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Mütter von wertenden Blicken verunsichert

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Von: Eva Pfeiffer

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Catrin Conrath und Ivo Meinhold-Heerlein informieren über das Phänomen »Breast crawl«. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Stillen in der Öffentlichkeit dürfe kein Tabuthema mehr sein, fordert Prof. Ivo Meinhold-Heerlein vom UKGM in Gießen. Zumal es nicht nur darum gehe, Neugeborene satt zu machen.

Gießen . »Frauen berichten immer wieder, dass sie komisch angeschaut werden, wenn sie etwa im Café ihr Baby stillen«, sagt Catrin Conrath. Und sie muss es wissen, denn als Hebamme begleitet sie Frauen vor, während und nach der Geburt. Die wertenden Blicke ihrer Umgebung würden manche Mütter verunsichern, dabei »müsste es selbstverständlich sein, dass eine Frau ihrem Baby in der Öffentlichkeit etwas zu essen geben kann - egal ob aus der Flasche oder aus der Brust«, findet Conrath, die am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) arbeitet.

Stillen dürfe kein Tabuthema sein, fordert auch Prof. Ivo Meinhold-Heerlein, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am UKGM. Das Klinikum hat sich in diesem Jahr erneut an der Weltstillwoche beteiligt, um das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Stillen sei »gewinnbringend«, sowohl für das Neugeborene als auch die Mutter und die ganze Familie. Allerdings: Nicht immer klappt es auf Anhieb. Wichtig sei, den Druck auf die Mütter nicht zu erhöhen, sondern ihnen Raum und Zeit zu geben.

»Stillen - eine Handvoll Wissen« lautete in diesem Jahr das Motto der Aktionswoche. Die wesentlichen Aspekte erläuterte Hebamme Catrin Conrath bei einem Pressegespräch: So sei Stillen nicht nur die natürliche Ernährungsform für Neugeborene, sondern bediene auch andere kindliche Bedürfnisse, wie den direkten Hautkontakt. Will das Baby immer wieder an die Brust, sei das kein Zeichen dafür, dass es nicht satt werde: Zum einen werde so die Milchbildung angeregt, zum anderen lerne das Neugeborene durch die stete Wiederholung.

»Stillen ist ein Lernprozess«, betont die Hebamme. »Man sollte nicht erwarten, dass schon am ersten Tag die Milch problemlos fließt.« Es sei zudem ganz normal, dass Neugeborene nach der Geburt erstmal Gewicht verlieren anstatt zuzulegen. Am UKGM setzt man daher darauf, Fragen und Ängste rund um die Ernährung des Neugeborenen bereits während der Schwangerschaft zu thematisieren und nicht »im hormonellen Chaos nach der Geburt«.

Stresshormone könnten das Stillen zusätzlich erschweren, ein ruhiges, unterstützendes Umfeld dagegen helfen. Die Beschränkungen durch die Corona-Pandemie hätten daher mitunter auch positive Auswirkungen. »Betriebsamkeit tut Wöchnerinnen nicht gut«, hat der Klinikleiter festgestellt. »Es ist oft zu früh, zu viel.« Ruhe statt ständiger Besuche von Familie und Freunden sei für das Kennenlernen von Eltern und Baby besser.

In der Regel stillen die Mütter am UKGM auf ihren Zimmern. Im dritten Stock gibt es aber auch ein spezielles Stillzimmer als geschützten Raum, in den sich die Frauen zurückziehen können. Das Zimmer könne aber auch von Müttern, deren Kinder am UKGM behandelt werden, oder von Mitarbeiterinnen zum Abpumpen der Milch genutzt werden.

Und wenn es mit dem Stillen so gar nicht klappen will? »Das Kind wird auch ohne Muttermilch groß«, betont Meinhold-Heerlein. »Manchmal funktioniert es einfach nicht. Dann ist es wichtig, der Frau das Insuffizienzgefühl zu nehmen.« Zudem gebe es auch Frauen, die ihr Kind nicht stillen wollen. Diese Entscheidung müsse man akzeptieren.

Hebamme Catrin Conrath stellte in dem Zusammenhang auch eine Stillposition vor, die noch eher unbekannt sei: Die intuitive, zurückgelehnte Haltung. Dabei lehnt sich sie Mutter etwa auf Sofa oder Bett gut gestützt zurück, während das Kind bäuchlings auf ihr liegt. »Das ist eine günstige Position für beide«, denn das Neugeborene schaffe es, den Weg zur Brust durch drehen, robben und schieben selbst zurückzulegen. Dieses als »Breast Crawl« bezeichnete Phänomen sei für viele Mütter faszinierend zu sehen: »Kinder sind schon direkt nach der Geburt kompetente kleine Wesen«, verdeutlicht Conrath.

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