Dritte Amtszeit beginnt

»Neu verliebt« Rekord an Uni Gießen geknackt

Joybrato Mukherjee ist der am längsten amtierende Chef in 414 Jahren Gießener Universitätsgeschichte. Ein Blick in die Historie.

Gießen. An der Spitze der Universität herrschte lange Zeit ein reges Kommen und Gehen. Zwar war der Chefsessel der Gießener Hochschule kein Schleudersitz, dennoch galt es bereits nach zwölf Monaten, dem Nachfolger Platz zu machen. Dabei erübrigt sich das Gendern von vornherein. Eine Nachfolgerin hat es nämlich in der 414-jährigen Geschichte noch nie gegeben. Dafür allerdings hunderte von Rektoren, die sich als »Leiter, Lenker und Wahrer« der Ludoviciana gern mit der Anrede »Magnifizenz« verehren ließen. Nach einem Jahr war damit wieder Schluss, das ist in den überlieferten Statuten genau festgelegt. Eine spätere Wiederholung war indes nicht ausgeschlossen.

Präsident darf sich das Oberhaupt der Justus-Liebig-Universität (JLU) erst seit 1971 nennen. Waren kriegsbedingt ohnehin schon mal längere Amtszeiten erlaubt, konnte nun gleich für acht Jahre gewählt werden. Derweil sind es »nur« noch sechs Jahre, bis ein erneuter Urnengang ansteht, die Liste nach dem »Upgrade« umfasst gleichwohl nicht mehr als fünf Namen. Und dabei wird auf den ersten Blick deutlich: Mit Beginn seiner dritten Amtszeit knackt Prof. Joybrato Mukherjee am heutigen Donnerstag den bisherigen Rekord und ist nun der am längsten amtierende Leiter der Gießener Universität seit deren Gründung im Jahr 1607. Gewählt ist der Anglist bis zum Dezember 2027 - macht bis dahin 18 Jahre in dem Spitzenjob. Und damit wird er sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundeskanzler Helmut Kohl um zwei Jahre übertrumpfen, die ihre Führungsposition jeweils für 16 Jahre ausgeübt haben.

Rektor und »Präsi«

Sein Vorgänger Prof. Stefan Hormuth (1997-2009) sowie Prof. Karl Alewell sind mit jeweils zwölf Dienstjahren in die JLU-Annalen eingegangen. Prof. Heinz Bauer (1987-1997) hat es auf zehn Jahre gebracht. Und Prof. Paul Meimberg wiederum wird unvergessen bleiben, weil er als einziger der illustren Männergarde erst zwei Jahre lang als Rektor (1969-1971) und dann seit dem Sommersemester 1971 als erster Präsident vom Hauptgebäude in der Ludwigstraße aus die Geschicke der JLU leitete, bis er kurz vor den turnusmäßigen Neuwahlen 1978 verstarb. All diese Details lassen sich der »Rektorenliste der Universität Gießen 1605/07-1971« entnehmen, die der Alt-historiker Hans Georg Gundel mit reichlich Anhängen und Statistiken veröffentlicht hat. Die Aufstellung der Präsidenten, die darin noch nicht erfasst sind, ergänzt Dr. Joachim Hendel, der Leiter des Gießener Universitätsarchivs, auf Anfrage des Anzeigers.

Den unangefochtenen Spitzenplatz in der Rangliste der Unichefs hatte der 48-Jährige allerdings gar nicht im Visier, als er Ende 2009 vom Schreibtisch des (ehrenamtlichen) Vizepräsidenten in das Büro des (hauptamtlichen) Präsidenten umgezogen ist. Denn während für viele Wissenschaftler die Wahl zum Vorsitzenden einer Hochschule als »Abschluss und Krönung« ihrer erfolgreichen Forscherkarriere gilt, präsentierte Joybrato Mukherjee in seinem Premieren-Interview mit dem Anzeiger nach der ersten Wahl im Juli 2009 dazu sein »Gegenmodell«. Für ihn war damals »klare Perspektive, wieder vollständig in Lehre und Forschung zurückzukehren«. Deshalb hat er seine Professur - »natürlich auf reduziertem Niveau« - weiterbetrieben.

Als nach sechs Jahren 2015 die »zweite Halbzeit« ganz unspektakulär begann, zeigte sich der Boss der »Firma JLU« im Interview stolz über das, was erreicht worden ist, und setzte sich als Ziel, 2021 »auf insgesamt zwölf erfolgreiche Jahre für die Universität« zurückblicken zu wollen. Es gibt wenig Zweifel daran, dass das geschafft worden ist.

