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Nicht nur Misha sucht ein neues Zuhause

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Von: Petra A. Zielinski

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Beschwerliche Reise: Mit dem alten Lada sind Denys, Anzhela, Anastasia, Serhii, Dmytro Tarasenko (von links) und Vierbeiner Misha nach Deutschland geflüchtet. Foto: Zielinski © Zielinski

Die ukrainische Familie Tarasenko hat ihren Terrier-Mix nach der Flucht vor Putins Bomben vorübergehend im Tierheim Gießen untergebracht. Das soll nicht so bleiben, denn die Sehnsucht ist groß.

Gießen. Misha ist sehr verspielt, hält sich gerne im Freien auf und schwimmt in Gewässern. Was der dreijährige Terrier-Mix aber am meisten liebt, ist seine Familie. Dass diese nicht bei ihm sein kann, macht ihn traurig. Umso größer ist die Freude, wenn sie ihn im Gießener Tierheim besuchen kommt. Seit dem 28. Juli hat Misha dort ein vorübergehendes Zuhause gefunden. Nun wartet er jeden Tag darauf, dass Frauchen und Herrchen ihn mit in ihr neues Heim nehmen können.

Doch das ist leider nicht so einfach, denn Misha ist eines von vielen Haustieren, die mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Deutschland eingereist sind. »Gemeinschaftstaugliche« Tiere seien in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen erlaubt, erklärt Thorsten Haas, stellvertretender Pressesprecher des Regierungspräsidiums Gießen. Danach sieht die Situation aber oftmals anders aus. Denn in den meisten Unterkünften sind Haustiere nicht gestattet. Aus diesem Grund sucht die fünfköpfige Familie Tarasenko bereits seit Wochen ein neues Zuhause für sich und Misha.

»Enorme Belastung« für Mensch und Hund

Am 24. Februar wurde Serhii Tarasenko in aller Frühe durch den Beschuss seiner Heimatstadt Charkiw geweckt. »Wir haben schnell alles zusammengepackt und sind in das 120 Kilometer entfernte Ferienhaus der Großeltern gefahren«, berichtet der 35-Jährige. Dort hat die Familie so lange gelebt, bis ihre Ersparnisse aufgebraucht waren. Durch das Dorf fahrende Panzer seien an der Tagesordnung gewesen und hätten es zum Teil unmöglich gemacht, die alltäglichen Einkäufe zu erledigen.

In einem klapprigen Lada, Baujahr 1991, machte sich die Familie durch einen von russischen Soldaten okkupierten Bereich auf den Weg nach Litauen. Weiter ging es über Lettland und Polen bis nach Deutschland. An acht Tagen legten Serhii, seine Frau Anzhela sowie die Kinder Denys (19), die fast sechsjährige Anastasia und Dmytro, damals gerade mal ein Jahr alt, 3600 Kilometer zurück. Wer das Auto sieht, mag an ein Wunder glauben.

Am 18. Juli kamen die Tarasenkos in Gießen an, wo sie Unterkunft in der Erstaufnahme fanden. Wiederum acht Tage später zogen sie in eine Art Hotel nach Laubach um. »Dorthin durften wir Misha leider nicht mitnehmen«, bedauert Serhii. Zum Glück sei der kleine Mischling im Tierheim liebevoll aufgenommen worden.

Eine neue Bleibe zu finden, gestaltet sich für die Familie schwierig. »Hier kommen leider drei Komponenten zusammen«, erklärt der Vater. Zum einen mangelnde Deutschkenntnisse, dann die Größe der Familie und schließlich Misha.« Denn nicht jeder Vermieter akzeptiere Haustiere.

»Für Misha ist es eine enorme Belastung, seine Familie immer mal wieder zu sehen und dann wieder gehen lassen zu müssen«, stellt Astrid Paparone, Vorsitzende des Gießener Tierschutzvereins, fest. »Der Hund leidet sehr darunter.« Wenn er seine Leute sieht, ist er ganz aus dem Häuschen, kann sich nicht entscheiden, wen er zuerst begrüßen soll und lässt kein Familienmitglied aus seinem wachsamen Blick. Auch die Kinder stimmt dieser Zustand sehr traurig.

Tochter hat Zusage für Kitaplatz

Am liebsten wäre den Tarasenkos eine feste Bleibe in Gießen oder Laubach, wo Schule, Kita und Sprachenschule fußläufig zu erreichen sind. Denn wie lange der Lada noch fahren wird, ist ungewiss. Tochter Anastasia hat zum 1. November bereits eine Zusage für ei-nen Kindergartenplatz in Laubach erhalten.

»Ich mache mir mehr Sorgen um meine Familie als darum, eine Arbeit zu finden«, betont Serhii Tarasenko. Als auf Kfz-Mechanik spezialisierter Schweißer, der auch über einen Lkw-Führerschein verfügt, dürfte er gute Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben. Auch für seine Frau Anzhela, die ausgebildete Köchin ist und in der Ukraine zuletzt als Näherin gearbeitet hat, sind die beruflichen Perspektiven gut. Sollte die Familie hoffentlich bald in einer neuen Wohnung einziehen können, fehlen noch die Möbel. Dafür gebe es aber bei längerfristiger Bindung Zuschüsse, weiß Tarasenko.

Insgesamt hat das ohnehin schon vollbelegte Gießener Tierheim im Laufe der vergangenen Monate 16 Tiere von Privatpersonen aus der Ukraine aufgenommen. Mit Ausnahme von Misha wurden bereits alle wieder von ihren Besitzern abgeholt. Hinzu kommen zehn Katzen, die von ukrainischen Familien bei einer örtlichen Tierschutzorganisation zurückgelassen wurden. Als deren Betreiberin auch flüchten musste, wurden 30 Katzen auf deutsche Tierheime verteilt.

»Nachdem die Katzen drei Monate lang in Quarantäne waren, sind sie nun zur Abgabe bereit«, erklärt Astrid Paparone. »Da die Zahl der geflüchteten Ukrainer in den vergangenen Wochen zurückgegangen ist, kommen aktuell auch weniger Tiere bei uns an«, berichtet Thorsten Haas.

Wer ein Haus oder eine große Wohnung zu vermieten hat, sollte sich dringend beim Tierheim melden. Denn jeder Tag, den Misha früher zurück zu seiner Familie kommt, sei ein guter Tag für den Terrier-Mix!

Kontakt : Tierheim Gießen, Telefon: 0641/52251, E-Mail: info@tsv-giessen.de.

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