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Mit Spenderlunge Covid-Patienten retten

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Bei der Transplantation des Organs ist das ganze Können der Chirurgen und ihres Teams gefragt. Symbolfoto: dpa © Red

Beim Gesundheitsrechtlichen Praktikerseminar der JLU erläutert der Gießener Transplantationsmediziner Dr. Ingolf Askevold (UKGM) das Verfahren und die Vergaberichtlinien.

Gießen (fod/fley). Bei schwerem Verlauf einer Covid-19-Erkrankung und heftigen Langzeitwirkungen bleibt in manchen Fällen eine Lungentransplantation als einziger Weg übrig, das Leben des Patienten zu retten. Doch verfügbare Spenderorgane sind auch hier Mangelware. »Wir haben jährlich rund 440 neue Patienten auf der Transplantationsliste, können aber nur rund 300 bis 340 Transplantationen im Jahr durchführen«, berichtete Dr. Ingolf Askevold beim Gesundheitsrechtlichen Praktikerseminar der Fachbereiche Rechtswissenschaft und Medizin der Justus-Liebig-Universität (JLU) über die bundesweite Situation. Laut dem Leiter der Sektion Transplantationschirurgie am Gießener Uniklinikum (UKGM) wurde dort bislang drei Long-Covid-Patienten das Atemorgan eines anderen Menschen eingepflanzt. Auch wenn einer davon aufgrund einer Nebenwirkung mittlerweile gestorben ist, lasse sich doch sagen, dass die beiden anderen ohne die Transplantation höchstwahrscheinlich die Folgen ihrer Corona-Infektion nicht überlebt hätten, zeigte sich der geschäftsführende Oberarzt überzeugt. Im Übrigen sei das UKGM bei Post-Covid-Transplantationen der Vorreiter in Deutschland, während sich andere Kliniken hier bislang »eher zurückhaltend« verhielten.

Noch dazu ist Gießen das einzige Transplantationszentrum in Hessen, an dem Lungen verpflanzt werden. In den beiden vergangenen Jahren waren das jeweils etwa ein Dutzend. Die Hauptgründe für diesen Eingriff seien jedoch die angeborene Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose und die Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung (COPD), verdeutlichte Askevold. Jeder einzelne Fall aber birgt ethische und rechtliche Implikationen, die es bei der Zuteilung von Spenderorganen und der Bewertung der Dringlichkeit zu beachten gilt, wie bei der anschließenden Diskussion zwischen Medizinern, Juristen und weiteren Onlineteilnehmern deutlich wurde. Eines allerdings hat die Corona-Pandemie grundlegend verändert: Während lungenkranke Patienten vorher monatelang auf die Transplantation vorbereitet werden konnten, mussten Askevold und sein Team bei jenen drei Schwerkranken nun »innerhalb von Tagen handeln«. Denn jemand, der mittels des sogenannten ECMO-Verfahrens auf der Intensivstation künstlich beatmet wird, werde auf der Warteliste für ein Spenderorgan höher eingestuft, berichtete er. Ist der Patient dagegen nicht mehr auf die Beatmung angewiesen, wird er runtergestuft, was die Dringlichkeit angeht. Grundsätzlich könnte die Maschine diese Aufgabe rund zwölf Wochen lang übernehmen, bevor schwerwiegende Schäden im Körper auftreten.

Auf Nachfragen, welche Kriterien angelegt werden, um zu beurteilen, welche Person auf der Warteliste eher als ein andere für eine Spenderlunge infrage kommt, verwies er auf die dazu vorzunehmende »Abwägung« verschiedener Faktoren. Dies betreffe neben der gesundheitlichen Situation auch die psychische und die »Compliance«, also die Therapietreue. Wie die Transplantationsbeauftragte des UKGM, Dr. Sabine Moos, berichtete, sei aus der Nierentransplantation bekannt, dass 25 Prozent aller Fälle von Organversagen darauf zurückgehen, dass die Betroffenen ihre Medikamente nicht so eingenommen haben, wie es ihnen vom Arzt vorgegeben wurde.

Letztendlich würde die Transplantationskonferenz darüber entscheiden, »ob ein Patient geeignet ist«, erläuterte Askevold. Und zeigte sich »ein bisschen stolz« darauf, dass es gelungen sei, das Transplantationsverfahren für Long-Covid-Patienten in Gießen »so gut etabliert« zu haben.

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