Als das Ende der zweiten Amtszeit noch weit entfernt war, wurde folglich auf den Unifluren bereits heftig diskutiert, ob der Anglist noch eine Verlängerung anstreben könnte. Und auch Joybrato Mukherjee beschäftigte sich da schon längst mit der Frage, wann der richtige Zeitpunkt für einen Abschied gekommen ist.

Merklich holpriger

Der Hackerangriff vom 8. Dezember 2019, der die JLU für viele Wochen digital lahmlegte, hat dann recht schnell die Antwort geliefert. Denn der Präsident »war von der Art beeindruckt, wie die Uni mit dieser Herausforderung umgegangen ist und es nach wie vor tut«, betonte er Anfang Februar 2020 im Senat. Und kündigte mit dem Eingeständnis »Ich habe mich dadurch ein bisschen neu in die JLU verliebt« seine abermalige Kandidatur an. Der dritte Urnengang rund ein Jahr vor Ende der »zweiten Halbzeit« verlief indes merklich holpriger als die Vorläufern: erstmals benötigte Mukherjee zwei Wahlgänge bis zum Verbleib.

Wie oft einer seiner mehr als 240 Vorgänger wiederholte Anläufe bis zur Gratulation benötigte, ist in dem umfangreichen Aufsatz von Hans Georg Gundel nicht zu finden. Dafür aber lässt sich nachlesen, dass es insgesamt zwölf Professoren vier Mal auf die Top-Position der Ludwigs-Universität gebracht haben. 21 Interessenten gelang das drei Mal und immerhin 52 mussten zwei Mal für ein Jahr als »Magnifizenz« angesprochen werden.

Keinesfalls unerwähnt bleiben soll der Theologe Johannes Winckelmann, der 1605 das Rektorenamt übernahm, obwohl in Gießen überhaupt noch keine Alma Mater existierte. Landgraf Ludwig V. von Hessen Darmstadt betrieb nämlich die Errichtung einer Hohen Schule, die er zwei Jahre später »mit dem kaiserlichen Universitätsprivileg krönen konnte«, heißt es im Jubiläumsband zum 400. Geburtstag der JLU. Und nachdem der in Homberg/Ohm geborene Winckelmann organisatorische Aufgaben an der Universität Marburg innehatte, managte er auch den Aufbau in Gießen und war dort in der Folgezeit noch drei Mal Rektor der Ludovicina.

Die Amtszeit der Hochschulbosse begann im 17. sowie im größten Teil des 18. Jahrhunderts im Wesentlichen mit dem Kalenderjahr - und zwar am 6. Januar. Ab 1784 wurde am 29. September gewählt und der Wechsel sogleich vollzogen. Ab 1928 war schließlich der 1. September der Startpunkt. Die Fakultäten rotierten untereinander, immer der Reihenfolge nach: Theologie, Jurisprudenz, Medizin sowie Philosophie und dann wieder von vorn - falls nicht ein Fach übersprungen wurde, weil sich kein Kandidat gefunden hat. Immer wieder wurden auch Ehren-Rektoren auserkoren, die unter der Bezeichnung »Rectores Magnificentissimi« fungierten. Zu ihnen zählten zum Beispiel 1626 Heinrich, Landgraf zu Hessen, der Sohn des Universitätsgründers, oder Ludwig Craft, Burggraf von Kirchberg. Da ihnen - offenkundig - die Sachkunde fehlte, wurde den hohen Herren vom Senat ein Prorektor für die tatsächliche Verwaltung zur Seite gestellt.

Braune Talare

Noch 1879 hieß es in den Statuten: »Der Rektor steht an der Spitze der Universität und vertritt diese nach außen.« In der Verfassung der Landesuniversität Gießen von 1933 ist wiederum formuliert: »Der Rektor ist Führer der Landesuniversität und als solcher dem Staate verantwortlich.« Wenig zu überraschen vermag, dass 1940 braune Talare für die Professoren eingeführt wurden: Als dieser »Führer« war damals in Gießen schließlich von Oktober 1939 bis 1943 der »Erbforscher« und Rassenhygieniker Heinrich Wilhelm Kranz im Amt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte die »Hochschule für Bodenkultur und Veterinärmedizin« wieder zu den Richtlinien von 1911 zurück und für Talare galt schwarz als Farbe der Wahl - bis sie 1968 endgültig eingemottet wurden. Das aber ist eine ganz andere Geschichte.

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