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Motorsäge macht Buche den Garaus

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Hoch hinaus mussten die Mitarbeiter des Gartenamtes um die 125 Jahre alte und 17 Meter hohe Rotbuche an der Ostanlage umzumachen. Der Arbeitseinsatz dauerte zwei Stunden und verursachte teils Verkehrsprobleme. © Schäfer

Schuld ist der Riesenporling: Das Gießener Gartenamt fällt zwei alte, verkehrsgefährdende Bäume an der Ostanlage. Zeitweise bildete sich ein Rückstau bis zum Kennedy-Platz.

Gießen. Einer stadtbildprägenden 125 Jahre alten, 17 Meter hohen Rotbuche hatte gestern Vormittag das letzte Stündlein geschlagen: Zwei Stunden lang dauerte die Fällung des kranken Baumes, der unmittelbar am Platz der Deutschen Einheit stand und eine Verkehrsgefährdung darstellte. Die Fahrzeuge, die während der Fällarbeiten dort Richtung Berliner Platz nach rechts abbiegen wollten, mussten über die Moltkestraße fahren. Durch den erhöhten Verkehr in dieser Straße bildete sich stundenlang ein Rückstau bis zum John-F.-Kennedy-Platz.

Benjamin Lakowski vom Gartenamt ist in der Stadt für die rund 24000 mittelgroßen und großen Bäume - die kleinen nicht mitgerechnet - zuständig. Als Leiter der Baumpflegeabteilung obliegt es ihm, diese über die gesamte Stadt verteilte Bäumeschar in Stand zu halten. In den trockenen Sommern 2019 und 2020 war das größte Problem die fehlende Feuchte im Wurzelbereich, der mit umfangreichen Bewässerungsarbeiten durch das Gartenamt zumindest etwas abgeholfen werden konnte. Eine der wichtigsten Aufgaben für Lakowski ist festzustellen, wo ein Baum eine Verkehrsgefährdung darstellt, durch Herunterfallen von Ästen oder gar dem Umkippen des ganzen Baumes.

So mussten in näherer Vergangenheit eine große Rotbuche am ehemaligen Parkplatz an der Ecke Neue Bäue/Berliner Platz und eine mächtige Säuleneiche im Theaterpark gefällt werden. Letzte Woche Dienstag fielen im Martha-Mendel-Weg gar 37 mehr als 70 Jahre alte Pappeln der Motorsäge zum Opfer. Solche Eingriffe in das Landschaftsbild machen sich die Fachleute im Gartenamt nicht leicht. Wenn aufwendige Baumpflegearbeiten von mehreren Jahren zum Erhalt der Verkehrssicherheit nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt sind, muss in den sauren Apfel gebissen werden. Was bedeutet: »Der Baum muss um.«

Oft gibt es darüber einen großen Aufschrei in der Bevölkerung, die kein Verständnis für so eine Maßnahme aufbringt, weil ihr die Notwendigkeit nicht bekannt ist. Um solchen negativen Reaktionen im Fall der Fällung zweier Bäume an der Ostanlage vorzubeugen, hatte das Gartenamt die Presse eingeladen. Die beiden Abteilungleiter Richard Schnecking (Grünanlagen) und Lakowski (Baumpflege) legten die Gründe der Maßnahme dar. Neben der Rotbuche mit fast einem Meter Durchmesser sollte auch eine 60 Jahre alte Ulme an diesem Tag gefällt werden. Diese stand neben der Einmündung der Senckenbergstraße in die Ostanlage. Der zehn Meter hohe Baum war im oberirdischen Teil des Stammes nahe dem Erdboden sichtbar stark in Mitleidenschaft gezogen. Sichtbar war eine solche Erkrankung bei der Rotbuche nicht. Hier hatte der Riesenporling über die Jahre hinweg ganze Arbeit geleistet. Die Fruchtkörper des Riesenporlings sind aus zahlreichen zungen- bis fächerförmigen Hüten zusammengesetzt, die einem gemeinsamen, wurzelnden Strunk entspringen. Der gesamte Fruchtkörper wird 20 bis 50, ausnahmsweise auch über 100 Zentimeter breit und bis zu 70 Kilogramm schwer. Das Myzel des Riesenporlings lebt als Weißfäule erzeugender Wurzelparasit in den unterirdischen Bereichen von zumeist Laubbäumen. Ein Befall durch diesen Schwächeparasit bleibt oft jahrelang unentdeckt. Der Pilz befällt zunächst im Wurzelbereich tiefliegende Wurzeln und dringt dann in stammnahe Wurzelbereiche vor. Dort verursacht er im Xylem (wassertransportierender Holzbereich) eine Versorgungsstörung, die schließlich eine starke Vitalitätsminderung des Baumes zur Folge hat. Verringerung der Blattgrößen, Absterben der Baumkrone und des Baumstammes sind weitere Merkmale des Pilzbefalls. Befallene, alte Buchen können aufgrund des Stabilitätsverlustes des Stammes mit voll begrünter Baumkrone unvermittelt zusammenbrechen.

Letzten Sommer war die befallene Rotbuche in der Krone bereits reduziert worden, damit der Baum bis zum Winter noch stehen bleiben konnte. In kurzen Intervallen wurde er auf akute Gefährdung gecheckt. Lakowski: »Für den Laien ist es nach der Fällung am Baumstumpf bei dem Befall mit dem Riesensporling nicht sichtbar, dass der Baum krank war.« Selbst wenn solch große Bäume hier und da gefällt werden müssten: »Der jährliche Zuwachs an Biomasse aller Bäume in der Stadt gleicht dies wieder aus«, erläuterte Schnecking. Dies mag im ökologischen Sinn richtig sein. Auch wenn das Stadtbild punktuell leidet.

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Die Baumexperten Benjamin Lakowski und Richard Schnecking erkennen sofort schadhaften Befall. © Schäfer

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