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Nicht ohne mein Haustier

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Michael Lierz und Laura Heilen untersuchen »Chivas«. Seine Halterin ist zusammen mit dem Hund aus Charkiw vor den russischen Bomben geflohen. © Pfeiffer

Erstmals sind in der Erstaufnahme in Gießen auch Hunde und Katzen untergekommen. Die Kleintierklinik der JLU bietet dort nun kostenlose Sprechstunden für ukrainische Vierbeiner an

Gießen . Ein bisschen nervös scheint er schon zu sein: Mit großen Augen sitzt »Chivas« auf dem Untersuchungstisch und blickt in die vielen fremden Gesichter um ihn herum. Erst am Tag zuvor ist der ein Jahr alte Spitz mit dem braunen wuscheligen Fell in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen (EAEH) angekommen. Er und seine Halterin Yulia Kalmykova haben einen langen Weg hinter sich: Sie sind aus Charkiw im Nordosten der Ukraine vor dem russischen Angriff geflohen. In Gießen angekommen, bekommen nicht nur die Menschen ein Dach über dem Kopf. Auch ihre geliebten Haustiere dürfen in vielen Fällen bei ihnen bleiben - und werden dank der Kleintierklinik der Justus-Liebig-Universität (JLU) sogar kostenlos versorgt.

Keine Trennung von Mensch und Tier

»Für uns ist es eine völlig neue Situation, dass die Menschen ihre Tiere dabei haben«, sagt EAEH-Leiter Manfred Becker. Eigentlich gelte in der Einrichtung ein Tierverbot. Doch als der erste Bus mit ukrainischen Schutzsuchenden in Gießen ankam, die teils Hund oder Katze auf dem Schoß hatten, sei klar gewesen, dass man den Menschen nicht auch noch ihre geliebten Haustiere wegnehmen könne.

Doch was, wenn die Tiere nach der Flucht gesundheitliche Probleme haben? Und wie sieht eigentlich der Impfstatus der ukrainischen Vierbeiner aus? Hier kommen Prof. Michael Lierz, Leiter der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische, und seine Kollegen ins Spiel: An sieben Tagen die Woche bieten sie eine kostenlose Tiersprechstunde in der Erstaufnahmeeinrichtung an. Derzeit teilen sich 16 Tierärzte die Schichten. Das Angebot habe man »in Windeseile realisiert«. Ein »Glücksfall«, findet Becker. Schließlich würden die Tiere ebenso eine Versorgung benötigen, wie die Menschen.

»Ich würde mir den Hund gerne anschauen und seine Papiere und Impfungen überprüfen«, erklärt Veterinärmediziner Lierz. Ein Dolmetscher übersetzt derweil für Yulia Kalmykova. Sowohl sie als auch »Chivas« hätten die Flucht relativ gut überstanden, erzählt die junge Frau. Gemeinsam mit Tierärztin Dr. Laura Heilen hört Lierz das Herz des kleinen Hundes ab, erkundigt sich nach seinen Fressgewohnheiten und tastet den Bauch ab. »Das sieht alles gut aus.«

Da »Chivas« nicht gekennzeichnet ist, setzt ihm Lierz einen etwa reiskorngroßen Mikrochip unter die Haut. »Er wird wahrscheinlich etwas jaulen«, warnt der Veterinärmediziner die Hundehalterin vor. Mit der Kennzeichnung können Tierärzte etwa überprüfen, ob die Impfunterlagen zu dem vorgestellten Tier gehören. Außerdem können die Vierbeiner in Haustierregistern erfasst und im Falle eines Verlusts ihren Haltern wieder zugeordnet werden. Lierz setzt die Kanüle an und von »Chivas« ist kein Mucks zu vernehmen - stattdessen genießt der Rüde die Streicheleinheiten der Tiermediziner. »Der ist aber tapfer«, lobt Lierz, während er überprüft, ob der Mikrochip auch richtig sitzt.

