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Mit Rollstuhl ins Freizeitcamp

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Ausflug in die Schokokussfabrik in Schotten: Die Nachfrage nach Ferienangeboten für Kinder mit Behinderung ist groß. © Familienunterstützender Dienst

Die Nachfrage ist groß, die Plätze schnell belegt: Die Lebenshilfe Gießen organisiert Ferienangebote für Kinder mit Behinderung - und wünscht sich mehr Inklusion

Gießen . Ein Ausflug in den Hessenpark, ein Tag auf dem Abenteuerspielplatz in Lich und Papageien bestaunen im Vogelpark Weilrod - langweilig wird es bei dem Programm, das der Familienunterstützende Dienst der Lebenshilfe Gießen in den Schulferien anbietet, sicher nicht. Die Angebote, die in den Oster-, Sommer- und Herbstferien stattfinden, richten sich an Schulkinder mit Behinderung aus Stadt und Kreis. Und der Bedarf ist offenbar groß: 40 Kinder und Jugendliche mit intensivem Betreuungsbedarf sind für die Freizeiten angemeldet, die Plätze waren in kürzester Zeit vergeben. Allein für die Osterferien standen 15 Interessierte auf der Warteliste.

Wo genau es hingeht, ist auch davon abhängig, wer sich anmeldet. »Wir müssen schauen, was für alle Kinder machbar ist«, verdeutlicht Marla Becker. Die pädagogische Fachkraft ist beim Familienunterstützenden Dienst für die Freizeitorganisation zuständig. Sitzt ein Teilnehmer beispielsweise im schweren Elektrorollstuhl, scheiden nicht-barrierefreie Ausflugsziele aus oder der Tagesplan muss entsprechend angepasst werden. Für den Ausflug zum Braunfelser Schloss, der den Auftakt machte, stand daher beispielsweise eine Besichtigung des Schlosshofes auf dem Plan. »Wir klären immer vorher ab, ob es vor Ort Stufen oder andere Stellen gibt, die nicht für alle Kinder und Jugendlichen zu bewältigen sind.«

Entlastung für die Eltern

Damit die notwendige Betreuung gesichert ist, ist die Teilnehmerzahl begrenzt. Für die Osterferien konnten zwölf Plätze realisiert werden. »Manche Kinder wären gerne in allen Ferien dabei. Wir versuchen jedem Kind mindestens eine Freizeit zu ermöglichen«, betont Becker.

Für die Eltern bedeuten die Angebote eine Entlastung. Sie wissen ihr Kind sieben Stunden lang gut betreut und können in der Zeit ihrer Arbeit nachgehen oder sich einfach mal um sich selbst kümmern. Beim Familienunterstützenden Dienst erlebe man »tagtäglich, wie hoch der Bedarf ist«.

Beim Nachwuchs kommen die Freizeiten offenbar gut an: »Wir hatten es noch nie, dass ein Kind nach dem ersten Tag nicht mehr kam. Man merkt, dass es ihnen Spaß macht, auch wenn es nicht alle kommunizieren können.« Teilweise würden auch neue Freundschaften entstehen, da die Freizeiten für alle Schulkinder aus Stadt und Kreis offen sind. Kundinnen beim Familienunterstützenden Dienst müssen die Familien nicht sein. Teils ergebe sich das aber aus den Angeboten.

Dass es überhaupt Ferienfreizeiten für Kinder und Jugendliche mit Behinderung gibt, ist dem Gießener Arbeitskreis für Behinderte zu verdanken. 1981 - das Jahr wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum »Internationalen Jahr der Behinderten« ausgerufen - hatte der Verein die ersten Angebote initiiert. In den vergangenen Jahren habe man mehr und mehr mit der Lebenshilfe kooperiert, erzählt die Vorsitzende Kornelia Steller-Nass. Alleine könne der Verein die Freizeiten auch nicht realisieren, weder personell noch finanziell. Das Angebot wird zudem von Stadt und Landkreis gefördert.

»Sechs Wochen Sommerferien sind für viele Familien kaum zu stemmen«, gibt Steller-Nass zu bedenken. Die lange schulfreie Zeit stelle gerade Eltern von Kindern mit Behinderung vor Betreuungsproblene. Während der Pandemie habe man daher kurzfristig umdisponiert, um den Familien trotz Corona-Beschränkungen ein Angebot machen zu können. »Die Familien sind auch ohne Pandemie schon stark belastet. Unser Ziel war und ist es, sie zu unterstützen.«

Neben den Tagesangeboten gibt es in den Sommerferien zwei mehrtägige Übernachtungsfreizeiten - in diesem Jahr geht es an den Bodensee sowie ins Münchner Umland. Es sei immer schön zu sehen, wenn die jungen Menschen unter sich sind und Zeit ohne ihre Eltern genießen können, findet Steller-Nass. Bei den Übernachtungsfreizeiten sind noch Plätze frei (Kontakt via E-Mail: fud@lebenshilfe-giessen.de).

Die Kosten können die Familien vollständig über die Pflegekasse abrechnen. »Möglicherweise gibt es eine Hemmschwelle, das Kind über mehrere Tage wegzugeben«, vermutet Becker. Die junge Frau kann sich die Freizeiten gut inklusiv vorstellen: »Wir machen lauter Dinge, die eigentlich allen Kindern Spaß machen.«

Im vergangenen Jahr trat das neue Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen in Kraft. Es sieht unter anderem vor, dass die Jugendhilfe bis 2028 inklusiv ist - wenn dies zuvor, genauer bis 2027, ein Bundesgesetz im Einzelnen regelt. »Das bedeutet, dass alle Angebote für Kinder mit Behinderung ab 2028 in die regulären Angebote eingebunden sein müssen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg«, teilt die Lebenshilfe Gießen mit.

»Eigentlich spricht nicht viel gegen inklusive Ferienfreizeiten«, findet Marla Becker. Schließlich würden beispielsweise an der Sophie-Scholl-Schule Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen, warum solle es dann beim Spaß in den Ferien eine Trennung geben? »Das Interesse, die Ferienangebote inklusiv zu gestalten, ist sehr groß - sowohl beim Familienunterstützenden Dienst als auch bei den Eltern.«

Auch Kornelia Steller-Nass wünscht sich inklusive Freizeitangebote. Aber: »Es hat sich gezeigt, dass die Kinder mit ihren Freunden teilnehmen wollen.« Wer zum Beispiel die Martin-Buber-Schule besucht, wolle auch nach dem Unterricht noch mit seinen Mitschülern Zeit verbringen - und nicht unbedingt mit Gleichaltrigen aus dem Wohnort, die andere Schulen besuchen. Trotzdem sollten auch die Kommunen integrative Freizeitmöglichkeiten anbieten, fordert Steller-Nass.

Um eventuell vorhandene Hemmschwellen bei Kindern ohne Behinderung abzubauen, könnten laut Becker Schnuppertage sinnvoll sein, damit sich niemand gleich für eine ganze Woche anmelden müsse. In jedem Fall müsse man aber darauf achten, dass sich die jungen Menschen nicht langweilen und es keine Enttäuschungen gibt. Denn je nach Unterstützungsbedarf brauche man »viel Geduld, vieles braucht länger. Da muss man Kompromisse finden.«

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