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»Nirgendland« ist überall

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Chormusik und Erzählungen präsentierte ein überregionales Vokalensemble beim Vorabend. Foto: Jung © Jung

Viele Gäste waren zum Themenabend in der Jungen Kirche Gießen gekommen. Mit Texten und Musik ging es um Flucht und Ankommen.

Gießen. »Die Person ist seit wenigen Tagen in Gießen«, war die gute Nachricht von Lydia Katzenberger, eine der Erzählerinnen beim Vorabend zum Thema »Wohin? Flucht und Ankommen, Begegnungen zwischen Ich und Du«. Sie arbeitete eine Zeitlang in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen und schilderte die Begegnung mit einer Frau, die »im Nirgendland«, noch nicht in Deutschland, unterwegs war. Das Zusammentreffen bezeichnete sie als vertrauensvoll und bereichernd.

Eine andere Erzählerin schilderte das Zusammentreffen mit einer 13-Jährigen in der Gemeinschaftsunterkunft, die auf Wohnungssuche war. Allerdings war sie nicht erfolgreich, »traurig, aber nicht mutlos« saß die Jugendliche vor ihr. Wütend blieb die Sozialarbeiterin zurück, enttäuscht von den deutschen Sozialgesetzen.

»Verflixte deutsche Sprache«

Auch die Begegnung in der Küche mit einer Ukrainerin bekamen die zahlreichen Gäste zu hören. »Verflixte deutsche Sprache«, entfuhr es der 40-jährigen Frau bei Hühnersuppe und starkem Kaffee, aber die vor dem Krieg Flüchtende fühlte sich wohl in der nordhessischen Provinz. »Wir auch«, resümierte die Vortragende. Ob im »Flüchtlings-Hotspot« Samos, in einem Camp auf dem griechischen Festland oder der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen - das Nirgendland ist in Europa überall zu finden.

In der Jungen Kirche erlebten die zahlreichen Gäste dazu Chormusik, gepaart mit Erzählungen aus Samos und Nea Kavala, Griechenland, und Gießen. »Wohin ich immer reise, fahr ich nach Nirgendland«, schrieb Mascha Kaléko im vergangenen Jahrhundert. Die Sehnsucht nach Heimat spricht aus den Gedichten dieser Frau, die zeitlebens Geflüchtete war - und kommt im gleichnamigen Chorzyklus von Erna Woll zum Klingen.

Dieses Werk und weitere Chormusik wechselten sich mit persönlichen Texten ab, in denen Sprecherinnen ihre Begegnungen zwischen Menschen auf der Flucht und Menschen ohne Fluchterfahrung beschrieben. Die Texte traten mit vertonten Gedichten in Dialog; Erna Woll, Mascha Kaléko: »Wohin ich immer reise« und Kenny Poter, Emily Dickinson: »Hope«.

Funken der Hoffnung suchen

Ein überregionales Vokalensemble aus Hessen unter der Leitung von Mareike Hilbrig gestaltete den nachdenklichen Vorabend. Und gab dem Drängen der zahlreichen Gäste nach einer Zugabe nach. Pfarrer Dr. Gabriel Brand von der evangelischen Stadtkirchenarbeit moderierte die Veranstaltung, bei der sich auch die Möglichkeit bot, Fragen zu stellen.

Mit dem musikalisch-literarischen Themenabend wollten die Initiatoren erreichen, das Besucherinnen und Besucher sich aufrütteln lassen und nach Funken der Hoffnung suchen - in Musik und Text.

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