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Musik an der Schwelle

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Sopranistin Sonja Grevenbrock und Pianistin Yona Sophia Jutzi glänzten im Levi-Saal. © Schultz

Ein glänzendes Frauenduo betrat mit seinem Programm im Gießener Levi-Saal die musikalisch-literarische Schwelle zwischen Leben und Vergänglichkeit.

Gießen. Einen glänzenden Eindruck machten am Montagabend beim Winterkonzert des Vereins Gießener Meisterkonzerte die Sopranistin Sonja Grevenbrock und ihre Begleiterin Yona Sophia Jutzi. Bei ihrem Liederabend im Levi-Saal interpretierten sie Werke von Brahms, Strauss, Schumann und Mahler. Ihre gleichermaßen emotionaler wie handwerklich kompetenter Auftritt gefiel den zahlreichen Besuchern ausgezeichnet.

Große Gefühle

»Vom Werden und Vergehen« hieß geradezu schicksalhaft das Motto des Abends. Und die beiden jungen Musikerinnen nahmen sich nichts weniger als »die Schwelle zwischen Leben und Vergänglichkeit« vor: die ganz großen Gefühle also. Neben den Komponisten waren bedeutende Dichter wie Joseph von Eichendorff, Hermann Hesse und Friedrich Rückert für das Programm ausgewählt worden.

Der Auftakt mit Johannes Brahms‹ »Sommerabend« op. 84 war gleich eine Überraschung. Grevenbrocks Stimme ist von seltener, reifer Lieblichkeit und zugleich unmittelbar spürbarer Kraft. Auch in »Komm bald« bezauberte sie mit intensiver, berührender Leichtigkeit: Es wurde gefühlvoll.

Zur Auflockerung - und wie sich zeigte, auch zur Präsentation der Kompetenz der jungen, in Mainz ausgebildeten Pianistin - wurde nach den Liedteilen jeweils ein instrumentales Intermezzo im Programm untergebracht. Schon bei Brahms’ Klavierstück op. 118,2 beeindruckte die mehrfache Preisträgerin verschiedener Wettbewerbe mit großer Präzision, mit der sie die große Schönheit der Musik entfaltete. Ihr Timing sorgte zugleich für inhaltliche Klarheit. Zugleich spielte sie hochemotional und zeichnete große Kontraste, zuweilen etwas überdeutlich. Im Lauf des Abends wurde dann immer klarer, dass ihr Timing die Wirkung des Klangs verstärkte - und das Publikum in den Bann schlug. Dazu trug bei, dass sich die Musikerinnen den Applaus erst zum Ende des Konzerts erbeten hatten. So wurde das Publikum nie aus dem konzentrierten Zuhören herausgerissen.

Die aus Münster in Westfalen stammende Sonja Grevenbrock setzte das Programm mit Richard Strauss’ »September« (aus den vier letzten Liedern op. 130, Text: Hermann Hesse) und sang mit enormer Grazie, intensiv und berührend. Neben großer Kraft, bei der man zunächst fast erschrecken konnte, zeigte die Stipendiatin des Richard Wagner Verbands sowie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ebenso feinste Nuancen und Stimmungsfarben: Diese Sängerin ruht ganz in der Musik.

Ohne Süßstoff

Drei Schumann-Lieder (»In der Fremde«, Wehmut« und »Zwielicht«) realisierte Sonja Grevenbrock fast optimal mit kraftvoller Emotion ohne Süßstoff, mithin als Genuss ohne Reue. »Beim Schlafengehen« von Richard Strauss (Hermann Hesse) sang sie gefühlvoll und zugleich natürlich. Der Ausklang geriet beiden Frauen vorzüglich - man wehte förmlich mit der Musik hinweg.

Auch Pianistin Jutzi lieferte an diesem Abend eine exzellente Leistung: Brahms‹ Klavierstück op. 119,2 etwa realisierte sie transparent und emotional, was sie gelegentlich ins zu große Volumen rutschen ließ. Den Flügel im Levi-Saal muss man für diese Musik nicht öffnen. Denn das führt zu gelegentlicher Übertönung des Gesangs in einigen Forte-Passagen. Jutzis Stärke wiederum ist die narrative Geste, und Brahms’ »Romanze« op. 118,5 präsentierte sie mit einer wunderbaren Ausgeglichenheit.

Höhepunkt des Programms war schließlich Gustav Mahlers »Ich bin der Welt abhanden gekommen« (Rückert-Lieder Nr. 3). Da entfaltet der Sopran der freischaffenden Konzertsängerin und Liedinterpretin eine große Melancholie bei bedachtsamer Umsetzung und stellenweisem Einsatz des vollen Stimmklangs. Hier zeigte sich aufs Schönste die Stärke von Grevenbrocks Interpretationsfähigkeit und Vielseitigkeit.

Die emotionale Intensität des Abends machte das Konzert dieses jungen Frauenduos insgesamt zu einem packenden, anrührenden Ereignis, an das man bei allen pandemiebedingten Einschränkungen gern zurückdenkt, besonders, wenn man sich von der Musik so wunderbar mitnehmen lassen kann. Es gab enormen Beifall des hingerissenen Publikums.

Die Reihe der Gießener Meisterkonzerte wird am 18. März mit dem Trio Jean Paul fortgesetzt.

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