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Nicht meckern, sondern gestalten

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Nach der heimischen Couch ist die Aussichtplattform der Lieblingsplatz von Thomas Euler. © Jung

Der Allendorfer Ortsvorsteher Thomas Euler ist seit 25 Jahren im Amt und will den »Job ordentlich zu Ende bringen«. Er blickt im Interview zurück und noch einige Jahre voraus.

Gießen. Seit 23. April 1997, also auf den Tag genau heute vor 25 Jahren, ist Thomas Euler Ortsvorsteher in Allendorf/Lahn. Diese Zeitung traf sich mit dem »Dorfbürgermeister« bei schönem Frühlingswetter auf der Aussichtsplattform, die einen herrlichen Blick hinunter auf den Stadtteil gewährt, der sich im Vierteljahrhundert seiner ehrenamtlichen Amtszeit erheblich verändert hat.

Herr Euler, Sie wurden mit 33 Jahren zum Nachfolger von Erhard Hoffmann gewählt. Und übernahmen ein Amt als Stadtverordneter. Was war der Grund, wieder zurück in den Ortsbeirat zu wechseln?

Ich war bereits vier Jahre Stadtverordneter und davor schon vier Jahre Ortsbeiratsmitglied. 1995 bekamen meine Frau und ich Nachwuchs. Weil die Arbeit in der Stadtverordnetenversammlung so zeitintensiv war, versprach ich meiner Frau, am Ende der Legislaturperiode (1997) wieder politisch kürzer zu treten und nur noch für den Ortsbeirat zu kandidieren. Erhard Hoffmann, dem ich bereits 1993 als Stadtverordneter folgte, sagte mir dann, dass er nun 62 Jahre alt sei und das Amt des Ortsvorstehers in jüngere Hände geben wollte. So schlug er mich als seinen Nachfolger vor.

Ein viertel Jahrhundert Ortsvorsteher. Hätten Sie das jemals gedacht?

Nein. Wenn man ein solches Amt annimmt, muss man es ordentlich ausfüllen und auch irgendwann auch anständig zu Ende bringen. Da meine Vorgänger Helmut Bellof (1971 - 1976) und Erhard Hoffmann (1979 - 1997) dieses Amt recht lange ausübten, wollte ich auch kein kurzes Gastspiel geben. Aber die Arbeit hat ja auch überwiegend sehr viel Spaß gemacht. Und so sind es 25 Jahre geworden und es könnten noch insgesamt 29 Jahre werden, denn ich möchte diese Wahlzeit bis 2026 ordentlich zu Ende bringen, denn dann werde ich auch (hoffentlich) 62 Jahre alt sein.

Zwischenzeitig ging Ihr Blick ja auch mal in die (hauptamtliche) Stadtpolitik. Haben Sie bedauert, nicht zum Zug gekommen zu sein?

Häufig wurde ich gefragt, ob ich in der einen oder anderen Stadt oder Gemeinde Mittelhessens als Bürgermeister kandidieren möchte. Das lehnte ich aber immer ab, weil ich aus Allendorf/Lahn nicht wegziehen wollte. Als vor weit über zehn Jahren das Amt eines hauptamtlichen Stadtrates in Gießen besetzt werden sollte, warf ich tatsächlich auch meinen Hut in den Ring. Ich zog aber aus freien Stücken meine Kandidatur rechtzeitig zurück, als ich innerparteilich keine Mehrheit für mich sah. Aber die gewählte Stadträtin (Astrid Eibelshäuser) macht schließlich auch einen guten Job.

Was gab den Ausschlag, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren?

1981 hatte ich das Hochwasser in Allendorf/Lahn erlebt und ich wollte mit dafür sorgen, dass so etwas schreckliches nicht mehr passiert. Ich wollte nicht meckern, sondern gestalten und unser Dorf und unsere Stadt voranbringen. Deshalb bin ich beim Backhausfest 1985 in die SPD eingetreten, weil ich zum einen aus recht einfachen Verhältnissen kam und zum anderen sowohl auf Bundesebene als auch auf örtlicher Ebene hier politische Vorbilder fand. Bei den Kommunalwahlen 1989 kandidierte ich auf dem 7. Listenplatz. Die SPD errang sechs Sitze und bei der ersten Mandatsniederlegung rückte ich in den Ortsbeirat nach.

An welche schöne Dinge erinnern Sie sich besonders gerne?

An die Arbeit in Arbeitsgruppen, gemeinsam mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern und der Vereinsgemeinschaft. Hier schufen wir die Dorf-Homepage, das Ortswappen, den Allendorfer Rundwanderweg, organisierten die Bobbycar-Events, das Wanderevent 2015 und wurden 2008 Sieger im Regionalwettbewerb »Unser Dorf hat Zukunft«. Stolz bin ich auf den Hochwasserdamm, den ich entscheidend voranbringen durfte, aber auch viele andere Dinge im Ort wie die Schaffung von barrierefreien Wohnungen. Die Aufzählung ist nicht abschließend.

