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»Mut zu Emotionen«

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Die Mitarbeitergewinnung im Handwerk neu denken - dazu forderte der Vortrag von Jörg Mosler bei »Meet and greet« im Kinopolis Gießen auf. Eingeladen hatte die Kreishandwerkerschaft.

Gießen (bcz). Großes Kino für die Kreishandwerkerschaft: Zum zweiten Mal nach 2019 hatte sie zu der Veranstaltung »Großes Kino: Meet and greet« ins Kinopolis eingeladen. Dieses Mal lautete das Thema »Wege aus der Fachkräftekrise«. Durch den Abend führte souverän das Moderatoren-Ehepaar Franziska und Christian Kaempfert.

Ein abwechslungsreiches Programm mit kurzweiligen Imagefilmen und flotten Gesprächsrunden wurde dem Publikum geboten. Das Highlight des Abends präsentierte Dachdeckermeister Jörg Mosler, Experte für Mitarbeitergewinnung für Handwerk und Mittelstand, mit seinem kreativen und zugleich lehrreichen Vortag »Die Fachkräfteformel - Mitarbeitergewinnung für das digitale Handwerk«.

Nach einem kurzen Imagefilm stellte das Moderatoren- Duo die Schlüsselfrage, die sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung ziehen sollte: »Wann ist verloren gegangen, dass Handwerk in der Natur des Menschen liegt?« Schließlich ist der Mangel an Facharbeiter und Azubis nicht mehr zu leugnen. In Deutschland fehlen aktuell rund 250 000 Handwerker.

Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), der digital aus Berlin dazugeschaltet war, ging in seinem Grußwort auf die aktuelle Situation des Handwerks in puncto Be- und Entlastungen durch den Staat ein. »Uns treffen die hohen Energiekosten anders als die Industrie«. Daher forderte er in gleicherweise Entlastungen wie sie bereits für die Industrie vorgesehen seien. Es sei nicht zu verstehen, warum die Industrie diese Erleichterungen bereits im Januar 2023 erhalten solle, das Handwerk jedoch erst ab März. Hier bestünde dringend Handlungsbedarf, den er bei Gesprächen mit der Regierung einfordern würde.

Ein interessantes Projekt zum Thema Gewinnung von neuen Azubis stellte der Berufsorientierungscoach Rüdiger Stamm vor: die Azubi-Guides. Das sind junge Auszubildende, oder solche, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben, die in Schulen gehen und ihre Ausbildung auf Augenhöhe den Schülern vorstellen. Das Projekt, im vergangenen Jahr im Kreis Gießen und Lahn-Dill-Kreis gestartet, konnte bereits rund 30 junge Leute gewinnen, die ihre Erfahrungen im Handwerk in den Schulen weitergeben. Vier von ihnen berichteten am Montagabend, wie sie ihren Weg in die Ausbildung und zu ihrem Traumjob gefunden hätten. Zunächst hätten sie alle ein Studium als Berufsziel im Auge gehabt, doch nach einigen Fehlschlägen sind sie bei einem Handwerksberuf gelandet - und dort mehr als zufrieden. Vier knappe Statements zu den Azubi-Guides lieferten im Anschluss Bernd Mundschenk, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Wiesbaden, Landrätin Anita Schneider, Mathias Baron, Vorsitzender des Fördervereins »Azubi Coaches« und Kay Achim Becker, Vorsitzender des Vereins Handwerk.

Sie beglückwünschten Stamm für diese Projektidee und betonten, dass sie um die Bedeutung der Nachwuchsfrage wissen, denn gute Mitarbeiter würden nicht vom Himmel fallen. Ein weiterer Höhepunkt des Abends war der Vortag »Die Fachkräfteformel - Mitarbeitergewinnung für das digitale Handwerk« von Jörg Mosler. Er weiß, wovon er spricht. Der gelernte Dachdecker kennt die Nachwuchssorgen des Handwerks. Seit acht Jahren arbeitet er als Moderator und berät Unternehmen im Bereich der Nachwuchsgewinnung. Für ihn ist die Lösung so einfach wie komplex: Er setzt in diesem Bereich auf Emotionen. »Emotionen übertragen sich von Mensch zu Mensch und darüber werden die Inhalte transportiert.« Genau in diesem Bereich hat er die Schwachstellen in punkto Nachwuchsgewinnung ermittelt: Die Betriebe würden diesen wichtigen Fakt vernachlässigen und zudem zu wenig in den Bereich der sozialen Medien investieren. Er plädierte dafür, den persönlichen Faktor mehr und bewusster einzusetzen. »Haben sie Mut zur Persönlichkeit! Nutzen sie die Chance«.

Daher sieht er in dem Projekt der Azubis-Coaches einen Schritt in die richtige Richtung, da sie die notwendigen Inhalte durch persönliche Gespräche unter (fast) Gleichaltrigen weitergeben. Im Anschluss an die Präsentationen hatten die Teilnehmer noch Gelegenheit, sich in persönlichen Gesprächen im Foyer auszutauschen.

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Jörg Mosler begeisterte mit seinem kreativen Vortag »Die Fachkräfteformel - Mitarbeitergewinnung für das digitale Handwerk«. Foto: Czernek © Czernek

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