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Mut mit einem »Ja« belohnt

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Für sie hängt der Himmel voller Geigen: Michaela Muth und Marcel Held sind nach dem ersten Kuss am 9. März 2017 zusammen und wollen dieses Jahr heiraten. © Zielinski

Michaela Muth und Marcel Held lernten sich in der Reha-Werkstatt der Lebenshilfe kennen. Ihr »Valentinstag« ist der 9. März. An jenem Tag im Jahr 2017 gaben sie sich den ersten Kuss.

Gießen. »Das größte Geschenk sitzt neben mir«, sagt Marcel Held und schaut seiner Freundin Michaela Muth verliebt in die Augen. Die Beiden sitzen nebeneinander in einem Gießener Café und erzählen, wie glücklich sie sind, sich gefunden zu haben. Beide hatten nicht nur eine schwere Kindheit, sondern leiden auch unter einem psychischen Handicap.

Während sich viele andere Paare nicht mehr genau an ihre erste Begegnung erinnern können, wissen es die beiden 31-Jährigen noch ganz genau: Es war in der Reha-Werkstatt Mitte der Lebenshilfe für Menschen mit chronisch psychischer Behinderung. »Marcel hat ein paar Tage bei uns ausgeholfen und ich habe ihn jeden Tag gesehen«, berichtet Michaela. Zu diesem Zeitpunkt habe sie aber noch einen festen Freund gehabt.

»Diese Beziehung habe ich allerdings beendet, als ich erfahren habe, dass er mich betrügt«, sagt sie. Zunächst sei Marcel nur ein guter Freund gewesen, mit dem sie über alles reden und sich ausheulen konnte. »Ich habe ihr zugehört und Zeit gelassen«, betont Marcel. Die Chemie zwischen ihnen habe von Anfang an gestimmt. Irgendwann habe dann sein Herz gesagt: »Frag Sie.«

Marcel hat allen Mut zusammengenommen und seine Angebetete im Flur der Werkstatt angesprochen: »Ich finde Dich hübsch, willst Du mit mir zusammen sein?« An diese Worte erinnert er sich noch ganz genau. Auch die Antwort ist ihm gut im Gedächtnis geblieben. »Ich überleg es mir«, hat Michaela gesagt. »Ich war sprachlos«, erklärt sie heute lachend. Gerade auf dem Weg zu einer Einrichtungsbeiratssitzung, hatte sie das Geständnis »komplett überrumpelt«.

»Mit meinen Gedanken bei ihm, habe ich die Sitzung dann irgendwie durchgestanden und ihm gleich am nächsten Tag per SMS ein »Ja« geschickt. Das war am 9. März 2017. An diesem Tag haben sich die Beiden auch das erste Mal geküsst. Am 1. April 2021 sind sie im Rahmen eines unterstützten Wohnens im Stolzenmorgen zusammengezogen.

Bis zu diesem Happy End war es für das Paar ein langer Weg: Aufgrund eines Sauerstoffmangels bei der Geburt kam Michaela mit eingeschränkter Motorik und einer nur 20- bis 30-prozentigen Sehkraft zur Welt. Sie wuchs in Allendorf/Lumda auf und erinnert sich noch gut, dass sie in der Schule als »Brillenschlange« gehänselt wurde. Hinzu kamen neben familiären Schwierigkeiten auch Schilddrüsenprobleme. Ihre Eltern trennten sich schließlich und die Mutter war mit der Erziehung überfordert. Zum Glück seien Oma und Opa helfend eingesprungen. Seit 2011 wird die junge Frau von der Lebenshilfe betreut. Zunächst war sie in der Wäscherei Lollar tätig. Eine Arbeit, die ihr auf Dauer schwer fiel und Rückenprobleme verursachte.

2018 gelang ihr mit Hilfe des Fachdienstes berufliche Integration (FBI) die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. »Ich arbeite als Hilfe der Alltagsbegleitung im Caritas-Haus Maria Frieden«, berichtet sie stolz. »Endlich stehe ich auf eigenen Beinen.« Zu ihren Aufgaben gehöre es unter anderem die Betten zu beziehen, zu spülen oder Tische zu decken. »Meine Tätigkeit macht mir viel Spaß und ich hoffe, noch mehr im sozialen Bereich arbeiten zu können. Ich liebe es, andere Menschen zu motivieren.«

Marcel Held ist in Meiningen (Südthüringen) geboren. Seine Kindheit war geprägt von vielen Ortswechseln. Die ständigen Umzüge sowie die Trennung der Eltern lösten bei ihm psychische Probleme aus. Nach einem Aufenthalt in der Vitos-Klinik kam er 2015 zur Lebenshilfe. Sein Ziel ist es nun, einen Ausbildungsvertrag als Schreiner auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bekommen.

In ihrer ersten gemeinsamen Wohnung fühlt sich das Paar sehr wohl. Unterstützung erhalten sie dabei von der Lebenshilfe und Profile gemeinnützige GmbH. »Bei der Hausarbeit haben wir keine feste Einteilung«, unterstreicht Michaela Muth. Marcel würde allerdings lieber die Toilette putzen und den Müll rausbringen, während sie den Boden wischt. Gekocht wird wenn möglich gemeinsam, am liebsten Pizza, Käsespätzle, Spaghetti Bolognese oder Nudel-Schinken-Gratin.

»Mit einer Maschine stellen wir sogar die Nudeln selbst her«, freut sie sich. »Die Rezepte stammen zum Teil noch von meiner Oma.« Weitere gemeinsame Hobbys sind Schwimmen gehen, Spielen, Malen, Freunde treffen, Reisen und Filme schauen. Ihr Lieblingsziel: Das Ostseebad Binz. Bei der Filmauswahl gehen die Geschmäcker etwas auseinander. Marcel bevorzugt Superhelden-Filme, während Michaela gerne Pferdefilme schaut. Gemeinsamer Nenner sind allerdings die Harry-Potter-Filme und Bücher. »Leider kann ich nie lange lesen, ohne Kopfschmerzen zu bekommen«, bedauert sie. Dennoch hat sie alle Harry-Potter-Bände gelesen. In diesem Sommer wollen Michaela und Marcel endlich heiraten. Zuvor hatte ihnen Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht und sogar zu langen Beziehungspausen gezwungen, in denen sie sich nur schreiben oder zuwinken konnten. »Kleid und Ring habe ich schon«, freut sich Michaela Muth. Gefeiert werden soll mit Familie und Freunden. Wohin die Flitterwochen gehen, steht allerdings noch nicht fest.

Die Geschichte der Beiden würde Stoff für einen schönen Film bieten. Sollte es dazu kommen, haben Michaela und Marcel bereits feste Vorstellungen, wer in ihre Rollen schlüpfen soll. »Dakota Johnson«, so die junge Frau spontan. »Ich fände Daniel Radcliffe super«, erklärt ihr Partner.

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