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Neustart nach Katastrophe

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giloka_2202_Pfandleihhau_4c_1 © Frank-Oliver Docter

Von der Flut im Ahrtal arg gebeutelt, hat der Gießener Emanuel Dayan in der Marburger Straße ein Pfandleihhaus mit Schließfachvermietung sowie Juwelier- und Uhrenabteilung eröffnet.

Gießen . Der Deutsche Wetterdienst hatte zwar vor »extremem Unwetter« und Hochwasserfluten gewarnt. Doch was die Menschen im rheinland-pfälzischen Ahrtal dann Mitte Juli 2021 erlebten, war eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte Deutschlands, die allein in dieser Region über 130 Todesopfer forderte. Hinzu kamen Sachschäden in zweistelliger Milliardenhöhe. Zu den hiervon Betroffenen gehört auch der Gießener Emanuel Dayan, der in Bad Neuenahr zwei Juwelierläden mit dazugehöriger Goldschmiede und Uhrmacherwerkstatt betrieb. Bis die Fluten binnen kurzer Zeit alles zerstörten. »Über drei Meter hoch« habe das Wasser in der Straße gestanden, in der sich eines seiner Geschäfte befand, erzählt der 33-Jährige im Gespräch mit dem Anzeiger. Auf den damals mit dem Smartphone aufgenommenen Fotos, die er zeigt, ist anhand der Spuren an den grünlich verfärbten Wänden deutlich zu sehen, dass die eingedrungenen Wassermassen fast bis zur Ladendecke reichten. Die hohen Schrankregale sind durch die Wucht der Fluten allesamt umgekippt. Uhren und Schmuck sind wie andere Gegenstände von einer braunen Schlammschicht bedeckt.

Dass der zweifache Familienvater trotz dieser schrecklichen Erlebnisse und einer sechsstelligen Schadenssumme mittlerweile wieder zuversichtlich in die Zukunft schaut, liegt zum großen Teil auch an seinem neuen Geschäft: dem »Wiesecker Pfandhaus« mit Schließfachvermietung sowie Juwelier- und Uhrenabteilung in der Marburger Straße 333.

Wer die schräg gegenüber vom früheren Brauhausgelände liegenden Geschäftsräume betreten möchte, muss zunächst draußen an der Tür klingeln. Erst wenn sich einer der vier Mitarbeiter mithilfe der zahlreichen Kameras ein Bild vom jeweiligen Besucher gemacht und dieser über die Gegensprechanlage den Grund seines Begehrs kundgetan hat, wird man eingelassen. Sicherheit wird großgeschrieben, zum Wohle der Kunden wie auch des Inhabers und seiner Beschäftigten. Schließlich lagern hier ziemliche Werte. Die Technik »erfüllt die derzeit höchste Sicherheitsstufe«, betont Dayan.

Mit sichtlichem Stolz führt er den Reporter dieser Zeitung in den Tresorraum, der »geschützt wie in einer Bank« mit einer dicken Metalltür abgeschlossen wird und im Inneren mehrere Hundert mietbare Schließfächer verschiedener Größen bietet. »Die Nachfrage hierfür wird immer größer«, weiß er zu berichten. Das reiche von der älteren Dame, die hier ihr Testament aufbewahrt, bis hin zu Kunden, die sich deutlich wohler damit fühlen, wenn zum Beispiel ihr Schmuck oder die Münzsammlung sicher eingelagert sind.

Breit ist auch das Spektrum bei all den Dingen, die Kunden zur Pfandleihe bringen, um vor allem eine finanzielle Durststrecke zu überstehen. Darunter ebenfalls geerbte Schmuckstücke, Musikinstrumente oder ganze Gemälde. Der eine möchte diese möglichst bald wieder auslösen und zurück nach Hause holen, andere wollen sich gegen bare Münze ganz davon trennen. Gegenüber vom Schalter liegt schließlich noch die Juwelier- und Uhrenabteilung, in der auch Trauringe aus Gold oder Silber oder Rolex-Uhren, um nur eine der Marken zu nennen, nicht fehlen.

Während so mancher Flutgeschädigte im Ahrtal seine Zelte für immer abgebrochen hat, bleibt Dayan der Region treu. Schließlich ist er in Bad Neuenahr schon seit über zehn Jahren als Geschäftsmann aktiv. Da die Wiederaufbauarbeiten noch in vollem Gange sind, hat er wie viele andere Ladenbesitzer eine Fläche in der »Pop-up-Mall« gemietet, die von der Stadt in einem stabilen Zelt eingerichtet wurde. Auch wenn es noch Probleme mit Internet, Telefon oder Fernsehen gebe, freut sich der 33-Jährige, wieder sein Juwelier-Sortiment, wenngleich etwas kleiner, zum Anschauen und natürlich auch Verkaufen präsentieren zu können.

Ein weiteres wichtiges geschäftliches Standbein von Emanuel Dayan ruht allerdings zurzeit. Die von ihm einige Jahre lang betriebene »Trattoria Manu« am Gießener Kirchenplatz hat er inzwischen geschlossen. Wie bei so vielen anderen Gastronomen sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie der Grund dafür. So hätten wegen der Abstandsregeln anstatt der sonst 40 bis 50 Gäste nur etwas mehr als ein Dutzend Leute dort sitzen können, schildert er. Entsprechend schlecht waren die Umsätze, die an manchen Tagen gar nur zweistellig ausfielen, auch weil viele Menschen pandemiebedingt das Ausgehen meiden. »Wir hatten italienische Küche und haben immer frisch gekocht«, blickt er zurück. Doch die Ruhepause in dieser Branche soll nicht ewig währen. »Ich will in Zukunft auf jeden Fall wieder zurück in die Gastronomie«, hat sich Dayan fest vorgenommen.

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giloka_2202_Pfandleihhau_4c_2 © Red
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giloka_2202_Pfandleihhau_4c_3 © Red

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