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Nicht nur Mord und Totschlag

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Die Zahlen von Häuslicher Gewalt und Sexualdelikten sind zuletzt gestiegen. Betroffene können in der Rechtsmedizin Spuren sichern lassen. Symbolfoto: dpa © Red

Fälle von Häuslicher Gewalt und Sexualstraftaten sind zuletzt gestiegen. Das Forensische Konsil Gießen bietet Opfern die Möglichkeit, Beweise sichern zu lassen - auch ohne Anzeige.

Gießen. Kürzlich hat das Polizeipräsidium Mittelhessen die Kriminalstatistik für 2021 vorgelegt. Unter den 43707 erfassten Straftaten waren 1550 Häuslicher Gewalt zuzuordnen. Bei weiteren 1326 Taten handelte es sich um Sexualdelikte. In beiden Bereichen ist ein Anstieg zu verzeichnen. Am Gießener Institut für Rechtsmedizin gibt es bereits seit 2014 das vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration geförderte Forensische Konsil Gießen - kurz »FoKoGi«. Das Projekt bietet von Gewalt betroffenen Personen die Möglichkeit, Verletzungsbefunde unabhängig von einer Strafanzeige »gerichtsfest« dokumentieren zu lassen. Auch dann, wenn nach der Tat noch keine Anzeige bei der Polizei erstattet werden soll. Im Interview erklärt der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, Prof. Reinhard Dettmeyer, den Ablauf der Begutachtung, wie Hausärzte bei Verdacht auf Häusliche Gewalt reagieren sollten und warum die zurückgegangene Zahl der Gewaltopferuntersuchungen während der Corona-Pandemie trügerisch ist.

Die Arbeit der Rechtsmedizin kennen viele Menschen eigentlich nur aus dem »Tatort«. Da liegen dann ausschließlich Leichen auf dem Tisch. Wieviel Prozent Ihrer Arbeit macht das tatsächlich aus?

Da lande ich irgendwo zwischen 25 und 35 Prozent.

Es ist also ein eher unrealistisches Bild Ihres Berufes, das in Krimis vermittelt wird?

Aus meiner Sicht, ja. Was immer vergessen wird: Die Rechtsmedizin hat nicht nur mit Mord und Totschlag zu tun, sondern wir untersuchen häufig Gewaltopfer, die die Gewalt überlebt haben. Von Erwachsenen bis zu Kindern.

Das Angebot des Forensischen Konsils Gießen richtet sich an diese Opfer?

Das Forensische Konsil Gießen ist ein niedrigschwelliges Angebot an alle, die Opfer körperlicher Gewalt - einschließlich Häuslicher Gewalt - geworden sind und die ihre Verletzungen dokumentieren und begutachten lassen wollen. Im Rahmen des Projekts haben wir Kooperationsvereinbarungen mit Krankenhäusern geschlossen. Wir haben großes Interesse daran, dass niedergelassene Ärztinnen und Ärzte das Projekt kennen und ihren Patientinnen und Patienten bei dem Verdacht auf Gewalttaten sagen, dass sie sich zur Dokumentation an die Rechtsmedizin wenden können. Für die Opfer ist das alles kostenlos. Sie bekommen bei uns schnell einen Termin.

Wird eine Überweisung vom Hausarzt benötigt, oder können Betroffene auch selbst einen Termin ausmachen?

Eine Überweisung wird nicht benötigt. Das geht direkt über unser Sekretariat oder über die Homepage. Wir vergeben meist noch am selben Tag oder spätestens am Folgetag einen Termin.

Um eine Größenordnung zu bekommen: Wie viele Gewaltopfer stellen sich jährlich in der Gießener Rechtsmedizin vor?

Vor Corona, im Jahr 2019, hatten wir insgesamt 349 Gewaltopferuntersuchungen. Etwas mehr als die Hälfte waren Kinder, die überwiegend vom Jugendamt oder den Kinderkliniken in Gießen, Marburg, Kassel und Fulda vorgestellt wurden. Wir untersuchen sie dann und geben eine entsprechende Stellungnahme ab. Bei Häuslicher Gewalt kommen Gewaltopfer auch so zu uns - mehr Frauen als Männer und der Mann ist häufiger der Tatverdächtige. In der Corona-Pandemie haben wir einen Einbruch der Zahlen um etwa 20 Prozent vermerkt, vor allem bei den Kindern. Das hören wir auch von anderen Instituten.

Woran liegt das, wenn die Taten doch nicht zurückgegangen sind?

Häusliche Gewalt findet während der Corona-Pandemie weiterhin statt, wird aber nicht so häufig bemerkt wie zuvor. Es gab und gibt dann keine aufmerksamen Nachbarn mehr, keine Lehrerinnen und Lehrer, was natürlich höchstproblematisch ist. Seit der zweiten Jahreshälfte 2021 sind wir dabei, zu den alten Fallzahlen zurückzukehren.

Wie wichtig ist es, Spuren zu sichern, auch wenn die oder der Betroffene erst einmal keine Anzeige erstatten möchte?

Wenn wir Opfer untersuchen, unterliegt alles der ärztlichen Schweigepflicht. Wir geben keine Auskunft, auch dann nicht, wenn die Polizei sich ohne Vorlage einer Schweigepflichtentbindung meldet. Die entnommenen Proben werden offiziell ein Jahr aufbewahrt, aber in der Diskussion ist eine deutlich länger Aufbewahrungszeit. Wir haben hier im Hause zum Beispiel noch Abstriche von Vergewaltigungen zurück bis ins Jahr 2011. Solange die Straftat nicht verjährt ist, wäre es ja denkbar, dass das Opfer doch noch zur Polizei geht.

