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Muttersein in Corona-Zeiten

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Erfahrungsaustausch zu Fuß: Die Beratungsstelle »Aktino« hatte ihr »Müttercafé« nach draußen verlegt. © Pfeiffer

Frauen aus der Gießener Nordstadt tauschen sich über die Frage aus, wie sich die Corona-Pandemie auf das Muttersein auswirkt?

Gießen . Zwei Jahre Corona-Pandemie haben bei vielen Menschen Spuren hinterlassen. Insbesondere Frauen leiden Umfragen zu Folge unter der Krise - auch, weil etwa durch geschlossene Kindergärten und Schulen mehr Sorgearbeit an ihnen hängen geblieben ist. Wie sich Corona auf das Muttersein auswirkt, war nun Thema bei einem Spaziergang, zu dem »Aktino«, die Kontakt- und Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene sowie deren Eltern und Bezugspersonen in der Gießener Nordstadt geladen hatte. Vom Nordstadtzentrum ging es mit Boller- und Kinderwagen und Kaffee und Kuchen in die Wieseckaue, wo sich junge Mütter mit Frauen aus der Großmuttergeneration und den »Aktino«-Beraterinnen Kerstin Seipp und Anna Führer austauschten.

Insbesondere die Lockdowns seien für Viele schwierig und beänstigend gewesen, hat Kerstin Seipp in der Beratung festgestellt. »Die Mütter hatten plötzlich noch viel mehr Aufgaben und waren überfordert.« So wie die junge Aramäerin, die am morgendlichen Spaziergang teilnahm. »Es war schwierig, weil die Kinder plötzlich immer zuhause waren. Der eine musste Hausaufgaben machen, aber der Kleine wollte spielen. Da gab es viel Streit.« Gleichzeitig habe das Homeschooling auch ihren Alltag durcheinander geworfen: »Wenn kleine Kinder mittags schlafen, kann man keine Hausarbeit erledigen.«

Ihre Freundin, die während der Lockdowns drei Kinder zuhause betreute, erzählte: »Für meine jüngste Tochter war Corona am schwierigsten. Sie hat ihre Freunde vermisst.« Jetzt sei es angesichts der Lockerungen besser. Doch auch in ihrer Familie habe es mehr Streitereien gegeben, weil man sich nicht aus dem Weg gehen konnte.

Das Homeschooling hat die Familien aber auch vor ganz praktische Probleme gestellt. »Die wenigsten hatten digitale Endgeräte, mit denen die Kinder die Aufgaben hätten erledigen können«, erzählte »Aktino«-Beraterin Seipp. Teils seien Kinder zwei Monate lang nicht beschult worden. Hier für Abhilfe zu sorgen, sei einer der Schwerpunkte der Beratungsstelle in der Pandemie gewesen. »Wir hatten keinen Laptop«, berichtete auch eine Teilnehmerin. Plötzlich seien die Kinder zu Hause gewesen, die Mutter habe aber nicht gewusst »wie Schule funktioniert«. Auch die ständig wechselnden Regeln sowie Masken- und Testpflicht seien eine große Belastung gewesen. Trotz der Lockerungen sei der Stress für die Familie immer noch groß.

Die Kontakt- und Beratungsstelle gehört zum Verein »Aktion - Perspektiven für junge Menschen und Familien« und bietet jeden Dienstag zwischen 9 und 12 Uhr ein »Müttercafé« im Nordstadtzentrum an. Aufgrund der Corona-Pandemie findet es derzeit in kleinerer Gruppe nach vorheriger Anmeldung statt. Für die Teilnehmerinnen gibt es stets etwas zu essen und zu trinken. Denn: »Es ist wichtig, dass die Frauen mal versorgt werden«, findet »Aktion«-Geschäftsführerin Astrid Dietmann-Quurck. Schließlich seien sie es, die normalerweise ihre Familien ver- und umsorgen. Zudem biete das »Müttercafé« den Frauen einen Ort, »wo sie sich austauschen können und sich sicher fühlen«.

Die Geschäftsführerin ist stolz darauf, dass der Verein auch während der Pandemie für die Menschen da sein konnte. Man habe stets Wege gefunden, um trotz Abstandsgebot miteinander in Kontakt zu bleiben und Hilfe zu leisten - etwa durch Beratungen unter freiem Himmel.

Sie sei froh, die Beratungsstelle gefunden zu haben, erzählte eine junge Mutter. »Wenn es mir nicht gut geht, gehe ich hin. Das gibt mir Kraft und ich weiß, dass ich nicht alleine bin.« Eine andere Frau berichtete, dass es ihr helfe, raus in die Natur zu gehen - und am besten auch mal ganz für sich alleine zu sein. Und auch, wenn man im »Müttercafé« nicht immer einer Meinung sei: Im Streit sei man anschließend noch nie auseinander gegangen.

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