1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Mit ungezähmter Wut

Erstellt:

Die Moskauer Gruppe Pussy Riot lieferte einen überwältigenden Auftritt im Kino Traumstern in Lich.

Lich. Hierzulande wird angesichts des von Wladimir Putin befohlenen Angriffskriegs in der Ukraine und der vielen seitdem bekanntgewordenen Kriegsverbrechen der russischen Armee leicht vergessen: Es gibt auch ein anderes, ein widerständiges Russland, das sich ebensowenig mit dem autoritären, repressiven und gewalttätigen Führerstaat abfinden will, wie mit dem Krieg im Nachbarland. Dazu zählt eine 2011 gegründete Gruppe namens Pussy Riot, die mit einem »Punk-Gebet« auf dem Altar der Moskauer Erlöser-Kirche im Februar 2012 weltweit für Furore gesorgt hat.

Seitdem waren die Mitglieder dieses feministischen Kunstkollektivs andauernder staatlicher Verfolgung ausgesetzt. Die bereits mehrfach inhaftierte Mitgründerin Maria Aljochina (33) entkam ihren Bewachern erst vor wenigen Tagen, als Essenslieferantin verkleidet und mit falschen Papieren ausgestattet, aus dem Hausarrest über die Grenze in den Westen. Umso sensationeller, dass sie auf der aktuellen »Pussy Riot Anti-War Tour« quer durch Europa am Dienstagabend zusammen mit ihren Mitstreitern Diana Burkot, Olga Borisova und Anton Ponomarev in Lich Station machte. Ihre elektronische Fußfessel trug sie dabei als symbolisches Zeichen gut sichtbar am Fuß.

Das Programm an diesem Abend im ausverkauften Kino Traumstern bestand aus elektronisch-roher Punkmusik, zu der das Quartett in griffigen Sätzen die Geschichte und Motivation der Aktivistinnen andeutete, unterlegt mit Filmsequenzen, die stets zu den Aktionen und Performances von Pussy Riot gehören. So basiert dieser rund 90-minütige, pausen- wie atemlose Auftritt inhaltlich auf dem Buch »Riot Days«, in dem Aljochina von der Gründung der Gruppe sowie den Vorbereitungen und der Durchführung ihres Coups in der Kirche erzählt. Ebenso wie von ihren Erfahrungen vor Gericht und im Straflager, in dem sie zwischenzeitlich in einer Einzelzelle eingesperrt war.

Hart und roh

Die dazu auf der Leinwand gezeigten Bilder sind schnell geschnitten, hart und roh, ebenso wie der auf Deutsch übertitelte Text. Zu sehen ist immer wieder, wie Demonstranten von der Polizei niedergeknüppelt werden. Hinzu kommen Bilder des heimlich mitgefilmten Kirchenauftritts von 2012, die bald danach um die Welt gingen. Und auch Wladimir Putin ist immer wieder in kurzen Ausschnitten zu sehen - der erklärte Feind des Kollektivs.

So transportiert dieser atemlose Sprechgesang, mal einzeln, mal im Chor vorgetragen, den unbändigen Zorn, den diese jungen Menschen auf den Staatsführer und seinen Unterdrückungsapparat haben. Sie schreien ihre Wut förmlich hinaus, während der Jazzmusiker Ponomarev sie mit wilden Klangkaskaden unterlegt und Keyboarderin Burkot gleichzeitig auf ihre Schlagzeug-Hi-Hats eindrischt. Irgendwann, nach Bildern einer gewaltsam aufgelösten Demo, schüttet Borisova gar ein gutes Dutzend Wasserflaschen über die Publikumsreihen, um handfest zu verdeutlichen, wie sich die Demonstranten damals das Tränengas aus den Augen zu wischen versuchten.

Und so brachial dieser Auftritt auch ausfällt, so unmittelbar einleuchtend und überzeugend ist er. Putin wird immer wieder wüst verflucht, auch der Patriarch Kyrill wird zur verbalen Zielscheibe des Quartetts. Doch wie anders soll man sich wehren gegen die Willkür, mit denen in Russland Freiheiten beschnitten, Meinungsäußerungen unterdrückt werden - während gleichzeitig in der Ukraine unschuldige Menschen sterben? Die jungen, bewundernswert mutigen Mitglieder von Pussy Riot entscheiden sich zum aktiven Widerstand - der im Aufruf zur Revolution gipfelt. Doch am Ende dieses Auftritts hat man als Zuschauer das Gefühl, das alles, was dieses Quartett hier in seinem Furor vorträgt, vollkommen aufrichtig, wahr und richtig klingt.

»Wir sind verpflichtet, Russland zu verändern«, skandieren sie schließlich voller Überzeugung. Und so wird Pussy Riot im Traumstern damit zur Stimme der Haltung und der Entschlossenheit - die sogar ein bisschen Hoffnung macht auf bessere Zeiten für ihre russische Heimat. Das in jeder Beziehung von diesem Auftritt überwältigte Publikum in Lich spendet dafür stehenden Applaus.

Auch interessant