Die Spuren wären dann noch verwertbar?

Ja, das sehen Sie auch an sogenannten »Cold Cases«, wo nach 30 Jahren durch die verbesserte DNA-Technik noch Fälle geklärt werden.

Wie viel Zeit bleibt nach der Tat bis zur Dokumentation?

Wenn keine Sexualstraftat vorliegt, werden Verletzungen - wie blaue Flecke -nach zwölf bis 24 Stunden eher noch etwas deutlicher. Bei Sexualstraftaten ist die Wahrscheinlichkeit, Spermien nachzuweisen, in den ersten 24 Stunden am höchsten. Kleidungsstücke können wir deutlich länger auf Spermien untersuchen.

Haben Sie den Eindruck, dass das Thema Häusliche Gewalt zuletzt stärker in den Fokus gerückt ist?

Als jemand, der damit befasst ist, wünscht man sich natürlich immer mehr Aufmerksamkeit. Aber es hat sich in letzten zehn bis 15 Jahren schon Einiges getan. Wir haben im vergangenen Jahr das Kinder- und Jugendschutzstärkungsgesetz bekommen. Im Strafrecht gab es eine Verschärfung und Neuordnung der Straftatbestände von sexualisierter Gewalt gegen Kinder infolge des Missbrauchsskandals in Lüdge. Wir haben nach wie vor das Gewaltschutzgesetz für Häusliche Gewalt, wo der Täter, manchmal auch die Täterin, der Wohnung verwiesen und ein Kontaktverbot verhängt werden kann. Die Politik war also nicht untätig.

Zum Forensischen Konsil Gießen gehören regelmäßige Fortbildungen durch die Rechtsmedizin. Wie viele sind das im Jahr?

In Vor-Corona-Zeiten haben wir 25 bis 30 Vorträge im Jahr gehalten, in den fünf Landgerichtsbezirken, die von uns betreut werden. Wir bringen das Thema zudem in die Polizeiausbildung und auch in die Ausbildung von Rechtsreferendaren ein.

Bei welchen Verletzungsmustern sollten Hausärzte hellhörig werden?

In unseren Fortbildungen versuchen wir, genau das zu vermitteln. Wie erkenne ich Sturzverletzungen, Schlagverletzungen, Abwehrverletzungen? Da gibt es typische Lokalisationen und Verletzungsformen. Worauf muss ich achten bei Gewalt gegen den Kopf, was gibt es an Besonderheiten bei der Kindesmisshandlung? Wie viel Zeit bleibt, um nach Sexualstraftaten noch Abstriche entnehmen zu können oder Begleitverletzungen - wie Griffspuren an den Armen - zu erkennen? Wir zeigen auch Fallbeispiele anhand von Fotos, die allenfalls in Fachbüchern zu finden sein sollten.

Vermutlich sollten Ärzte bei dem Verdacht auf Häusliche Gewalt nicht mit der Tür ins Haus fallen. Wie lässt sich das Thema am besten ansprechen?

Wir raten, keine Suggestivfragen zu stellen und auch keine Gewalt zu unterstellen, sondern neutral zu fragen »Was ist denn da passiert?« Gerade bei Kindern gilt Vorsicht bei Suggestivfragen wie »Hat dich da jemand geschlagen?«. Womöglich muss man später bei Gericht bestätigen, dass man die Frage so gestellt hat und dann ist das durchaus ein Punkt für kritische Fragen.

Wenn es zu einem Prozess kommt, werden Rechtsmediziner als Sachverständige gehört. Wie ist da der Ablauf?

Wir würden in der Hauptverhandlung unsere Dokumentation vorlegen und Verletzungen interpretieren, beziehungsweise begutachten. Vorher hören wir die Zeugenaussagen, was passiert sein soll. Wir würden dann feststellen können, ob die geschilderte Version zu den Verletzungen passt oder nicht. Am Ende geht es vor Gericht auch um die Glaubwürdigkeit. Ohne gute Dokumentation können hier Zweifel geschürt werden. Mit dokumentierten Verletzungen kann häufig belegt werden, dass das Opfer einer Gewalttat die Wahrheit sagt.

Ist es für Sie eine Bestätigung Ihrer Arbeit, wenn es letztlich zur Verurteilung kommt?

Nach der Gutachtenerstattung werden wir vom Gericht entlassen. Das Urteil bekommen wir also gar nicht mehr mit. Bei gravierenden Fällen fragt man schon einmal, was dabei rausgekommen ist. Ob Täter oder Täterinnen verurteilt werden oder nicht, müssen wir nicht unbedingt als Bestätigung unserer Arbeit sehen. Wir haben unseren Beitrag zu leisten für ein korrektes Strafverfahren mit guter Beweissicherung. Manche Dinge werden auch ohne Gerichtsverhandlung erledigt. Gerade bei Kindesmisshandlungen versucht das Jugendamt sozusagen zu retten, was zu retten ist. Da muss man meiner Ansicht nach nicht um jeden Preis die Person ins Gefängnis bringen, die geschlagen hat, sondern schauen, was für die Kinder im Einzelfall das Beste ist. Das ist eine besondere Konstellation.

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