Nahende Abschiede, Beruhigungspillen und Schwarzfahrer in Gießen

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Und schon wieder ist ein Abschied verkündet worden: Vor einer Woche war es noch Dietlind Grabe-Bolz, die mitteilte, nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren zu wollen. Seit dieser Woche ist bekannt, dass die Tage einer Gießener Institution gezählt sind - das Kinocenter in der Bahnhofstraße soll abgerissen werden, um Wohnungen und Gewerbe zu weichen.

"Schade" und "Voll traurig" waren danach - verbunden mit der Frage, wie teuer respektive bezahlbar die Wohnungen wohl diesmal sein werden - sehr oft zu hörende Reaktionen. Kein Wunder, das Gebäude ist als letztes Relikt einer traditionsreichen Gießener Kinogeschichte übrig geblieben. "Heli", "Roxy", "Luxor" und "Gloria-Palast" sind ja schon längst verschwunden. Klar, dass sich die ersten Cineasten bereits erkundigen, ob das Inventar verkauft wird und die Chance besteht, Erinnerungsstücke zu ergattern. *Aber so weit sind wir noch nicht; der genaue Zeitplan für Abriss und Neubau ist offen. Und wenn die Lichtspielhäuser wieder ihren Betrieb aufnehmen dürfen, sollen vorerst auch noch Filme über die Leinwände in "Manhattan", "Graffiti", "Casablanca" und "Broadway" flimmern, so Dr. Gregory Theile. Zugleich verspricht der Kinopolis-Chef, dass sich sein Unternehmen bemühen wolle, zu gegebener Zeit das anspruchsvollere Programmkino am Berliner Platz zu integrieren. Mal schauen, inwieweit das gelingen kann. Denn Besucher, die sich für das Kinocenter entscheiden, tun das in der Regel sehr bewusst, weil ihnen selbst das ganze Blockbuster-Ambiente fürs Massenpublikum weniger zusagt. Profitieren könnte davon letztlich das Licher Kino "Traumstern".*Der Kommunalwahlkampf hat begonnen und ist seit Sonntag auch in den Straßen sichtbar. Wie üblich, dürfen nämlich sechs Wochen vor der Abstimmung die Plakate aufgehängt werden. Das wird dann stets zum nächtlichen Wettrennen um die besten Plätze und Pfosten. Wobei sich über die Aussagekraft der allzu oft austauschbaren Slogans und die generelle Wirkung dieses flüchtigen Mediums trefflich streiten lässt. Für die Parteien ist es gerade in Pandemie-Zeiten immerhin eine Möglichkeit, Präsenz und Gesicht zu zeigen, stellt es doch eine Herausforderung dar, die eigenen Botschaften unter den eingeschränkten Corona-Bedingungen zu verbreiten. Öffentliche Auftritte und Diskussionsveranstaltungen sind jedenfalls kaum möglich. *Vor allem für die Neulinge und die kleineren Parteien könnte das ein Nachteil sein, sofern sie ihre Wählerklientel nicht sowieso vorrangig auf digitalem Weg erreichen. Regierungsvertreter haben es da leichter, noch schnell mit konkreten Maßnahmen oder Beschlüssen zu punkten. Zum Beispiel damit, dass die für Radler nicht ungefährliche Philosophenstraße endlich den überfälligen Rad- und Fußweg erhält, für den im Ortsbeirat Wieseck vor gut 17 Jahren der erste Antrag eingereicht worden ist. Die Bürgervertreter im Stadtteil werden bestimmt genau darauf achten, wie zügig die weiteren Planungen voranschreiten. Und dass so kurz vor der Wahl ein Bürgerantrag zu "Fahrradstraßen auf dem inneren Anlagenring" vorliegt, der das umstrittene Thema explizit auf die Agenda rückt und bei dem ebenso wie bei der dazugehörigen Bürgerschaftsversammlung auch satzungsgemäß aufs Tempo gedrückt werden muss, dürfte zumindest den politischen Befürwortern dieser Idee perfekt ins Konzept passen - selbst wenn damit noch keine abschließenden Entscheidungen einhergehen. *"Sieben auf einen Streich" kennt man aus dem "Tapferen Schneiderlein". Nun waren es zwar keine Fliegen, die am Dienstagmittag - beobachtet von einem Kollegen - in einem Bus der Linie 5 erwischt worden sind, sondern Schwarzfahrer, und auch nur vier statt sieben - aber immerhin. Eine solche Ansammlung "ist sehr, sehr selten", in der Regel seien es einzelne Personen, die ohne Fahrkarte angetroffen werden, erklärt Ina Weller. Zahlen, um wie viele es sich pro Jahr handelt, mochte die Unternehmenssprecherin der Stadtwerke Gießen jedoch nicht nennen. Vielmehr weist sie auf das Ziel der regelmäßigen Kontrollen hin, die von den Einsatzzeiten und der Anzahl der Prüfer her variieren, um "nicht vorhersehbar" zu sein. Es gelte nämlich vor allem, Fahrgäste mit gültigen Tickets in ihrem Verhalten zu bestärken und jene ohne Fahrkarte abzuschrecken. Jeder müsse sich des Risikos und der drohenden 60 Euro bewusst sein. "Die einen nehmen es dann einfach hin, andere begründen wortreich, warum sie aus ihrer Sicht keine Fahrkarte erwerben konnten. Und wieder andere versuchen, sich der Kontrolle zu entziehen", so Weller. Dass die Polizei hinzugerufen werden müsse, passiere zum Glück "äußerst selten". Zu berücksichtigen sei übrigens, dass nicht jeder Passagier ohne gültige Fahrkarte eine Leistung erschleichen wolle. Manche hätten sie bloß zu Hause vergessen und könnten sie dann später vorzeigen. So werde nur ein ermäßigtes erhöhtes Beförderungsentgelt in Höhe von sieben Euro fällig.*Von "rückläufigen Zahlen" berichteten Polizei und Ordnungsamt derweil für den Deliktbereich der Drogenkriminalität in Gießen. Das sorgte jedoch für so manche Irritation und die Frage, ob dies nicht nur eine Beruhigungspille sei. In der Tat: Wie passt das mit der Aussage zusammen "Je mehr wir kontrollieren, desto mehr finden wir." Die Vermutung liegt also nahe, dass schlicht weniger kontrolliert worden ist. Zumal es angesichts der wochenlangen Einsätze im Dannenröder Wald, Ausgangssperren, Maskenpflicht und Co. genug andere "Baustellen" gab. Obendrein herrschte wegen des Lockdowns ohnehin weniger Betrieb. Für Außenstehende mag es nicht so recht einleuchten, wenn einerseits permanent Drogenprozesse stattfinden und man andererseits an den einschlägigen Ecken, an denen angeblich kein Anstieg zu verzeichnen sei, den Dealern förmlich bei ihrem Geschäft zuschauen kann. Und wenn dort immer wieder auch dieselben Gestalten auftauchen, drängt sich schnell der Eindruck auf, dass sie sich zu sicher fühlen. "Eigentlich ist alles gut", klingt daher seltsam.

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