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Musikalische Blicke auf Marburg

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Die Darsteller Kathryn Wieckhorst und Kristian Lucas stellten das Stück »Schatten-Risse« vor, das nach der Vorstellungsrunde den Jury-Preis erhielt. Foto: Schultz © Schultz

Vier neue Musicals wurden jetzt in der Marburger Waggonhalle vorgestellt. Ein Gießener Theatermacher ist einer der drei Projektleiter.

Marburg. Anlässlich des Stadtjubiläums Marburgs, das in diesem Jahr sein 800. Geburtstag feiert, veranstaltet die Waggonhalle Marburg zusammen mit der Deutschen Musicalakademie einen Wettbewerb für neue Musicals. Vier Teams stellten am Montagabend ihre Werke vor Publikum, darunter auch die hessische Kultusministerin Angela Dorn, auf der Bühne vor. Einer der Projektleiter ist der erfahrene Gießener Theatermacher Jens Ravari.

Moderiert durch Leonie Webb von der Deutschen Musicalakademie, wurden kurze Ausschnitte aus vier neuen Musicals präsentiert. Nur mit Klavier und Mikrofonen gab es Kostproben von Stücken, die alle einen Bezug zu Marburg haben, eine Art Musical-Kammerspiele. Ein Teammitglied stellte das Projekt vor, dann folgten Spielszenen und zwei Lieder. In jeweils 20 Minuten entfalteten sich dabei ganz unterschiedliche Welten: Eine blinde Studentin macht einen ersten Spaziergang durch die Stadt (»Der andere Blick«). Die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof beginnt ihre Studienzeit in Marburg (»Schatten-Risse«). Das dritte Stück handelt von einem Jahr im Leben von VWL-Student Max (»Marburg Südsee«). »Sophie - die Wahrheit über Mama Marburg« schließlich spielt um 1200 und hat Sophie von Brabant zum Thema. Dafür gab es den Publikumspreis.

Das war alles professionell geschrieben, getextet und komponiert. Vorgetragen wurden die Beiträge von routinierten Musicalakteuren. Da konnte man leicht über das sparsame Ambiente hinwegsehen und witzige, einfühlsame Dialoge und Lieder genießen. Das Publikum war höchst angetan.

Der Musicalwettbewerb ist in zwei Stufen gegliedert: Autoren, Texter und Komponisten reichten Songs, Liedtexte und Szenen beim Wettbewerb ein. Das Material wurde von einer Jury gesichtet, die über die Einladung nach Marburg entschied.

Unter dem Titel »Schreib:maschine Spezial« präsentierten die vier eingeladenen Kreativteams am Montagabend ihre Ideen. Im Anschluss wählte die Jury das vielversprechendste Stück aus, das ein Preisgeld in Höhe von 2500 Euro gewann. Es ging an »Schatten-Risse«. Zudem wurde ein Publikumspreis in Höhe von 1000 Euro vergeben, den »Sophie - die Wahrheit über Mama Marburg« erhielt. Für das Gewinnerteam folgt eine Entwicklungsphase inklusive Mentoring von Branchenexperten und eine professionell produzierte Workshop-Präsentation im November in der Waggonhalle.

Die Projektleitung lag beim Gießener Regisseur Jens Ravari, Matze Schmidt (Intendant Waggonhalle) sowie Leonie Webb (Vorstand Deutsche Musicalakademie). »Diese Region, Gießen, Marburg und weitere Städte, das ist eine der intensivsten Musicalregionen überhaupt, ausgehend von Wetzlar, seit Peter Merck das Genre hier 1979 etablierte«, sagte Ravari, der in Gießen die Herderschule besuchte und an der JLU Musikwissenschaften und Germanistik studierte. Er wirkte in über 200 Rollen am Stadttheater mit und inszenierte neben eigenen Stücken unter anderem das große Finale für »70 Jahre Hessen«.

Am Ende der Präsentationen wurde es spannend, weil die Stücke vor allem inhaltlich schwer zu bewerten waren; die Jury (unter anderem mit Frank Dauer vom Kultursommer Mittelhessen) machte sich die Entscheidung schwer und tagte recht lange. Schließlich herrschte bei den beiden Preisträgerensembles großer Jubel. »Schatten-Risse« kann nun weiterentwickelt werden, und auch »Sophie - die Wahrheit über Mama Marburg« kann sich Hoffnung machen, in näherer Zukunft auf der Bühne aufgeführt zu werden.

Das Publikum war in der Waggonhalle ganz nah dran, als die jungen Akteure ihr Bestes gaben, um ihre Stücke rüberzubringen: Unterhaltsam und bereichernd war das. So ließ sich zugleich ein Abend erleben, der einen Einblick in aktuelle Trends im deutschen Musical vermittelte. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich in Grünberg, wo im September mit »Der Turm« ein Stück aus der Feder des Lollarer Musikers Peter Herrmann gezeigt wird. Ebenfalls, weil die Stadt 800-jähriges Bestehen feiert.

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