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Nicht wie Kartoffelsäcke behandeln

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Von: Ingo Berghöfer

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Mit seiner Antrittsvorlesung beginnt Volker Kauders Lehrtätigkeit an der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Volker Kauder bricht in seiner Antrittsvorlesung an der Freien Theologischen Hochschule Gießen eine Lanze für eine christliche Flüchtlingspolitik.

Gießen . »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen«, hat der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt all jenen ins Stammbuch geschrieben, für die Politik nicht in erster Linie die Kunst des Machbaren ist. Auch der frischgebackene Honorarprofessor der Freien Theologischen Hochschule Gießen (FTH), Volker Kauder, macht am Mittwoch in seiner Antrittsvorlesung gleich eingangs klar, dass er kein Mann der Visionen sei, sondern der Gewissheit - einer Gewissheit, die er als überzeugter Christ mit seinen Studenten teile.

Wahrscheinlich hätten alle 200 Studenten der FTH die erste Vorlesung des langjährigen Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in der voll besetzten Kapelle der Freien Hochschule besucht, die vorderen Plätze waren aber Kauders künftigen Kollegen und Gästen wie dem früheren Kanzleramtsminister Dr. Helge Braun (CDU) oder dem früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Hans-Jürgen Irmer vorbehalten.

Grundrecht in Gefahr

Nach der Begrüßung durch den Rektor der FTH, Prof. Stephan Holthaus, gab der neue Honorarprofessor für die Bereiche Religionsfreiheit und Politische Ethik einen ersten Abriss der Thematik, die für Kauder auch ein Lebensthema ist. »Religionsfreiheit weltweit unter Druck« hatte er seine Einführungsvorlesung überschrieben.

Obwohl Religionsfreiheit eigentlich ein Grundrecht sei, das sowohl als Absichtserklärung durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen als auch rechtsverbindlich durch den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte gut abgesichert wäre, machte Kauder in seiner Vorlesung gleich mehrere Faktoren aus, die die freie Religionsausübung weltweit gefährdeten.

Das sei zum einen der Zerfall staatlicher Ordnung in Teilen der Welt. Jeder Gewaltherrscher und Diktator sei in gewissem Maße um seine Reputation auf der Weltbühne besorgt, was ein Hebel der Diplomatie sein könne, um auch in repressiven Staaten auf Verbesserungen für verfolgte Angehörige religiöser Minderheiten zu drängen. Warlords könne man damit jedoch kaum beeindrucken. »Mit Boko Haram oder dem IS kann man nicht verhandeln«, konstatierte Kauder.

Einen weiteren Faktor machte er in der sich weltweit ausbreitenden Identitätspolitik aus, vor der auch Demokratien wie Indien nicht gefeit seien. Deren Präsident Narendra Modi verfahre nach der Devise: Nur ein guter Hindu ist auch ein guter Inder. Christliche Minderheiten seien deshalb ebenso wachsender Repression ausgesetzt wie die große muslimische Bevölkerungsgruppe des Subkontinents.

Die negativen Folgen solcher Identitätspolitik machte Kauder auch in Afrika aus, wo man Kritik am Umgang mit Minderheiten immer häufiger als neokolonialistische Anmaßung geißele, aber auch in Europa. Wenn etwa aus Kreisen der polnischen Regierung verlaute, dass man künftig nur noch Flüchtlingen christlichen Glaubens Asyl gewähren wolle, dann sei das »ein glatter Verstoß gegen die Religionsfreiheit«. Da müsse man sich schon fragen, was Jesus da wohl gesagt hätte. »Und was Jesus gesagt oder getan hätte, das hat bei uns früher immer der Heiner Geißler gewusst, und zwar ganz genau«, meinte er schmunzelnd, um dann wieder ernst anzufügen: »Ich weiß nur, dass Jesus Flüchtlinge nicht wie Kartoffelsäcke behandelt hätte.«

Ein potenzielles Einfallstor für eine Begrenzung der Religionsfreiheit machte der frühere Bundespolitiker aber auch in der EU aus. So habe der Europäische Gerichtshof im Zuge der Debatten um die Mohammed-Karikaturen und Charlie Hebdo auf der einen und dem von Frankreich angestrengten Burka-Verbot auf der anderen Seite die Religionsfreiheit unter den Vorbehalt der Regeln des Zusammenlebens gestellt. Die aber lege die Politik fest. Der Komplexität der Thematik, zu der neben dem Recht auf einen Wechsel der Religion auch die negative Religionsfreiheit gehöre, werde das EU-Recht damit nicht gerecht, meinte Kauder.

Reise in den Irak

Zum Abschluss seiner Vorlesung streifte er kurz das Feld der politischen Ethik. Er stellte die Frage nach dem gerechten Krieg und beantwortete sie gleich selbst: »Für die katholische Kirche gibt es ihn, für die evangelische nicht, obwohl man da seit dem Ukrainekrieg auch gewisse Auflösungserscheinungen beobachten kann.« Anschaulich schilderte er eine Reise zu den vom IS bedrohten Christen im Irak. Anschließend hatte Kauder sich massiv für die Lieferung panzerbrechender Waffen an die kurdischen Peschmerga-Kämpfer ausgesprochen. Damit später in Deutschland von einem Journalisten konfrontiert, habe er geantwortet: »Kann sein, dass ich damit Schuld auf mich lade, aber dass mache ich nicht mit Ihnen, sondern mit meinem Gott aus.« Mit den Worten »Bleiben Sie behütet« beschloss Volker Kauder seine Antrittsvorlesung.

Im Anschluss überreichte ihm Rektor Stephan Holthaus die Ernennungsurkunde des Hessischen Wissenschaftsministeriums. Holthaus kündigte zudem an, dass Kauder in den kommenden Semestern gemeinsam mit anderen Professoren und Dozenten ein neues Standardwerk zur Geschichte der Christenverfolgungen der Gegenwart erstellen wolle.

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