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Nächster Halt: Planet Greyhound

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Platz nehmen und anschnallen: Der Transitbereich in der Kunsthalle gewährt Einblicke in fremde Welten. © Schultz

Eine audiovisuelle Installation der US-Künstlerin Julia Scher lädt in der Kunsthalle zu Reisen in ferne Galaxien ein.

Gießen. Draußen, am nasskalten, pure Februar-Tristesse verströmenden Berliner Platz, reihen sich die Busse mit Fahrziel Bahnhof, Wißmar oder Lützellinden hintereinander auf. Grauer Alltag und mobiles Mittel zum Zweck für mittelhessische Fahrgäste. Die weitaus spannenderen Ziele gibt es drinnen zu entdecken: Hinter der großen Panoramascheibe der Kunsthalle verbirgt sich ein intergalaktischer Transitbereich, der die Gäste an so illustre Orte wie Miami, Bio-Exchange City oder Outer Earth bringt. Vor allem aber bietet dieses Terminal die Möglichkeit, sich mental auf die Reise in eine ferne Galaxie vorzubereiten: zum »Planet Greyhound«. So lautet auch der Titel der neuen Ausstellung, der am heutigen Donnerstag (siehe Kasten) eröffnet wird.

Im Wartebereich

Dazu konnte Kunsthallenleiterin Dr. Nadia Ismail die in Köln lebende, renommierte Künstlerin Julia Scher gewinnen, die mit ihrer audiovisuellen Installation eine ganz neue Arbeit eigens für Gießen geschaffen hat. Die 1954 in Los Angeles geborene US-Amerikanerin hat den großen Ausstellungsraum in einen futuristisch anmutenden Wartebereich verwandelt, in dem verschiedene Monitore - wie in Echtzeit - über die nächsten ankommenden und abfahrenden Raumtransporter informieren.

Zum »Boarding« aufgefordert werden Fahrgäste, deren Ziele etwa reale Städte wie New York oder Madrid sind. Oder auf den Monitoren erscheinen Ortsnamen, die Julia Scher Videospielen entnommen hat. Oder es sind ferne Planeten, wie der diesem Werk seinen Namen verleihende, der laut Ausstellungsinformationen im Sternbild Großer Hund liegt, 64,4 Lichtjahre von der Erde entfernt ist und aus Gas besteht, was eine gewisse Unwirtlichkeit vermuten lässt.

Ist er dennoch eine Reise durchs All wert? Davon können sich die Besucher dieser in klinischem Weiß gehaltenen Transithalle selbst ein Bild machen. Denn zentraler Bestandteil der Schau ist eine aus 16 Monitoren bestehende Projektionsfläche, auf der unter anderem Impressionen aus dem All, vom Umsteige-Bahnhof und dem Inneren des Reisegefährts zu sehen sind.

Julia Scher, die laut Kuratorin Ismail zahlreiche Einzelausstellungen gestaltet und Preise gewonnen hat, greift damit verschiedene Motive auf, die sich durch ihre gesamte Arbeit ziehen. Zuvorderst den berühmten silbernen Greyhound-Bus, der in zahlreichen alten Hollywood-Filmen als Symbol für die Sehnsucht nach einem Neuanfang und einer besseren Zukunft in der Fremde inszeniert wurde. Auch bei Julia Scher kann sich dieses Gefühl einstellen, angesichts der warmen (von ihr selbst stammenden) Stimme, die aus dem Lautsprecher-Off zum Besteigen der in eleganten Schwarz-weiß-Bildern gefilmte Busse auffordert.

Viele Details

Die 20 Minuten langen Videosequenzen erzählen mit viel Humor und anspielungsreichen Details von der Reise in ferne, unbekannte Welten. Und dann sind da noch die knuddeligen Hunde, die es sich auf den Sitzreihen des Greyhound bequem gemacht haben und den Betrachtern treuherzig in die Augen schauen. Diese Tiere sind wie die Überland-Busse ein wiederkehrendes Thema bei der im vergangenen Jahr emeritierten Kunsthochschul-Professorin.

Nicht nur der stilisierte Windhund ist überall in der Ausstellung als Motiv zu entdecken. Vor allem sind fünf elegante Windhundskulpturen aus grünem Marmor in der Galerie verteilt, die laut Ausstellungslegende als erste Bewohner des neuen Planeten für die Vision eines friedvollen Miteinanders unterschiedlicher Lebensformen stehen.

Doch ganz so einfach und fortschrittsgläubig will es die Künstlerin ihrem Publikum natürlich nicht machen. Die durch eine Zwischenwand voneinander getrennten Galerieräume werden von Videokameras überwacht, so dass man in Echtzeit sehen kann, was die Menschen auf der anderen Seite tun - während man selbst von ihnen beobachtet werden kann. Es ist Schers zentrales Thema, wie Nadia Ismail erläutert. Das Bedürfnis nach Sicherheit steht dem beklemmenden Gefühl gegenüber, von einer übergeordneten Instanz überwacht und kontrolliert zu werden. So kann sich jeder Besucher dieser doppelbödigen Ausstellung selbst überlegen, ob diese Reise zum Planet Greyhound lohnt - oder man vielleicht doch besser draußen wie üblich in den Bus nach Lützellinden steigt.

Die Ausstellung »Planet Greyhound« wird am Freitag, 18. Februar, mit einem Soft Opening in der Kunsthalle Gießen eröffnet und ist von 17 bis 19 Uhr zu sehen. Zur Einführung stehen den Besuchern Kunstvermittlerinnen zur Verfügung. Die Schau läuft bis zum 1. Mai, der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Es gilt die 2G-Plus-Regel. Das Begleitprogramm ist im Internet zu finden: wwwkunsthalle-giessen.de. (bj)

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