Die Geflüchteten können ihre tierischen Mitbewohner mitbringen, ohne sich vorab um den üblicherweise notwendigen Papierkram kümmern zu müssen. Der Landkreis weist jedoch darauf hin, dass »unbedingt der Impfschutz der Tiere gegen Tollwut geprüft werden« muss. Denn während Deutschland seit 2008 offiziell als tollwutfrei gilt, treten in der Ukraine gelegentlich Fälle der meist tödlich verlaufenden Infektionskrankheit auf.

»Theoretisch könnte die Tollwut aus der Ukraine nach Deutschland gebracht werden«, sagt Lierz. Sehr wahrscheinlich sei dies aber nicht, denn die Krankheit werde dort in erster Linie bei Straßenhunden festgestellt. Die Tiere, die in der EAEH mit ihren Haltern ankommen, seien jedoch allesamt »top gepflegt«. Auch Flöhe seien daher kein Thema.

Während Yulia Kalmykova von Tierarzt Dr. Michele Klymiuk noch die Papiere ausgehändigt bekommt, warten vor der kleinen Praxis bereits die nächsten drei Patienten: »Felix«, »Njuscha« und »Krasawica«. Ihre Halterin hat die drei Möpse auf den langen Weg von Mykolajiw in der Südukraine bis nach Gießen mitgenommen. »Die Hunde haben nicht verstanden, was passiert«, erzählt sie. Weil der Bahnhof zerstört gewesen sei, habe sie sich nach Kriegsbeginn zunächst mit dem Auto auf den Weg nach Odessa gemacht, von dort ging es weiter Richtung Westen.

Michael Lierz blättert in den Unterlagen der drei Hunde. Weil ihre Impfungen bereits länger zurückliegen, frischt er sie auf. Bei »Njuscha« fällt ihm das gerötete Auge auf - eine Folge einer älteren Verletzung. »Wenn es sich nicht verschlechtert, ist es in Ordnung.« Weniger gut ist aber, dass alle drei Hunde etwas zu viel Gewicht mit sich herumtragen. »Man kann die Rippen nicht mehr fühlen. Ein Kilo weniger wäre nicht schlecht.«

21 Tage lang dürfen sich »Felix«, »Njuscha« und »Krasawica« nur angeleint bewegen, dann ist ihre Quarantäne vorbei. Ihr Frauchen bekommt von den Tierärzten zum Abschied noch eine große Tüte Trockenfutter - zwei Hersteller haben das Futter extra für die Sprechstunde gespendet.

Da täglich neue Schutzsuchende in der EAEH eintreffen, sei die Sprechstunde immer gut besucht, berichtet Michael Lierz. Hauptsächlich sind es Hunde, die auf dem Untersuchungstisch landen, seltener Katzen. Sogar einen Vogel hat jemand mit auf die Flucht genommen.

Nicht alle Tiere können aber tatsächlich in der Erstaufnahmeeinrichtung bleiben. »Ab einer gewissen Größe wird es schwierig«, gibt Leiter Manfred Becker zu bedenken. Sowohl die ukrainische Gemeinde als auch der Tierschutzverein Gießen hätten daher Pflegestellen organisiert, wo die Tiere bleiben können, bis ihre Besitzer eine passende Unterkunft gefunden haben.

Marija aus Odessa ist mit ihren drei kleinen Hunden - einem Chihuahua und zwei Japan Chin - bereits zum zweiten Mal in der Sprechstunde. Direkt nach ihrer Ankunft wurden die Vierbeiner untersucht, nun ist der jungen Frau das Futter ausgegangen. Einer der drei wolle zudem nicht so recht fressen und habe seit der Flucht an Gewicht verloren. »Zuhause habe ich für meine Hunde gekocht«, erzählt die junge Frau, durch den Krieg habe sie auf Trockenfutter umsteigen müssen. Ob das ihrem Hund nicht schmeckt? Michael Lierz schaut sich den Vierbeiner an und hat eine andere Vermutung: Das Zahnfleisch ist entzündet, vermutlich bereite ihm das harte Futter Schmerzen. Bis Marija wieder für ihre Tiere kochen kann, könne sie das Trockenfutter einweichen: »Dann tut es weniger weh.«

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