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Nach 77 Jahren ist Schluss

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Der Abschied naht: Richard Wagner (mit Ehefrau Christel) hatte das Tabakwarengeschäft in der Gießener Bahnhofshalle einst von seinem Vater Otto übernommen. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Richard und Christel Wagner schließen Ende Juli ihr Tabakwarengeschäft am Gießener Bahnhof. Dabei hätten sie gerne weitergemacht.

Gießen . Es ist ein ständiges Kommen und Gehen an diesem Mittag im kleinen Laden von Richard Wagner im Gießener Bahnhof. Und obwohl er und seine Ehefrau Christel alle Hände voll zu tun haben, haben sie doch für jeden Kunden ein offenes Ohr und ein paar nette Worte parat. »Du gewinnst irgendwie immer. Wie machst du das?«, will Richard Wagner von einem Kunden wissen, der gerade seinen Lottoschein einlöst und sich über einen kleinen Gewinn freuen kann. Wenige Meter weiter wartet bereits eine Frau darauf, dass Christel Wagner ihr Wasser abkassiert. Seit 77 Jahren gibt es das Tabakwarengeschäft Wagner im Gießener Bahnhof. Doch Ende Juli ist Schluss, der Laden schließt.

Eigentlich hätten Wagners gerne weiter gemacht. Sohn Steffen, der seit Jahren im Familienbetrieb aktiv ist, wollte den Laden fortführen. Doch der Mietvertrag mit der Deutschen Bahn läuft aus, ein neuer wurde Wagners angeboten. Allerdings hätte man gleich für mehrere Jahre unterschreiben müssen, außerdem einiges in den Laden investieren sollen, erzählt der 74-Jährige. Ein neuer Fußboden, eine neue Ladeneinrichtung: Für die Familie wäre es wohl recht teuer geworden. Und das, nachdem die Umsätze während der Corona-Pandemie spürbar zurückgegangen waren. Schließlich war an den Bahnhöfen im ganzen Land weniger los, die Pendler saßen zu Hause am Schreibtisch statt im Büro. »Das war einfach nicht machbar«, sagt der Inhaber. Schweren Herzens hat sich die Familie daher entschlossen, den Traditionsladen aufzugeben.

Auch wenn man am Ende nicht zusammenfand: »Wir sind immer gut mit der Bahn ausgekommen«, betont Richard Wagner. Und auch bei den Bahnhofsmitarbeitern ist das Geschäft beliebt: »Ich kaufe jeden Tag meine Cola hier«, sagt ein Angestellter der Deutschen Bahn und stellt wie zum Beweis die Plastikflasche an der Kasse ab. »Es ist schade, dass der Laden schließt. Ich bin immer gerne hier hingekommen.«

Gegründet hat den Laden am 1. September 1945 Richard Wagners Vater Otto. Neben dem Geschäft in der Bahnhofshalle eröffnete er noch vier weitere im gesamten Stadtgebiet. So früh nach Kriegsende verkaufte Otto Wagner noch alles, was er bekommen konnte. Erst später folgte die Spezialisierung auf Tabakwaren. Sein Sohn Richard, der gemeinsam mit seinem Bruder die Läden vom Vater übernommen hatte, ist stolz auf das große Sortiment, das er seinen Kunden in den vergangenen Jahrzehnten anbieten konnte. Neben der Laufkundschaft gebe es viele, die den Laden ganz gezielt ansteuern - und das nicht nur aus Gießen, sondern auch aus anderen Kommunen. »Wir haben hier besondere Tabaksorten, die man nur in wenigen Geschäften bekommt.«

Tagein, tagaus am Bahnhof zu arbeiten - das ist nicht für jeden etwas. »Man muss den Bahnhof lieben«, findet Christel Wagner. Sie und ihr Mann tun das, das merkt man ihnen an. Und auch die Liebe der beiden hat vor rund fünf Jahrzehnten an diesem Ort begonnen.

Das Tabakgeschäft ist ein echtes Familienunternehmen. »Jeder in unserer Familie hilft mit«, berichtet sie. »Unsere Tochter ist Juristin, sie berät uns bei den Verträgen.« Und auch zu den Mitarbeitern, die teils bereits seit Jahrzehnten bei ihnen angestellt sind, habe man ein familiäres Verhältnis und unterstütze sich gegenseitig. Wagners sind froh, dass alle Mitarbeiter bereits neue Jobs gefunden haben - überrascht hat es sie aber nicht. »Wir haben sehr gut geschultes Personal. Jeder unserer Mitbewerber kann froh sein über die Unterstützung.« Die Arbeit in ihrem Geschäft am Bahnhof »hat unser Leben geprägt«, sagt Christel Wagner. Viele interessante Gespräche und kuriose Situationen, aber auch jede Menge lange Arbeitstage habe es gegeben. Und selbst die eine oder andere Berühmtheit aus Politik, Film und Fernsehen habe dem kleinen Geschäft einen Besuch abgestattet - und sowohl Wagners als auch andere Kunden zum Staunen gebracht.

Ende Juli wird das Ehepaar letztmals in seinem Laden stehen. »Hier war immer was los«, sagt Richard Wagner, während er einem Kunden ein 9-Euro-Ticket aushändigt. »Es war eine schöne Zeit, an die wir gerne zurückdenken werden.«

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