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Mit der richtigen Lernstrategie: Alexandra Renkawitz vermittelt, wie sich über bildhafte Geschichten Zahlen, Daten, Formeln und Vokabeln besser einprägen lassen.

Gedächtnispaläste bauen

Mit sieben Zwergen Daten und Formeln lernen

Lerncoach Alexandra Renkawitz hilft Gießener Jugendlichen von Herder- und Liebigschule, mit bildhaften Geschichten Lernhindernisse zu überwinden. Und was haben die sieben Zwerge damit zu tun?

Gießen . Wenn das Einhorn die sieben Zwerge zu einer Spritztour in der Achterbahn einlädt und dann auch noch eine Katze einsteigt, kommt einem das bestenfalls märchenhaft oder - sprichwörtlich - eher Spanisch vor. Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein bedeutendes historisches Datum. Hätten Sie’s gewusst? Es geht um den Beginn der Französischen Revolution: das Jahr 1789. Für einige Jugendliche an der Herder- und der Liebigschule soll diese Methode zum passenden Schlüssel werden, um Blockaden zu lösen sowie Lernhindernisse und Ängste zu überwinden.

Davon jedenfalls ist Lerncoach Alexandra Renkawitz überzeugt. Denn mit bildhaften Motiven könne es gelingen, sich Zahlen, Daten und Formeln einzuprägen, die vorher schwer zu erinnern waren - und zwar, indem daraus eine »alberne, lächerliche oder sonstwie emotional aufgeladene und damit merk-würdige Geschichte konstruiert wird«. Ziel sei es, sich »mit Freude einen Gedächtnispalast« zu bauen, in dem man sich gerne aufhält. Gefördert werden die Kurse aus Mitteln des hessischen Landesprogramms »Löwenstark - Der BildungsKICK«.

Gerade während der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass im Distanzunterricht vorhandene Lücken bei ohnehin schwächeren Schülerinnen und Schülern mitunter noch verstärkt worden sind, wenn sie zu Hause kaum Unterstützung erfahren haben und auf sich alleine gestellt waren. Das hinterlässt Spuren. Natürlich haben sich auch die Schulen selbst darum bemüht, Rückstände zu kompensieren. Einige Mädchen und Jungs haben ihre jeweilige Klasse dennoch freiwillig wiederholt, andere sind trotz schlechter Noten aus pädagogischen Gründen versetzt worden. Für sie sei die zusätzliche Hilfe durch Alexandra Renkawitz durchaus geeignet, »eine Strategie zu entwickeln, um das Lernen zu lernen und vielleicht ein bisschen Selbstbewusstsein zu tanken«, sagt »Lio«-Direktor Dirk Hölscher im Gespräch mit dem Anzeiger. Auch Silke Brixtel-Fenner, pädagogische Leiterin an der Herderschule, hält es für sinnvoll, die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer anzuleiten, sich mit Memotechniken »besser zu strukturieren und ihr Wissen zu kanalisieren«. Oft sei es nämlich so, dass die betreffenden Schüler zwar die kognitiven Fähigkeiten haben, um sich prinzipiell am Gymnasium zu behaupten, sich aber selbst zu sehr unter Druck setzen, sich zu leicht ablenken lassen oder nichts langfristig abspeichern können.

An der Liebigschule nutzen 20 bis 30 Schüler, unterteilt nach den Jahrgangsstufen sieben bis zehn, an festen Tagen dieses Angebot; an der Herderschule sind es bisher vier in einer gemischten Gruppe. Freitags sind Online-Nachholtermine möglich für jene, die etwas verpasst haben. Die 45-minütigen Einheiten bauen aufeinander auf: Nach einer ersten Runde mit mehreren Sitzungen wird eine Pause eingelegt, in der die neuen Fertigkeiten erprobt werden können. In einem zweiten Durchgang gilt es dann zu vertiefen. Bereits nach einer Stunde seien »tolle kleine Erfolge« zu beobachten.

»Wir fangen ganz simpel an«, versichert Alexandra Renkawitz und nennt die Postleitzahl von Gießen. Und so funktioniert’s: Den Zahlen von 1 bis 20 - die 20 wird mit der Tagesschau verknüpft - werden verschiedene Bilder zugeordnet. Und so wird für 35390 diese Eselsbrücke erdacht: »Ich nehme mein Dreirad (3) in die Hand (5 Finger ) und gehe in ein Spielzeuggeschäft, um es gegen einen dreirädrigen Roller (3) umzutauschen und bekomme obendrein sogar noch eine Plüschkatze (9 Leben ) sowie ein Überraschungsei (0) dazu.«

Angewandt werden zudem sogenannte »Zehnerlisten«, auf denen beliebig Informationen verankert werden. Unter anderem gibt es eine Klassenzimmer-Liste. Übergeordnete Themen können beispielsweise auch das Auto, der Bundestag, das Freibad, der menschliche Körper oder das Fitnessstudio sein, die dann gedanklich durchquert werden. Die in diesem imaginierten Raum enthaltenen zehn Objekte werden mit Lernstoff belegt. Im Klassenzimmer wären das etwa ein Pult, die Tafel, ein Globus, ein Poster und ein Bücherregal. Wird also verlangt, die Grundrechte zu verinnerlichen, könnte man die auf dem Poster abgebildete Person schreien lassen: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Eine am Regal frei herumlümmelnde Person steht wiederum für: »Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.« Das Prinzip sei immer dasselbe und könne auf jedes Wissensgebiet übertragen werden - egal, ob nun das Ökosystem See, griechische Gottheiten, die Eigenschaften einer Zelle oder die Unterschiede zwischen Viren und Bakterien abgefragt werden.

Um Vokabeln zu üben, werden dagegen keine Listen, sondern in Sätze integrierte Wörter oder Silben verwendet, erläutert Alexandra Renkawitz, die eine von Gedächtnistrainer Markus Hofmann entwickelte zertifizierte Ausbildung absolviert hat. Beispiel 1: »Besuch« heißt im Englischen »visit«. Der Merksatz könnte demnach lauten: »Was sagt die Mama, wenn sie zu Besuch kommt? ›Ja, visits denn hier aus?!‹.« Oder Latein: »caper« für »Ziegenbock« könnte folgendermaßen memoriert werden: »Was frisst der Ziegenbock am liebsten? Kapern.« Und das Französische »battre« für »schlagen« kriegt man eventuell so in den Kopf: »Was schlägt sich nie und läuft mit Batterie? Dein Lego-Roboter.«

Die Methoden hätten nichts mit »Bulimie-Lernen« zu tun, betont Alexandra Renkawitz. Das, was eingeprägt werden soll, bleibe langfristig hängen. Bei Dyskalkulie, ADHS oder Lese-Rechtschreib-Schwäche könnten dann ebenfalls »gewaltige Fortschritte« erzielt werden. Vorausgesetzt, die Schülerinnen und Schüler treten nicht in den »inneren Widerstand« und seien bereit, sich »aus ihrem Motivationstief herausholen zu lassen, sich auf ihre persönlichen Ressourcen zu besinnen und mit Lust die Aufholjagd zu starten«. Klar ist aber auch, dass damit nicht sämtliche Defizite auszugleichen sind und Lerncoaching begleitet werden muss von einer fachlichen Förderung im Unterricht, betonen Dirk Hölscher und Silke Brixtel-Fenner. Erste Verbesserungen meint Alexandra Renkawitz bereits zu erkennen. »Das größte Geschenk ist, dass die jungen Leute wieder Spaß am Lernen haben.«

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