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Nichts als die literarische Wahrheit

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Von: Björn Gauges

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Gerhard Henschel Foto: dpa © dpa

Gießen. Wenn ein Schriftsteller - in dieser Reihenfolge - in Hannover, Koblenz, Vallendar und Meppen aufgewachsen ist, und eine von ihm ins Leben gerufene Romanfigur in ebenjenen Städten ihre Kindheit und Jugend erlebt, dann dürfte der Fall eindeutig sein: der fiktive Held Martin Schlosser hat jede Menge, wenn nicht so ziemlich alles, mit seinem Schöpfer Gerhard Henschel gemein.

Der hat vor knapp 20 Jahren ein ganz besonderes literarisches Projekt begonnen, das die Geschichte seines Alter Egos chronologisch und ziemlich detailliert auffächert und auf diese Weise mittlerweile bei Band neun angelangt ist: dem »Schauerroman«.

»Die Gemeinsamkeiten zwischen uns haben die Arbeit ungemein erleichtert«, scherzte Henschel jetzt als Gast des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) im KiZ. »Ich muss nur bei der Wahrheit bleiben.« Doch geht es dem 60-Jährigen natürlich nicht darum, sich beim Schreiben möglichst wenig anzustrengen. Seine literarische Biografie solle nicht »breit und behäbig sein wie bei Thomas Mann«, erklärte er. Vielmehr ist seine Darstellung der Realität an die Montagetechnik seines einstigen Lehrers und langjährigen Freundes Walter Kempowski angelehnt und dem Alltag anhand »aneinandergereihter Erinnerungssplitter« abgelauscht.

Angekommen im Jahr 1992

Im »Schauerroman« befindet sich Martin Schlosser mittlerweile im Jahr 1992, in dem seine literarische Karriere langsam Fahrt aufnimmt, er als Redakteur beim bekannten Frankfurter Satireblatt »Titanic« anheuert, während zugleich sein Vater sterbenskrank in Meppen lebt (daher der Titel). Ausschnitte dieses aktuellen Werks stellte Henschel, dem gerade der »Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor« 2023 zuerkannt wurde, nun beim LZG vor, das den Leseabend gemeinsam mit der Walter-Kempowski-Gesellschaft initiiert hat. Dazu sprach er mit deren Gießener Vorsitzenden Julia Stein über das Roman-Projekt und seine Arbeit. So nähere er sich derzeit gerade dem 21. Jahrhundert und habe die nächsten Titel bereits im Kopf: Großstadtroman, Altersroman, und schließlich Arztroman könnten sie etwa heißen, bevor Schlosser schließlich das Zeitliche segnet.

Doch zunächst zurück in die frühen 90er. Dazu zählen Frauenbekanntschaften, Redaktionskonferenzen, Familienbesuche sowie eine Episode, die den jungen Autoren auf Lesereise ins ostdeutsche Provinznest Hoyerswerda führte. Schreiend komisch ist das Kapitel, in dem Schlosser dort bei einem alten Arbeiter einquartiert wird, der ihm ein überheiztes, geschmacklos eingerichtetes Gästezimmer überlässt. Und zugleich schimmert durch, wie dieser naive, gutmütige alte Herr kurz nach dem Mauerfall von westlichen Betrügern übers Ohr gehauen wurde, die ihm eine Brockhaus-Ausgabe für einen vierstelligen Betrag untergejubelt haben.

Darin zeigt sich exemplarisch, wie meisterlich Henschel die Satire mit den Zeitläuften zu verbinden weiß und wie dicht er die Atmosphäre dieser Jahre zu schildern versteht. Dazu trägt bei, dass er in jahrelanger Recherchearbeit alte Zeitungen und Magazine in der Hamburger Stadtbibliothek studiert hat sowie alte Serien und Werbefilmchen der Zeit im Internet gefunden hat. Und schließlich hat Henschel auch ein eigenes Archiv angelegt, in dem sich ein umfangreicher schriftlicher Nachlass seiner Familie befindet. »Ich kann da aus dem Vollen schöpfen«, sagte er im KiZ.

Was bedeutet, dass wir Leser uns schon jetzt auf den nächsten Schlosser-Roman freuen dürfen. Im Herbst 2023 wird er veröffentlicht.

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