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Morgen reden wir sicher über Carl

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Knapp 100 Jahre, drei Generationen, ein Weltkrieg, eine industrielle Revolution, das österreichische Mühlviertel, die italienischen Alpen, die USA und Wien. Judith W. Taschler hat sich viel Personal, eine lange Zeit und höchst unterschiedliche Schauplätze vorgenommen, um am Ende den Titel doch nicht einzulösen: »Über Carl reden wir morgen«.

Morgen geht’s dann weiter? Das riecht nach einer Fortsetzung dieses opulenten österreichischen Familienromans - und den, das ist sicher, werden Leser und Leserinnen mit Vorfreude erwarten, denn der 52-jährigen Autorin gelingt es scheinbar mühelos, die Erzählfäden in der Hand zu halten und sie immer exakt so anzuknüpfen, um nahtlos die Geschichte fortzuschreiben. Es ist in erster Linie die Geschichte der Familie Brugger im Mühlviertel, das Taschler deshalb so lebendig erstehen lassen kann, weil es auch ihre Heimat ist, so wie ihre Heimat auch die exakte Recherche für den geschichsträchigen Stoff zu sein scheint.

Die Autorin gibt an, dafür unter anderem »Die Welt von gestern« des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig ausführlich studiert zu haben, sodass die Welt von gestern in »Über Carl reden wir morgen« dem Leser vorkommt, als sei er schon heute ein Teil davon. Man lebt mit im kleinen armseligen Dorf, das von Missgunst und Neid beherrscht wird, man flaniert durch das von Disziplin und überkommenen Traditionen zusammengehaltene Wien der K.u.K-Zeit, man ist mittendrin in den Verstrickungen eines bäuerlichen Lebens, das kaum Spielraum für die Erfüllung individueller Träume lässt.

Am stärksten ist Taschler aber immer dann, wenn es um die großen Katastrophen geht, die eingreifen in das Leben der Bruggers und der Eders, deren Familien eng miteinander verwoben, aber auch in Teilen aufs Blut verfeindet, das Rückgrat des Romans bilden. Die Revolution von 1848, das Unglück eines Schiffes auf seiner Passage in die USA, vor allem aber die dicht erzählten Schrecken, die Carl in den italienischen Alpen als Soldat im Ersten Weltkrieg erlebt, sind schonungslos im Detail und von eindrücklicher Plastizität. Taschler gelingt die hohe Kunst, in ihrer Sprache einfach (bei sich) zu bleiben, ohne jemals simpel zu werden. Es ist die Welt von gestern, die uns, so erzählt, auch morgen noch zu interessieren vermag.

Judith Taschler: Über Carl reden wir morgen. 460 Seiten. 24 Euro. Zsolnay.

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