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Neue Radler braucht die Stadt

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Gießen . Was war das seit der ersten Idee für ein Für und Wider zum nicht unumstrittenen Verkehrsversuch Anlagenring, bei dem den Kraftfahrzeugen fast die Hälfte der Fahrspuren von den Radfahrern »weggenommen« werden soll. Insbesondere Innenstadt-Ladenbesitzer stiegen auf die Barrikaden. Den totalen Verkehrskollaps befürchtend, bangen sie, dass ihre auswärtigen Kunden Einkaufskraft künftig im Umland lassen und sie selber umsatzmäßig in die Röhre schauen.

Nun wurden die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie der Öffentlichkeit in einer Onlineveranstaltung vorgestellt.

Bis zu 98 Personen waren teilweise zugeschaltet, darunter einige »Verkehrsexperten«. Viele von ihnen beteiligten sich in der anschließenden Diskussionsrunde. Dagegen kamen vonseiten der Geschäftswelt keine Fragen, aber auch keine Statements oder gar Kritik. Auch zugeschaltete BID-Vertreter verblieben ohne erkennbare Wortmeldung.

Gießen laut Stadtverordnetenbeschluss bis 2035 CO2-neutral zu bekommen. Das steht für Bürgermeister und Verkehrsdezernent Alexander Wright (Grüne) ganz massiv hinter dem beschlossenen Vorhaben. Dazu gehöre auch, die Anzahl von Fahrzeugen im fließenden Verkehr zu vermindern, so Wright. Bei Strecken unter fünf Kilometern griffen zwei von fünf Menschen auf das Auto zurück. »Das wollen wir ändern.« Ziel sei eine höhere Lebensqualität durch weniger Lärm und geringere Emissionen. »Ich glaube am Ende wird das eine runde Sache«, gab sich der Bürgermeister überzeugt.

»Echter Versuchscharakter«

Ihre Untersuchungen zum Anlagenring stellten Jens Rümenapp und Christian Bexen von den Fachbüros Gertz-Gutsche-Rümenapp und Planersocietät auf fünf Dutzend Folien vor. Alle im Raum stehenden fünf Versionen zu einem mindestens einjährigen, fachlich begleiteten, Verkehrsversuch wurden in der Studie geprüft und eine Vorzugsvariante herausgearbeitet. Bei dieser durch das Gutachten präferierten mit der Bezeichnung »1.1« gibt es eine Fahrradstraße auf dem Innenring und auf dem Außenring eine Einbahnstraße auf zwei Fahrstreifen.

Dies wird als »Qualitätssprung für den Radverkehr« mit »echtem Versuchscharakter« bezeichnet. Die Einschränkungen für den Kfz-Verkehr seien »noch vertretbar«. Es bestehe die Chance zur parallelen Neuordnung der Erschließung der Innenstadt. So soll im nordöstlichen Bereich der Verkehr über die Senckenbergstraße (Einbahnstraße wird gedreht) der Innenstadt zufließen, über Walltor- und Dammstraße zu- und abfließen.

In der 1.1-Variante ist eine Mitnutzung der rechten Spur der Fahrradstraße bei Bedarf vorgesehen von Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr, zur Ver- und Entsorgung der anliegenden Grundstücke durch die Müllabfuhr, Lieferverkehr, Straßenreinigung und Winterdienst. Die Busse - alle bisherigen Haltestellen bleiben bestehen - »schwimmen« im Radfahrverkehr bei maximal 30 Kilometern pro Stunde mit, Anlieger und Parkhausnutzer können die Zu- und Ausfahrten auf Teilabschnitten der Fahrradstraße nutzen.

Mehrbelastungen erwartet

Prognostiziert wird im Gutachten eine etwa 20-prozentige Entlastung des Anlagenrings, dagegen Zunahmen außerhalb auf Ringallee, Ludwigstraße, Nahrungsberg, Asterweg und Alicenstraße. Innerhalb des Anlagenringes wird mit mehr Verkehr gerechnet im Reichensand, in der Bahnhofstraße und Neustadt. Geprüft werden sollen Gegenmaßnahmen zur Vermeidung von »unverträglichen Mehrbelastungen«. Bei deutlicher Zunahme auf der verbliebenen Fahrtrichtung auf dem Ring würden Zuflussstrecken überwiegend entlastet. Die Planer erwarten Mehrbelastungen nur auf einzelnen Richtungen von Moltkestraße, Berliner Platz und Frankfurter Straße.

In der Diskussionsrunde merkte Wright an, dass Radfahrer erreicht werden sollen, an die man bisher noch nicht rangekommen sei, Radler, die sich im Straßenverkehr nicht sicher fühlen. Eine Fahrradstraße bedeutet jedoch keine Benutzungspflicht. Wer will und es sich zutraut kann auch weiterhin auf den äußeren Spuren fahren.

Verkehrsplaner Norbert Fischer-Schlemm trug einen ganzen Stapel an Bedenken gegen den Verkehrsversuch vor (der Anzeiger berichtete). Verkehrsdezernent Wright hielt dagegen. Eine Teilnehmerin beklagte »vier Stunden Stau in der Nordanlage« beim Verkehrswende-Aktionstag Mitte Mai. Aktivist Jörg Bergstedt widersprach dieser Aussage. Verkehrsplaner Rümenapp erwiderte, dass das nicht vergleichbar sei. Denn: »Der Verkehr wurde damals händisch durch die Polizei geregelt.« Auch benötige es eine Übergangsfrist, bis die Verkehrsteilnehmer sich anpassten.

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