Urteil am Landgericht

Nach Angriffen am Marktplatz: Obdachloser muss in Psychiatrie

Der psychisch kranke Mann hatte sich für den »ehrenamtlichen Mitarbeiter« einer Gießener Bäckerei gehalten und wollte dort »für Ordnung sorgen«.

Gießen. Ein paar Habseligkeiten hat der 61-Jährige in einer roten Plastiktüte mit in den Gerichtssaal gebracht. Als ihn zwei Justizwachmeister langsam hereinführen, grüßt er freundlich. Der Verteidiger redet ruhig mit seinem Mandanten: Noch ein letztes Mal Platz nehmen, bevor der Vorsitzende der 6. Strafkammer das Urteil spricht. Fast schläfrig folgt der Beschuldigte dem Prozess, setzt dann aber zu Zwischenrufen an. »Ich bin nicht gefährlich!«, schreit er mehrfach. Die drei Berufs- und zwei Laienrichter kommen zu einem anderen Schluss.

Vielen Gießenern dürfte der zuletzt obdachlose Mann mit den zausigen Haaren, dem langen Bart und meist lauter, aufgeregter Stimme am Marktplatz schon einmal aufgefallen sein. In diesem Umfeld, das der 61-Jährige als »seinen Bereich« definierte, kam es zwischen August 2020 und Mai vergangenen Jahres auch zu den fünf Vorfällen - darunter gefährliche Körperverletzung -, wegen derer der psychisch kranke Mann nun vor dem Landgericht steht. Da er als schuldunfähig gilt, geht es für ihn in dem Sicherungsverfahren aber nicht um eine Haftstrafe. Der Vorsitzende Dr. Johann-Gottfried Lessing ordnet stattdessen die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. »Dass sie kein schlechter Mensch sind, ist mir klar«, findet der Richter in der Urteilsbegründung empathische Worte. Und er folgert: »Der Maßregelvollzug ist ein gutes Angebot für Sie.«

Zum ersten Mal musste sich der Beschuldigte 1980 in psychiatrische Behandlung begeben, erlebte seitdem manische Episoden. Immer wieder gipfelte seine Erkrankung in Konflikte mit anderen Personen, die teils ebenfalls vor Gericht aufgearbeitet werden mussten. Das Amtsgericht Paderborn sah zuletzt die Voraussetzungen für eine Unterbringung nicht. Insbesondere deswegen, weil die Prognose für schwere Straftaten fehlte. Dies hat sich nach den neuesten Vorfällen geändert. Lessing spricht von einer »krankheitsbedingten Verschärfung des Verhaltens«.

Weitere Taten zu erwarten

Dass der 61-Jährige inzwischen zu gefährlicher Körperverletzung in der Lage sei, mache die psychiatrische Unterbringung »zum Schutz der Allgemeinheit« erforderlich. Andernfalls sei mit weiteren Taten zu rechnen, Menschen könnten »körperlich oder seelisch geschädigt« werden. Die Kammer bejaht , dass von dem 61-Jährigen nach derzeitigem Stand Gefahr ausgeht.

Der wohnungslose Mann hielt sich nach Überzeugung des Gerichts für den »ehrenamtlichen Mitarbeiter« einer Bäckerei am Marktplatz und ging davon aus, dort »für Ordnung zu sorgen«. Im August 2020 kam es zu dem folgenreichsten Vorfall: Im Zustand einer schizoaffektiven Psychose schlug der Beschuldigte einem inzwischen 63-Jährigen, der draußen frühstückte, unvermittelt ein Radio auf den Kopf. Der Hieb hatte eine solche Wucht, dass das Opfer eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde erlitt, die mit sechs Stichen genäht werden musste. Der Aggressor war davon ausgegangen, der 63-Jährige habe ihn zuerst angegriffen und er müsse »das erlittene Unrecht rächen«. Im April vergangenen Jahres schlug der 61-Jährige dann einer Kundin der Bäckerei mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. Im Mai geriet er mit einem Polizisten körperlich aneinander, der ihn aufgefordert hatte, nicht so herumzuschreien und den vorgeschriebenen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

»Jeder macht mal Fehler!«

Drei Wochen später schlug er einer Frau auf die Wange. Ein hinzu geeilter Passant stellte sich in den Weg und versuchte, den Angreifer zu treten. Dieser nahm daraufhin eine Sitzbank und schleuderte diese dem Mann entgegen, »um ihn zu verletzen«. Zum Tatzeitpunkt war der Beschuldigte nach Ansicht der Kammer »in einem Erregungszustand und verhielt sich wegen Verfolgungsideen aggressiv«.

»Firlefanz!«, quittiert der 61-Jährige die Ausführungen des Richters. »Jeder macht mal Fehler! Ich will arbeiten gehen.« Lessing räumt ein, dass die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung »eine sehr eingriffsintensive Entscheidung« sei, die Freiheitsentzug und ärztliche Behandlung - auch gegen den Willen des Beschuldigten - kombiniere. »Für Sie ist das schwierig, das verstehe ich.« Doch das Urteil bedeute keine lebenslange Unterbringung. So werde jährlich »sehr genau geschaut«, ob sich der Zustand des Mannes gebessert habe. Lessing rät, diese Hilfe anzunehmen. »Eine bessere Behandlung als im Maßregelvollzug werden Sie in Deutschland nicht bekommen.« Das Recht auf Freiheit sei letztlich nunmal nicht schrankenlos. Der Richter verdeutlicht: »Die Sicherheit der Allgemeinheit geht vor.«

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