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Neuer Glanz für alten Krieger

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Von: Rüdiger Schäfer

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Seit fast 100 Jahren kniet der vermeintliche Kriegsheld als Kriegsverlierer auf dem Podest. Jetzt soll er »aufpoliert« werden. Foto: Schäfer © Schäfer

Unansehnlich und verwittert ist nach fast 100 Jahren der »Hockende Krieger«. Das Denkmal vor dem Zeughaus soll nach dem Willen des Gießener Magistrats für 40 000 Euro saniert werden.

Gießen. Für 40 000 Euro will der Magistrat das Jahrhundert alte Kriegerdenkmal auf dem Landgraf-Philipp-Platz gründlich sanieren lassen. Das dem Auftrag zugrundeliegende Gutachten wurde dem Ausschuss Schule, Bildung, Demokratieförderung, Kultur und Sport in dessen Sitzung vorgelegt.

Inmitten eines kreisrunden Beckens auf dem Landgraf-Philipp-Platz kniet überlebensgroß ein nur mit einem Lendentuch bekleideter überlebensgroßer Mann. Die muskulöse Gestalt aus Muschelkalk hat das rechte Bein aufgestellt, Knie und Unterschenkel des linken Beines berühren den Boden. Die rechte Hand ruht zur Faust geballt auf dem Knie. Der zur Seite gewandte Blick scheint ins Leere zu gehen. An einen Krieger würde die Figur nicht gerade erinnern, berührte nicht die linke Hand mit den Fingerspitzen einen seitlich am Boden befindlichen Reichswehrstahlhelm. Die nicht gerade heroische, eher nachdenkliche Anmutung scheint mit dem auf der Plinthe (flache Platte) unterhalb der Figur angebrachten Wahlspruch »AUFWÄRTS« nicht im Einklang zu stehen.

Zwischen Trauer und Revanchismus

Fast 100 Jahre kniet der vermeintliche Kriegsheld als Kriegsverlierer auf dem Platz vor dem Zeughaus. Das kreisrunde Bassin misst fast zwölf Meter im Durchmesser, das in ihrer Mitte stehende quadratisch-kubisches Postament drei mal drei Meter, die Gesamthöhe gut fünf Meter.

Entstanden war das Denkmal nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in einer Zeit, in der sich - so der ehemalige Leiter des Stadtarchivs Dr. Ludwig Brake - Erinnerungskultur zwischen Trauer und Revanchismus bewegte. Aufgeführt, sind hier die in die Kriegshandlungen des Ersten Weltkriegs einbezogenen Militäreinheiten statt wie gemeinhin üblich die Namen der Gefallenen und Vermissten. Gewidmet ist das Bildwerk dem Infanterie-Regiment 116, das 1813 von Großherzog Ludwig I. gegründet wurde. Ab 1871 führten das I. und II. Bataillon die Bezeichnung »2. Großherzoglich-Hessisches Infanterie-Regiment Nr. 116«. Erst Ende 1891 folgte der Namenszusatz »Kaiser Wilhelm«. Auf den rechteckigen Feldern des quadratischen Unterbaus sind auf den beiden Querseiten die entsprechenden Einheiten aufgezählt.

Auf dem von der Stadt in 1923 abgelehnten ersten Entwurf prangte auf dem Gedenkstein der Name Kaiser Wilhelms. Der war zwar Teil des Regimentsnamens, stand jedoch im Widerspruch zum Verbot der öffentlichen Darstellung von Symbolen des alten Kaiserreiches. Genehmigt wurde später nur ein dezenter Hinweis durch ein »W" mit beigefügtem »II.«.

Der Platz für das Denkmal sollte möglichst in geschichtlicher Beziehung zum Regiment stehen. Mit dem Landgraf-Philipp-Platz wurde ein Standort ausersehen, der dem Verband ehemaliger 116er aufgrund der militärischen Tradition sicher zusagte.

Ausgewählt wurde er als Denkmalstandort, weil der nach dem verheerenden Brand vom 27. Mai 1560 in Teilen unbebaut gebliebener Bereich samt den nach diesem Inferno benannten Brandplatz (heute Ort des Wochenmarktes) noch um 1890 der Exerzierplatz des Infanterie-Regimentes 116 war.

Wenngleich das Umfeld und das Schloss bei den Luftangriffen der Alliierten im Dezember 1944 stark zerstört wurden, waren an dem Denkmal keine schweren Schäden sichtbar.

Brandplatz einst Exerzierplatz

Dem Entwurfsvorschlag »Hockender Krieger« des 1897 in Beuern geborenen Künstlers Wilhelm Heidwolf Arnold soll nur deshalb am 18. Mai 1925 der Zuschlag erteilt worden sein, weil jener am wenigsten kriegerisch wirkend gewesen sei. Die Einweihungsfeierlichkeiten fanden bereits dreieinhalb Monate darauf, vom 5. bis 7. September statt. In einem detaillierten Artikel berichtete der Gießener Anzeiger am 7. September 1925, dass als Ehrengäste unter anderem Großherzog Ernst Ludwig, viele Offiziere der alten Armee sowie der Gießener Oberbürgermeister Karl Keller zugegen waren.

Inzwischen ist fast ein ganzes Jahrhundert vergangen. Ein um das andere Mal wurde an dem bröckelnden Denkmal herumgeflickt. Bereits 1929 konnten Nachdichtungsarbeiten nicht verhindern, dass statt der vorgesehenen Wassertiefe des umgebenden Bassins von 53 Zentimetern nur 40 gehalten werden konnten. 1936 wurde vermerkt, dass täglich 25 Kubikmeter Wasser aus dem Becken verloren gingen. Einige Jahre später wurde fortan auf die Beckenfüllung ganz verzichtet.

Unansehnlich, verwittert, sanierungsbedürftig - so sieht das Denkmal heute aus. Die Stadtverordnetenversammlung beauftragte mit dem Antrag der FDP im Dezember 2021 den Magistrat »zu prüfen, inwieweit und zu welchen Kosten das Kriegerdenkmal wieder instandgesetzt und in Betrieb genommen werden kann.« Bei der inzwischen abgeschlossenen »restauratorisch-bauhistorischen Untersuchung mit Sanierungskonzept« von Diplom-Restaurator Hanno Born aus Lich-Eberstadt empfiehlt die Untere Denkmalschutzbehörde, die mit 40 000 Euro kalkulierte gründlichste der vorgeschlagenen möglichen Sanierungsvarianten. Denn nur mit einer Neugründung des Denkmals sei die Ursache für die schwerwiegenden Schäden zu beseitigen.

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