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Nicht nur für den faulen Leser

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Und sie ernähren sich doch nicht nur vom Wind allein - die Faultiere. © dpa

Die Reihe »Naturkunden«, herausgegeben von Schriftstellerin Judith Schalansky, bietet immer wieder aufs Neue ein großes Vergnügen für jeden Bücherfreund. Ob sich die Ausgaben nun der Taube, dem Esel, dem Hering oder der Einsamkeit der Wüste widmen.

Klug verhandeln sie das Naturschöne (und manchmal auch Naturgarstige) auf höchstem sprachlichen Niveau, klug gestalten sie es zwischen den Buchdeckeln. So fein und einfallsreich sind zudem die Themen, dass dem Bibliophilen nichts übrig bleibt, als zum Jäger und Sammler des immer wieder gebotenen Schatzes zu werden. Um die gesamte Natur zu erkunden. Was die Reihe besonders auszeichnet, ist, dass sie auch die unscheinbaren oder weniger geläufigen Wesen, die noch kreuchen und fleuchen, dem Leser höchst interessant und vielgestaltig nahezubringen wissen.

So auch im neuesten Band die Faultiere, von denen selbst der weniger faule Leser so viel erst gar nicht erwartet. Interessant nicht nur, dass es dereinst ein Riesenfaultier gab, längst ausgestorben, nein, auch als Opfer der christlichen Missionare kann das kaum seinen Baum verlassende und zumeist gen Boden hängende Geschöpf bezeichnet werden. Es singt, es lächelt, hat eine solch offenkundig freundliche Mimik, dass viele andere Bezeichnungen für es nahe lägen.

Aber nicht »der Langsamgänger«, wie die Griechen oder Italiener es bezeichnen, setzte sich in den meisten Sprachen durch, sondern das moralisierend gemeinte »faule Tier«, wie es die spanischen Entdecker nannten. Ein Tier, das nutzlos scheint, was die indigenen Völker Südamerikas von den christlichen Missionaren aufs Brot geschmiert bekamen. Wer sich wenig bewegt, der ist faul. Die Indigenen aber schätzten die melodisch singenden Waldbewohner für deren Arglosigkeit, ihr freundliches Wesen. Auch dass man sie nur selten fressen sah, trug ihnen Vorurteile ein, beispielsweise, dass sie sich in den Baumwipfeln vom Wind ernährten. Und frühe Zeichnungen zeigen: Hässlich, traurig und faul, schienen sie den Eroberern, oft mit Menschenantlitz, das mehr einer Fratze glich, abgebildet. Niedlich wurden die Faultiere den Betrachtern und Zoologen erst im 20. Jahrhundert.

In Wort und Bild

Besonders interessant an diesem von Tobias Kreiling und Heidi Liedke erstellten Porträt ist der Anhang mit den dort in Wort und Bild dargestellten (Unter-)Arten des Waldbewohners. Das dürfte viele Leser überraschen, denn eigentlich denkt man doch als Durchschnitts-Zoobesucher, Faultier ist gleich Faultier. Weiß nach Lektüre dieses Buches aber: Wer das denkt, der war zu faul, sich fortzubilden. Zum Beispiel mit den Naturkunden, Nummer 75.

Tobias Kreiling, Heidi Liedke: Faultiere. 145 Seiten. 20 Euro. Matthes & Seitz.

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