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Nach Waffenhandel bei SEK-Einsatz in Wetzlar überwältigt

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Anders als sein Cousin musste sich der 29-Jährige »nur« vor dem Gießener Amtsgericht verantworten. Archivfoto: Mosel © Jasmin Mosel

Ein Gießener erhält eine milde Strafe, nachdem er für seinen Cousin eine Maschinenpistole transportiert und aufbewahrt hat. Zu dem Fall gibt es eine Vorgeschichte.

Gießen. Was sich in der rosafarbenen Tragetasche befand, wusste der 29-jährige Gießener ganz genau. Schließlich hatte er seinen älteren Cousin bei dem vorangegangenen Geschäft begleitet. Danach steuerten die beiden ein Mehrparteienhaus in Wetzlar Münchholzhausen an, der Jüngere griff die Plastiktüte und nahm sie mit in das 1-Zimmer-Appartement, wo er übernachtete. Geweckt wurde er am Morgen des 7. April 2020 dann sehr unsanft durch ein hereinstürmendes Sondereinsatzkommando (SEK). Der offene Beutel mit der am Vorabend erworbenen »Skorpion«-Maschinenpistole, zwei Magazinen und 300 Schuss Munition war schnell gefunden.

»Skorpion« und »Uzi« gekauft

Den Männern war verborgen geblieben, dass sie von der Polizei observiert wurden. Noch in der Nacht erging wegen »Gefahr im Verzug« ein Eil-Durchsuchungsbeschluss. Angeklagt wegen der »Ausführung über die tatsächliche Gewalt einer Kriegswaffe« und deren Beförderung im Bundesgebiet, ist der in Gießen lebende polnische Staatsangehörige nun mit einer neunmonatigen Bewährungsstrafe davongekommen - auch weil er die Taten ohne Umschweife eingeräumt hat. Während sich der 29-Jährige »nur« vor einem Schöffengericht am Amtsgericht verantworten musste, verbüßt sein Pohlheimer Cousin wegen Waffen- und Drogenhandels eine bereits im November 2020 vom Landgericht verhängte Freiheitsstrafe von vier Jahren und zehn Monaten.

Um die komplette Tragweite des am Donnerstag verhandelten Falls zu verstehen, kann dieser erste Prozess nicht unerwähnt bleiben. Das Gericht konnte dem Pohlheimer letztlich Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz in neun Fällen nachweisen (der Anzeiger berichtete). Im März und April 2020 hatte der 40-Jährige demnach Maschinenpistolen vom Typ »Skorpion« und »Uzi« samt Munition in Mönchengladbach und Krefeld erstanden und unter anderem in Londorf und Münchholzhausen verkauft. Zu seinen Kunden zählte auch ein 27 Jahre alter Langgönser. Dieser Mann kollidierte bei einer Verfolgungsjagd in der Nähe des Gambacher Kreuzes mit einem Zivilfahrzeug der Polizei und starb nach dem Unfall. Um seine eigene Kokainabhängigkeit zu finanzieren, dealte der Pohlheimer Waffenhändler auch mit Marihuana. In diese Geschäfte band er wiederum seinen Sohn ein. Generell versuchte der 40-Jährige offenbar durch die Mitwirkung von Familienangehörigen bei etwaigen Polizeikontrollen möglichst unauffällig zu wirken. So begleiteten ihn bei den nächtlichen Fahrten zu Waffenkäufen während des ersten Corona-Lockdowns abwechselnd seine Ehefrau, seine 16-jährige Tochter und eben auch der Cousin, der nun für seine Hilfe neben der Bewährungsstrafe auch 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten muss.

Eine Waffe noch im Umlauf

Direkt zu Prozessbeginn lässt der 29-Jährige die Tat über seinen Verteidiger einräumen. »Es tut ihm leid«, sagt Rechtsanwalt Tomasz Kurcab und bittet darum, zu berücksichtigen, dass sein Mandant »seit neun Jahren an der Flasche hängt« und täglich eine Flasche Wodka konsumiere. Die polizeilichen Ermittlungen hatte der Verteidiger bereits vor dem Landgericht kritisiert. Diese habe die Observation der Geschäfte nicht lückenlos vorgenommen, so der Vorwurf. Und obwohl angeblich »Gefahr im Verzug« war, dauerte es lange, bis die von dem Pohlheimer angemietete Wohnung in Münchholzhausen durchsucht wurde. »Hätten sie früher zugeschlagen, wäre eine »Skorpion« nicht noch im Umlauf«, moniert Kurcab. Der Transport der Maschinenpistole wäre dem Gießener ohne sein Geständnis nicht nachzuweisen. Ein Umstand, den das Schöffengericht - wie von Staatsanwaltschaft und Verteidigung gleichermaßen gefordert - letztlich strafmildernd wertet.

Die Zeugenaussage des aus der Haft vorgeführten Cousins war ebenfalls nicht mehr nötig. Der ermittlungsführende Kriminalkommissar ging allerdings nochmals auf die Observation ein. So sei die Fahrt der beiden Männer nach Krefeld zu einem inzwischen identifizierten Waffenhändler beobachtet worden. Der Ermittler vermutet, dass der Pohlheimer die Waffen »zum Freundschaftspreis« erhielt. Für die 52 Zentimeter lange »Skorpion« Maschinenpistole, die laut Gutachten »störungsfrei« abgefeuert werden konnte und wohl aus dem Bestand der ehemaligen tschechoslowakischen Armee stammt, sollen 1300 Euro geflossen sein. »Das kam mir billig vor«, sagt der Beamte. »Ich könnte mir vorstellen, dass im Darknet andere Preise gezahlt werden.« Mit Hilfe von Aufnahmen aus der Überwachungskamera einer Raststätte konnte der Gießener später zweifelsfrei als Beifahrer überführt werden. Bis zuletzt habe es aber keine Hinweise darauf gegeben, dass er in die Sache »tiefer verstrickt« gewesen sei.

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