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Nichtschwimmer im offenen Meer

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Auch wenn der Spielkamerad von gestern inzwischen positiv auf das Coronavirus getestet wurde, dürfen Kinder weiterhin die Kita besuchen. © Mosel

Aktuelle Quarantäne-Regeln in Gießener Kitas sollen Familien entlasten - und erreichen das Gegenteil. Aber nach zwei Jahren Pandemie freut man sich ja über die kleinen Dinge im Leben.

Gießen. Die Mails kommen mittlerweile täglich, manchmal sind es sogar zwei. Die neusten Nachrichten aus der Kita werden nur noch stoisch zur Kenntnis genommen. Nach zwei Jahren Pandemie freut man sich ja über die kleinen Dinge im Leben: Die Lolli-Tests sind endlich da! Im Gegenzug der dringende Appell, die Kinder bitte weiterhin zu Hause zu lassen, verkürzte Öffnungszeiten, Notbetreuung und die Aussicht, dass die Kita schon bald komplett dicht sein könnte, sollten die Krankheitsfälle weiter steigen und dann auch die beiden verbliebenen Fachkräfte betreffen. Klar, diese Situation war abzusehen. Hat das bei der Erstellung der aktuell geltenden Quarantäne-Maßnahmen irgendjemanden interessiert? Eher nicht.

Rückblick, November 2020: Ruhig bleiben, jetzt ist es soweit, es gibt den ersten Corona-Fall in der Kita. Ein Kleinkind ist positiv getestet worden, es wird schon seit einigen Tagen von seinen Eltern zu Hause betreut, nachdem es Symptome entwickelt hat. Die komplette Einrichtung muss zwei Wochen in Quarantäne, ungeachtet dessen, ob überhaupt Kontakt bestand.

Gut ein Jahr später gelten andere Regeln und plötzlich - der Verdacht lag schon vorher nahe - sind die einst als »Pandemietreiber« verschrienen Kinder gar nicht mehr so wichtig. Seit Mitte Januar ordnet das Gesundheitsamt in Kitas keine pauschale Quarantäne mehr an. Heißt konkret: Das infizierte Kind oder die infizierte Betreuungskraft müssen für zehn Tage in Isolation. Das war’s. Alle anderen können be(un)ruhigt weiter spielen, ganz egal, ob ein nun positiv getestetes Kind tags zuvor noch mit in der Bauklötzchen-Kiste gewühlt hat. Denn wegen des hohen Anstiegs an Ansteckungen mit der Omikron-Variante würden Eltern ansonsten nämlich zu sehr belastet, sagt das Gesundheitsamt. Und am Ende könnten die Erziehungsberechtigen dann vielleicht nicht mehr an ihrem - mitunter systemrelevanten - Arbeitsplatz erscheinen. Aufatmen. Endlich wird also mal an die Familien gedacht, das wurde aber auch allerhöchsteZeit… Ach, Moment.

Eventuell sieht die Realität geringfügig anders aus: Der erste Corona-Fall unter der Neu-Regelung wird an einem Donnerstagnachmittag gemeldet. Am Montag darauf kommt die Kita-Mail besonders früh und ist eher ein Hilferuf. Bitte bringen Sie Ihre Kinder möglichst nicht her! Durchseuchung statt Schutz - das ist wohl aktuell angesagt, wenn es um die Kleinsten geht, die in den allermeisten Fällen noch nicht einmal geimpft werden können.

Die Verantwortung tragen - natürlich - die Eltern. Die können ihr Kind schließlich einfach zuhause lassen, wenn das Kita-Risiko zu hoch ist. Eine wahrscheinliche Corona-Ansteckung in Kauf nehmen oder eben mal wieder ein paar Wochen an der Arbeit fehlen, schlimmstenfalls den Job verlieren - wir haben es gütigerweise selbst in der Hand! Notfalls müssen halt die Großeltern als Betreuer einspringen. Die Zeiten, in denen genau die geschützt werden sollten sind doch lange vorbei, oder?

Die Corona-Verläufe bei Kindern mögen in der Regel mild sein, die Sorge bleibt trotzdem. Und überraschenderweise hängt an jedem Kind - und übrigens auch an jeder Erzieherin und jedem Erzieher - eine Familie, Freunde, Bekannte und mit ihnen: mögliche Risikopatienten.

Das Ganze fühlt sich in etwa so an, als renne man nun seit zwei Jahren vor dieser schäumenden, rauen Welle weg, wird vor ihr hergetrieben. Nun ist das Wasser so nah und die eigene Kraft so geschwunden, dass gar keine andere Möglichkeit mehr bleibt, als die Luft anzuhalten und zu schwimmen - mit der Hoffnung, die Hand des kleinen Menschen nebenan zu erwischen und mit an die Oberfläche ziehen zu können. Denn Kinder sind Nichtschwimmer in diesem Szenario. Die Schwimmbäder waren nämlich über Monate geschlossen. So ist die Warteliste für das »Seepferdchen« noch immer lang, genauso wie für die Aufnahme im Sportverein. Aber kein Problem, die Kinder kriegen das schon hin. Wenn der Kopf erstmal wieder über Wasser ist.

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