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Neue Zeitrechnung im Wald

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Von: Klaus-Dieter Jung

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Für die Forstwirtschaft eine »Herausforderung, aber noch keine Kapitulation«: der Mischwald Hoppenstein. Foto: Jung © Jung

Spuren des Klimawandels: Unterwegs mit Stadtförster Ernst-Ludwig Kriep im Hoppenstein.

Gießen-Allendorf (kg). Waldspaziergang mit einem Experten: Stadtförster Ernst-Ludwig Kriep führte rund 30 Teilnehmer in den Allendorfer Hoppenstein, um zu veranschaulichen, welche drastischen Auswirkungen das Klima auf diese heimische Naturlandschaft hat. Drei Stationen hatte er dazu aufgebaut. Dazu zählen Schaubilder, auf denen die Bewirtschaftung des Gießener Stadtwalds erläutert wird. Die Daten sind allerdings nicht mehr ganz aktuell, sie stammen aus dem Jahr 2016. »Wir müssen eine neue Zeitrechnung beginnen«, erläuterte Kriep.

Denn der Sommer hat hier seine Spuren hinterlassen. Der Waldboden ist sehr trocken, das spüren die Teilnehmer des Exkurses bei jedem Tritt durch den kleinen Mischwald. Für die Eiche sei der Hoppenstein ein toller Standort, erläuterte der Experte. Für die Buche sei es hingegen ein »Grenzstandort«. Wenn er während seines Studiums vor 30 Jahren hätte fallen lassen, dass es in Mittelhessen so weit kommt, »hätte man mich sofort exmatrikuliert«, erklärte Kriep.

Mit Blick auf die zum Teil armdicken Äste auf dem Waldboden machte er klar: »Alles, was auf dem Boden liegt, kommt von oben!« Heimtückisch ist für Besucher des Waldes, dass sie das Knacken der Äste nicht hören, bevor das ausgetrocknete Gehölz auf den Boden kracht. Für einen Abenteuerspielplatz sei der Wald in diesem Zustand daher nicht geeignet. Schließlich »erleben wir gerade den dritten Dürresommer in vier Jahren«, berichtete der Forstmann.

Kriep verwies auf rote Markierungen an den Bäumen, die anzeigen, dass hier Fällungen nötig sind. Die Bäume werden in diesem Jahr wegen der Trockenheit nahezu nicht wachsen. Die Wasserknappheit zeigt sich auch auf den Waldwegen, breite und tiefe Risse werden eine Gefahr für Fußgänger und Radfahrer. Wenn Regen auf das Material fällt, gibt es eine Art Klebeeffekt und die Fahrbahndecke verschließt sich wieder.

Kriep freute sich ebenso wie Umweltdezernentin Stadträtin Gerda Weigel-Greilich und Ortsvorsteher Thomas Euler über das große Interesse an der Infoveranstaltung. So lasse sich an diesem Wald erkennen, was derzeit in der Umwelt geschieht. Durch den Klimawandel würden die Planungen der Waldwirtschaft über den Haufen geworfen. Beispiel Buche: Die habe in den vergangenen hundert Jahren etwa zehn Kubikmeter Holz jährlich geliefert. Doch angesichts der Dürre stelle sie nun das Wachstum ein. »Sie versucht nur noch zu überleben.« Immerhin: Für die Fortwirtschaft sei die aktuelle Situation eine Herausforderung, aber noch keine »Kapitulation«.

Eichen aus dem Mittelmeerraum

Im Hoppenstein wachsen verschiedene Eichen wie die Zerreiche, die aus dem Mittelmeerraum stammt und zur Durchmischung der Bestände beiträgt. Auch die Traubeneiche ist ein Gewächs, das zu den klimaresistenten Baumarten zählt. Eine noch größere Durchmischung sei laut Kriep aber vonnöten. Er hofft, dass die heimischen Bäume sich im Laufe der Zeit den veränderten Bedingungen anpassen.

Der Klimawandel stelle die langen Zeiträume, in denen die Pflege und Bewirtschaftung von Wald bislang gedacht wurde, in Frage. Für den Förster, selbst auch Jäger, werde es ohne eine »waldangepasste Jagd« künftig noch schwerer, die Wälder zu erhalten. Jäger seien daher als Partner nötig. Die neue Jagdpächterin Dr. Sandra Nobel und Jagdpächter Werner Müller signalisierten ihre Zustimmung für ihr Revier. Die Rehe kämen mit erstaunlich wenig Wasser aus, weiß Kriep, dennoch wechselten sie aus dem Hoppenstein über die Landesstraße in die Auen von Kleebach und Lahn. So komme zu vielen Wildunfällen. Müller bezifferte die Zahl auf die Hälfte der Abschussquote - ein hoher Anteil. Mit einem eingezäunten Bereich werden Bäume vor Wildverbiss geschützt. Schon seit einigen Jahren habe sich diese Maßnahme bewährt. Nicht unkritisch sieht Kriep die Forderung nach mehr Abschüssen. Sie sind in der Öffentlichkeit und bei der Jägerschaft umstritten.

Hoffnung macht ein Verjüngungskegel im Wald, auf den der Forstmann die Besucher hinwies. Dort ist schon jetzt zu sehen, wie die Natur den nächsten Generationen ein Angebot macht. Frische Luft und mehr Grün finden sich dort - und damit auch mehr Hoffnung auf eine intakte Naturlandschaft.

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