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Nachbarn - und doch fremd

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»Historische Alltagsspuren von Juden und Jüdinnen in Gießen« zeichneten Dr. Ludwig Brake und Dr. Georgina Rakelmann bei einem Vortrag in der jüdischen Gemeinde nach.

Gießen. Über die Geschichte jüdischer Persönlichkeiten wie etwa Hedwig Burgheim, Henriette Fürth oder die Familie Stiefel, die in Gießen gelebt und gewirkt haben, ist bereits einiges bekannt. Weniger bekannt ist jedoch der Alltag der jüdischen Gießener im 19. und 20. Jahrhundert. Das NBKK-Projekt »Historische Alltagsspuren von Juden und Jüdinnen in Gießen« im Rahmen des Festjahrs »2021 - 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« forschte nach genau diesen Alltagsspuren im Gießener Raum.

Die Referenten Dr. Ludwig Brake und Dr. Georgina Rakelmann luden in die Jüdische Gemeinde Gießen ein, um die Ergebnisse der Forschung vorzustellen. Sie machten deutlich, dass es eine Normalität für jüdische Gießener nie vollständig gab und bis heute nicht gibt. Denn normal sei es nicht, wenn die Synagoge und das Gemeindezentrum ständig unter Polizeischutz stehen müssten. »Wir können nur auf die Außensicht blicken. Die Innensicht ist uns nicht möglich. Entweder sind die Menschen bereits verstorben oder Berichte über ihre Zeit sind nicht verfügbar«, eröffnete Brake den Vortrag.

Für Juden in der protestantischen Stadt Gießen habe sich das Leben im Laufe der Zeit grundlegend verändert. Die evangelische Lehre dominierte, ein fanatischer Hass gegen den Katholizismus war lange Zeit weitverbreitet. »Für die Juden war die Religionsausübung schwer möglich, erst ein Toleranzpatent Mitte des 18. Jahrhunderts machte es möglich«, sagte Brake. Juden und Christen wohnten und arbeiteten zwar nebeneinander, doch anfangs habe sich keine enge Nachbarschaft eingestellt, berichtete Brake. »Die Gleichstellung gelang erst nach der Revolution 1848 und den Abschwächungen oder Aufhebungen judenfeindlicher Regeln. Es gab in Gießen, soweit wir wissen, keine jüdische Parallelgesellschaft.« Juden erhofften sich in Gießen Aufstiegschancen und Bildung und Wohlstand. Das Bankhaus Heichelheim stand hierfür sinnbildlich für den wirtschaftlichen Aufstieg einzelner jüdischer Akteure. »Im Jahr 1867 wurde die Synagoge in der Südanlage direkt neben der Bürgermeisterei und gegenüber dem Stadttheater gebaut. Innerhalb der Gemeinde wuchs jedoch eine Reformbestrebung und sie wurde liberaler«, wusste Brake zu berichten. Eine weitere Synagoge wurde 1900 in der Steinstraße eingeweiht und in Annoncen der lokalen Zeitung publizierten jüdische Unternehmer immer wieder ihre Angebote, machten Aufgebote oder boten sich als Leumund an.

Rakelmann skizzierte die Lebensgeschichte der Henriette Katzenstein, die später als Henriette Fürth für ihr soziales Engagement und ihre publizistischen Werke über Beiträge von Juden in Stadt und Gesellschaft bekannt wurde. »Sie schrieb systematische soziologische Studien und hat in ihrem Leben über 200 Aufsätze und mehr als 30 einschlägige Schriften verfasst.« Während der Zeit des Nationalsozialismus erhielt Fürth ab 1933 ein Berufsverbot, ihre acht Kinder wanderten aus, zwei von ihnen wurden während des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden von den deutschen Besatzern deportiert.

Als weiteres Beispiel nannte Rakelmann die Lebensgeschichte von Hedwig Burgheim. »Burgheim war hoch gebildet, hatte eine kaufmännische Ausbildung genossen und französisch sowie italienisch gelernt«, so die Referentin. Als Leiterin des Fröbelseminars von 1920 bis 1933 und als bekannte Pädagogin wurde Burgheim zu einer der bekanntesten Jüdinnen der Stadtgeschichte. Die heute verliehene Hedwig-Burgheim-Medaille erinnert an das Wirken der Pädagogin.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Klima in Gießen immer antisemitischer, wie Brake berichtete. »Eine unterschwellige Judenfeindlichkeit war vorhanden. Im Ersten Weltkrieg wollten Juden mit dem Militärdienst ihre Reichstreue und Tapferkeit beweisen. In den 1920er Jahren waren sie in der Gießener Gesellschaft durchweg präsent.« Das änderte sich ab dem Jahr 1933. Die Novemberpogrome ereilten auch die Alltagswelt der jüdischen Bewohner in Gießen. Die Gräuel des Nationalsozialismus sorgten dafür, dass Gießen ab 1943 als »judenfrei« galt. Die jüdischen Bewohner Gießens wurden deportiert, viele davon nach Auschwitz.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam die Partizipation und das Vorhandensein der jüdischen Gesellschaft in Gießen aufgrund der Deportationen gänzlich zum Erliegen und wurde erst in den folgenden Jahren wieder mühsam aufgebaut. Der Wiedereinweihung der Gießener Synagoge Ende des 20. Jahrhunderts stellte einen Neubeginn für das Gemeindeleben dar.

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