Möglichkeit, an den »Familienklassen« teilzunehmen.

Gänsehautmomente

Die anwesenden Schulleiter berichteten dem Ausschuss von durchweg guten Erfahrungen mit dem Projekt. So habe es im vergangenen Jahr dort ganz viele »Gänsehautmomente« gegeben, in denen man erkannt habe, dass die Mädchen und Jungen wirklich weitergekommen seien.

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