Allendorf ist im Vierteljahrhundert, wo Sie als Dorfbürgermeister fungieren, gewachsen. Meinen Sie daran einen Anteil zu haben?

Bei aller Bescheidenheit denke ich ja. Viele Jahre ist die Bevölkerung in Allendorf/Lahn geschrumpft. Die demografische Prognose sah eine Überalterung der Bevölkerung Allendorfs. Ein Grund war, das über 30 Jahre kein neues Baugebiet ausgewiesen war. Meine Generation hatte kaum eine Möglichkeit, hier ein Eigenheim zu bauen. Aber mit dem Baugebiet »Ehrsamer Weg« haben wir dann gezielt um junge Familien geworben. Und das ist uns auch gelungen. Allendorf/Lahn ist - auch wenn es hier keinen Laden und keine Bankfiliale mehr gibt - ein Ort, in dem man gerne wohnt und in dem man sich gerne in die Vereinswelt oder die örtliche Gemeinschaft integrieren lässt. Ich hoffe nur, dass in der Nach-Pandemie-Zeit wieder die vielen Feste und Events stattfinden können, die Allendorf so auszeichneten.

Gibt es Dinge, die Sie heute anders machen würden?

Da fällt mir jetzt gerade nicht viel ein. Aber ich habe sicher auch Fehler gemacht. Wenn ich dabei jemandem unbewusst weh getan haben sollte, dann entschuldige ich mich.

Welche Projekte stehen noch an in absehbarer Zeit?

Ich möchte gerne mit dem Jubiläumskomitée eine schöne 1250-Jahrfeier für das Jahr 2024 organisieren und ein schönes Jubiläumsbuch herausbringen. Ich würde gerne noch mit dafür sorgen, dass eine multifunktionale Sport- und Begegnungsstätte entsteht, dass der Integrative Kindergarten realisiert und die Kleebachschule erweitert wird. Ich wünsche mir eine Lösung der Verkehrsproblematik in der engen Ortsdurchfahrt im Ortskern. Ich sehne mich danach, dass die ehemalige Kreisabfalldeponie sich in eine Wildblumenwiese verwandelt und dass weitere nachhaltige Projekte (z.B. Aufforstung, Fotovoltaik-Anlagen auf vielen Gebäuden u.s.w.) realisiert werden. Ich möchte, dass sich die Einwohner/innen von Allendorf/Lahn wohl und als »Allendorfer/innen« fühlen - der Integrationsgedanke ist mir sehr wichtig. Dazu habe ich noch Zeit bis 2026. Ich gehe dann in die zweite oder dritte Reihe, und stehe mit Rat und Tat weiter zur Verfügung, sofern ich gefragt werde.

Was geben Sie jungen Menschen mit auf den Weg, um sich politisch einzubringen?

Man muss sich mit seinem Gemeinwesen identifizieren und den Willen haben, mit anzupacken und das Gemeinwesen gemeinsam mit andern voranzubringen. Man muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen abzuwägen und Lösungsansätze zu finden. Man muss sich den Diskussionen stellen und andere Meinungen und Mehrheitsentscheidungen akzeptieren. So lebt man Demokratie. Schön ist es, wenn aus einem Gedanken ein Antrag wird, den man zunächst intern in seiner Partei oder Fraktion diskutiert, dann in den Ortsbeirat einbringt und die Sichtweisen der anderen dazu hört. Dadurch wird ein Antrag mitunter dann »veredelt«. Wenn der möglichst einstimmige Beschluss dann in der Stadt Akzeptanz findet und tatsächlich realisiert wird, man also »sein eigenes Werk anfassen« kann, dann ist das ein schönes Gefühl, etwas zur Verbesserung des Lebensumfeldes beigetragen zu haben, einen positiven Fußabdruck hinterlassen zu haben. Die alten und erfahrenen Kommunalpolitiker/innen sollten sich so verhalten, dass sie auf die jüngeren als Vorbild dienen. Wir haben ja im Allendorfer Ortsbeirat schließlich fünf junge Menschen, also haben wir nicht so sehr viel falsch gemacht. (lacht)

Warum ist der »Allendorfer Aussichtsgipfel« Ihr Lieblingsplatz?

Neben der Couch ist tatsächlich der »Allendorfer Aussichtsgipfel« mein Lieblingsplatz im Ort, weil hier immer ein laues Lüftchen weht und dabei der Kopf frei wird beim Blick in die schöne Landschaft. Die Häuser, die Autos, die Menschen wirken aus der Ferne so klein und man hat dann auch das Gefühl, dass die Probleme kleiner sind (lacht).

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