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Neue Bedeutung für alte Fundstücke

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Sigrid Böhmer vor ihrer Ausstellungswand, in der Hand hält sie eine der skurril-märchenhaften Figuren. © Rieger

Langgöns (imr). »Und immer wieder neue Collagen…": Mit diesen Worten beschreibt die Langgönser Künstlerin Sigrid Böhmer die aktuelle Ausstellung in ihrem »Atelier im Rottweg 23« in Lang-Göns. An ihrer langen Wand, derzeit in Atlantikblau gestrichen, hängen 35 neue Arbeiten zu den Themen »Schwarz-Weiße Coronastimmungen«, »Collagen mit lichtem Hintergrund«, »Märchen« und »Natur«.

Außerdem gibt es fünf märchenhaft-skurrile Figuren, die Sigrid Böhmer mit spielerischer Freude aus bereits weggeworfenem Holz oder Wurzeln gestaltet hat. Collagenbücher und selbstgefertigte Grußkarten ergänzen die Exponate.

»Meine Bilder sind eine subjektive Reaktion auf all das, was ich sehe, erlebe und empfinde. Daraus entstehen meine eigenen, inneren Bilder in Form von Collagen«, erzählt die sympathische Künstlerin. Sie konzipiert die Bilder so, dass sie eine Einheit bilden und eine Aussage enthalten. »Die Collagen dürfen auch ruhig rätselhaft wirken und durchaus anders ankommen, als ich sie gemeint habe. Hauptsache, die Bilder wirken auf die Betrachter.«

Ihre Collagen, die sie seit vielen Jahren anfertigt, haben nach wie vor »Buchseitenformat«, sie sind also 12 mal 18 oder 14 mal 19 Zentimeter groß. »Dazu übermale ich die Seiten alter Bücher mit Acrylfarbe und bearbeite sie dann mit meinen meist biographisch inspirierten Collagen.« Seit Beginn der Coronapandemie entstanden so elf »Collagenbücher«. Dazu verwendet Sigrid Böhmer Fundstücke, die nicht besonders beachtet oder weggeworfen werden, etwa Klebeetiketten, Folien, Geschenkpapier, Werbeseiten, Papiere, Pappen, Karten, Stoffreste, Teebeutel, Fotografien, Briefumschläge, Eintrittskarten, Federn, Schriftzüge und Fotos aus Magazinen, gepresste Blätter und Blumen, Bändchen, Briefmarken, besondere alte Papiere, Papierspitzendeckchen, Fäden oder Aufkleber. »Ich liebe es, diese gebrauchten, oft nutzlosen Dinge weiterzuverwenden und selbst die letzten Reste zu benutzen«, verrät die Langgönserin. Zum Verarbeiten der Teile werden sie bemalt, zerrissen, beschnitten, bedruckt, übermalt, beschrieben und in einer Komposition zu einem neuen Ganzen - einem fertigen kleinen Bild - verarbeitet.

Während des Entstehungsprozesses verlieren die Fundstücke oft ihre ursprüngliche Bedeutung: »Manches wird von mir aus dem Zusammenhang gerissen und umgedeutet, ein Ausdruck wird verstärkt, ein Eindruck imaginiert oder etwas Alltägliches wird zur reinen Form.« Nahezu spielerisch wird kombiniert, assoziiert und erfunden, erlebte Momente und Stimmungen werden einbezogen. »Also spiegeln diese kleinen Bilder das Leben, das setzt sich ja auch aus ›Fetzen‹ und Bruchstücken zusammen und ergibt am Ende ein Ganzes.«

Das kleine Format zwingt zum genaueren Hinsehen. Nur so sind Details zu erkennen, nur so kann man sehen, dass manche dieser kleinen Bilder aus vier bis 13 Einzelteilen bestehen, und nur so erschließen sich die kleinen Collagenbilder. »Mir macht es immer noch Freude sie herzustellen«, betont Sigrid Böhmer und bekennt: »Diese Technik gehört zu mir, denn ich kann mich durch die Arbeit in eine ›Magie der Gegenwart‹ versetzen. Es gibt Momente der Versenkung und der Konzentration.« Die Psychologie spreche angesichts dieses Phänomens auch von »Flow«, damit werde das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung, des Aufgehens in einer Tätigkeit, das glückliche Verweilen in einem Zustand der Zeitlosigkeit beschrieben. »Und das ist in dieser immer noch andauernden Coronazeit nötig«, findet Sigrid Böhmer.

Die sehenswerte Ausstellung ist nach telefonischer Anmeldung (06403/76014) zu besichtigen. Es gilt die 2G-Plus-Regel. Weitere Infos im Internet: www.sigridboehmer.de.

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